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Dies hat natürlich seine Gründe: Das Chopin-Spiel der Argerich ist alles andere als konventionell und ist ebenso mitreißend wie polarisierend. Wenngleich ihr Temperament im Studio im Vergleich zu Live-Aufnahmen ein wenig gebremst wird, sind ihre Interpretationen nur als ein Feuerwerk sich abwechselnder musikalischer Seelenzustände zu bezeichnen. Dies gilt insbesondere für die Préludes op. 28. Viele Einspielungen dieses Zentralwerks von Chopin arbeiten vor allem die Unterschiede der Einzelstücke heraus, während bei anderen ein Gefühl von Geschlossenheit trotz aller Kontraste spürbar ist. Kissin (RCA) und Pogorelich sind beispielhaft für die erstgenannte Kategorie, während Argerich und auch Pollini (DG) in die zweite fallen. Die Argentinierin geht dabei noch weiter als ihr italienischer Kollege; wenngleich sie wie kein anderer die extremen Gegensätze der Préludes auslotet, bleibt eine bestimmte, vorwärtsdrängende Grundhaltung immer spürbar. Kaum jemand spielt etwa Nr. 18 oder 22 mit ähnlichem Impetus, oder Nr. 15 so funkensprühend-brilliant. Wer Ausgewogenheit und sparsame Rubati bevorzugt, muß sich anderweitig umsehen (etwa bei Lugansky) - aber dennoch kann man sich der musikalischen Faszination kaum entziehen. Dabei ist jedoch anzufügen, daß Argerich bei aller atemberaubenden Virtuosität nicht die technische Seite der musikalischen opfert; ihr interpretatorisches Konzept entspringt ihrem impulsiv-glühenden Naturell und wirkt daher nie aufgesetzt oder künstlich, wie dies zuweilen bei Kissin zu beobachten ist. Dies gilt ebenso für die zweite Klaviersonate, die annähernd zeitgleich mit den Préludes aufgenommen wurde. Auch hier bevorzugt die Pianistin sehr schnelle Tempi, was nicht allen Sätzen gleich gut bekommt. Überzeugend wirkt dies vor allem im zweiten, wo sie von dunkel-bedrohlich bis furios-dramatisch alle Register zieht. Die verträumte Stimmung des Mittelteils überträgt sich jedoch nicht auf den folgenden Trauermarsch, der dann doch etwas zu zügig angegangen wird. Andsnes (Virgin) etwa zeigt da etwas mehr Introspektive und im ersten Satz mehr Geduld im Aufbau, wirkt nicht so manisch-nervös wie Argerich. Kaum jemals jedoch konnte man den Schlußsatz ähnlich unheimlich im Halbpedal hören - ein wahrer Todeswind, der da gespenstisch über die Gräber streicht.
Alles in allem kein neues Material also, aber für diejenigen, die diese Werke mit der argentinischen Pianistin noch nicht in ihrer CD-Sammlung haben, dennoch ein Pflichtkauf - zumal das Preis-/Leistungs-Verhältnis exzellent ist. Alternativ gibt es auch die Préludes mit einigen Extra-Stücken auf einer CD; an neueren, klangtechnisch ausgefeilteren Aufnahmen seien hier Andsnes (Virgin) für die Sonate und Lugansky (Erato) für die Préludes empfohlen.
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