Kritik der Souveränität Judith Butler über Politik und Ethik Vom Ganzen der Geschichte ist wieder vermehrt die Rede. In dem Bedürfnis, die Zeit auf ihren Begriff zu bringen, macht die geschichtsphilosophische Betrachtung derzeit geradezu Furore. Ob indes holzschnittartige Gegenüberstellungen von Liberalismus und Totalitarismus sich dazu eignen, das historisch Besondere jener Verwerfungen jüngsten Datums kenntlich zu machen, scheint fraglich. Tritt hier nicht allzu rasch Vertrautes an die Stelle des Unvertrauten? Aufschlussreicher dagegen scheint die Arbeit am konkreten Einzelproblem. Judith Butlers jüngstes Buch widmet sich dieser Aufgabe. Man muss die Autorin hierzulande nicht mehr einführen. Einen Namen hat sich die an der University of California in Berkeley lehrende Philosophin in den frühen 1990er Jahren mit ihrer poststrukturalistisch inspirierten Kritik und Renovation des Feminismus gemacht. Vor zwei Jahren kam ihr die Ehre zu, die erste Adorno-Vorlesung in Frankfurt zu halten; eine Einladung, die Butler zum Anlass nahm, in Auseinandersetzung mit Adorno, Foucault und Lévinas eine «Kritik der ethischen Gewalt» zu formulieren. Ausgehend von ihrer an anderer Stelle ausgeführten Kritik des Subjektbegriffs beschrieb sie damals die Einbusse von Souveränität und das Eingeständnis von Verletzbarkeit als Bedingungen für moralisches Handeln. Guantánamo Butlers neues Buch versammelt fünf Essays, die allesamt um das Thema von Politik und Ethik kreisen. Ein vorzügliches, fünfzigseitiges Kapitel widmet die Philosophin jenem umstrittenen Lager, das die amerikanische Regierung in Guantánamo für die Gefangenen aus Afghanistan errichten liess. Aus Sicht der Administration Bush handelt es sich bei den auf unbestimmte Zeit Verwahrten um keine Kriegsgefangenen im Sinne der Genfer Abkommen, sondern um «unrechtmässige Kombattanten», denen kein Zugang zum amerikanischen Rechtssystem und damit kein Anspruch auf ein reguläres Strafverfahren zustehe. Sie würden aber, «soweit angemessen», den Abkommen «entsprechend» behandelt. Allein, was sind das für Häftlinge, wenn es sich nicht um Kriegsgefangene handelt? Weshalb sind noch immer keine Anklagen erhoben worden? Und sollten dereinst Anklagen erhoben werden, was für Urteile müssen die auf Guantánamo in Gewahrsam Genommenen gewärtigen? Gefragt nach den Grundregeln der geplanten Prozesse, erläuterte ein Vertreter des Verteidigungsministeriums am 21. März 2002: «Hätten wir einen Prozess zum jetzigen Zeitpunkt, wäre es vorstellbar, dass jemand freigesprochen, aber nicht automatisch freigelassen würde.» Das wiederum erinnert an jene Welt Kafkas, in der es Freisprüche gibt, die keine Freisprüche sind. In einem eindrücklichen Text analysiert Butler anhand des umstrittenen Lagers die Wiedergeburt der Souveränität im Geiste dessen, was Foucault «Gouvernementalität» nannte. Das Lager auf dem Militärstützpunkt erweist sich gerade nicht als Ausnahmezustand, in dem das Recht kraft souveräner Entscheidung aufgehoben ist; in Guantánamo gilt vielmehr anderes, nämlich von der Exekutive verfügtes Recht. So wird eine neue Gestalt gouvernementaler Gewalt sichtbar, als Resultat einer Machtform, die auf Regulierung, Überwachung, Verwaltung und Verwahrung spezifischer Bevölkerungsgruppen abzielt. Verletzlichkeit und Trauer Als Reaktion auf die Richtung, die die amerikanische Politik nach den Anschlägen vom 11. September 2001 nahm, ist auch der Essay «Violence, Mourning, Politics» zu lesen, in dem Butler eine Politik der Trauer skizziert, die sich gegen den gegenwärtig dominanten Diskurs der Stärke wendet. Wie die Philosophin erläutert, kann der Mensch dem Faktum seiner Verletzbarkeit nicht entrinnen. Vom Andern abhängig zu sein, zeichne das Menschliche gerade aus. Da alle herkömmliche Ethik am Prinzip der Souveränität, der Autonomie und Selbsttransparenz des Subjekts, festhalte, werde sie dem Menschen in seiner Konstitution als prekäres, fragiles, fehlbares Wesen nicht gerecht. Auf Alain Badious Vorschlag, das Ethische gerade mit dem ebenso menschlichen? Begehren nach Unverletzbarkeit und Unsterblichkeit, mit der Überwindung des Menschen also, beginnen zu lassen, geht Butler freilich nicht ein. Von dem Faktum der Verletzbarkeit leitet die Philosophin in Anlehnung an Lévinas schliesslich die Kategorie der Verantwortung ab. Wer die Fragilität des Menschen ausnütze, mache sich schuldig. Verantwortung aber liege darin beschlossen, wie der Mensch auf Verletzungen reagiere. Das Verlangen nach Vergeltung entpuppt sich dabei als Bestreben, die eingebüsste Souveränität abermals zu erlangen auf Kosten dessen freilich, was das Menschliche nach Butler auszeichnet. Jenseits des Begehrens der Souveränität eröffne sich das Feld der Arbeit an der Trauer, einer Trauer zumal, die auch jenen zugute komme, die bisher unbeweint und grablos geblieben seien. Um das Thema von Politik und Ethik dreht sich auch jener bekannte Essay, den Butler im August letzten Jahres in der «London Review of Books» veröffentlicht und der nun Aufnahme in «Precarious Life» gefunden hat. Anlass waren Aussagen des Präsidenten der Harvard University, Lawrence Summers, in denen dieser den Kritikern der Regierung Sharon antisemitische Beweggründe unterstellt hatte. In ihrer Antwort besteht Butler auf dem Unterschied zwischen legitimer Kritik Israels einerseits und antisemitischen Ansichten andererseits. Zudem macht die Autorin, die selbst jüdischer Herkunft ist, darauf aufmerksam, dass Summers den Staat Israel implizit mit den Juden identifiziere. Gerade darin aber, dass nicht alle Juden sich zur Politik Israels bekennen, erblickt Butler die Bedingung der Möglichkeit einer anderen jüdischen Zukunft. Einer Zukunft, der letzte Essay macht es deutlich, für die wiederum der Name Emmanuel Lévinas steht. Carlo Caduff
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"If we are interested in arresting cycles of violence to produce less violent outcomes, it is no doubt important to ask what, politically, might be made of grief besides a cry for war." -- Judith Butler "If Precarious Life represents a departure from the subject of gender, it's clear that its author is still interested in stirring up trouble -- academic, political and otherwise." -- Bookforum "A book that shines with the splendor of engaged thought." - Brooklyn Rail "One of Butler's most topical and accessible books." -- Women's Review of Books "Hers is a unique voice f courage and conceptual ambition that addresses public life from the perspective of psychic reality, encouraging us to acknowledge the solidarity and the suffering through which we emerge as subjects of freedom." - Homi K. Bhabha