Dieses Buch ist für Herrn Meyer wirklich bemerkenswert, denn er ist ja bekannt als Autor theorie- und didaktiklastiger Bücher, der sich wie viele aus dem pädagogischen Establishment bisher herzlich wenig darum gekümmert hat, ob ihre Alt-68er-Thesen in irgendeiner Form belegbar sind oder der wissenschaftlichen Prüfung standhalten. Mit "Kopf, Herz und Hand komm ich allein durchs ganze Land", so erschien mir bisher sein Credo.
Diese seit fast 30 Jahren versäumten wissenschafltichen Belege versucht er nun im Eilzugtempo nachzureichen, denn PISA zwingt ja auch ihn, die Wirkungskette: "schlechte Schüler = schlecht ausgebildete Lehrer = schlechte Seminare = unwissenschaftlich arbeitende Didaktiker" irgendwie argumentativ zu entkräften.
So dreht er sich also um 180 Grad und versucht uns nun, als Wende-Empiriker mit jeder Menge Abschreibarbeit bei (man höre und staune) NICHT DEUTSCHEN Koryphäen des amerikanischen und britischen Auslands alten Wein in neuen Schläuchen zu bieten.
Er nimmt sich Brophy's 12 Kriterien von 2000 vor und versucht sie uns als 10 deutsche Kriterien neu unterzujubeln. Dabei muss er an vielen Stellen eingestehen, dass seine Thesen der Vergangenheit der empirischen Prüfung nicht standhalten. Er muss eingestehen, dass die völlig lehrerzentrierte Unterrichtsmethode der "Direct Instruction" die besere ist, wenn es ums fachliche Lernen geht, obwohl er mit keinem Wort erklärt, wie "Direct Instruction" denn nun funktioniert. Hier verweise ich auf J.Grell in "Zwölf Unterrichtsmethoden" der da genau diese Methode sehr genau mit soviel pointierter Kritik am pädagogischen Establishment erklärt, dass er in den aktuellen Quellenlisten des Herrn Meyer gar nicht mehr auftaucht.
Das Buch strotzt ansonsten nur so vor "Merkwürdigkeiten".
1. Laut Herrn Meyer hat die Unterrichtsforschung in den "letzten Jahren" erhebliche Fortschritte gemacht. Doch die wesentlichen internationalen Studien zu seinen Kriterien (Kounin,Rutter,Slavin) fanden in den 70ern und 80ern statt und wurden die folgenden 14 bis 18 Jahre von unseren Gurus nahezu ignoriert oder totkritisiert, solange bis PISA sie zwang, Stellung zu ihrer unwissenschaftlichen Arbeitsweise zu nehmen.
2. Im ganzen Buch (von 2004) fand ich genau 2 Internet-Links, einer davon verweist auf Meyers eigene Webseite. Ich bin wirklich mal gespannt, wie man auf diese Weise international am Ball bleibt...
3. Ich kann mit Hernn Meyers drolligen Bildchen kaum etwas anfangen, da sie in ihrem Sponti-68er-Stil mehr verwirren als offenlegen. Auf seiner "Landkarte zur Methodik" finden sich zwar extrem viele Methödchen aber das wirklich wichtige "Direct Instruction" fehlt völlig.
Insgesamt also trägt dieses Buch für mich als Praktiker nichts bei zur Unterrichtsverbesserung, lediglich der Canossa-Gang unserer Pädagogik-Vorturner hin zur OECD-Denke und zum Bekenntnis der eigenen Mittelmäßigkeit gibt Hoffnung auf Verbesserung der desolaten Situation deutscher Pädagogikwissenschaft.
Mein Fazit: Lassen Sie dieses Abschreibekunstwerk beiseite und wenden Sie sich den Originalen zu. Die Bücher von Kounin, Good/Brophy und auch Grell sind für Praktiker wesentlich informativer und stringenter. (Und die Feststellung, dass die Deutschen die Pädagogik weder erfunden noch in den letzten 30 Jahren weiter gebracht haben kann uns Praktikern auch nicht schaden)