Der Autor war 25 Jahre als Facharzt für Innere Medizin als Hausarzt in eigener Praxis im schönen Südwesten Deutschlands tätig, verhältnismäßig wohlhabende Gegend, Kleinstadt nahe Basel, Arztgattin als behütender Engel im Hintergrund, viel Arbeit, dankbare Patienten - ein Idyll, wie aus Vorabend - Arztserien? Leider nein. Nach 25 Jahren hat hier ein gestandener Hausarzt von diesem deutschen Gesundheitssystem die Schnauze gestrichen voll und gibt die Praxis schon mehrere Jahre vor dem eigentlich geplanten Ruhestand auf, möchte "seine Arbeitskraft diesem Gesundheitssystem nicht mehr zur Verfügung stellen." Nicht der bei aller Arbeitsbelastung schöne Beruf des Arztes macht ihm zu schaffen, sondern die gesetzlichen, politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, das Ausbaden müssen politischer Fehlentscheidungen zu Lasten eines vertrauensvollen und gedeihlichen Verhältnisses zwischen Arzt und Patienten, das Alleingelassensein von Seiten der öffentlich-rechtlichen Körperschaften, die den Arzt "eigentlich" vertreten sollen. Punkt für Punkt, Kapitel für Kapitel in einem auch für Ältere gut lesbar gedruckten nur gute 200 Seiten starken Taschenbuch listet Michael Borowsky auf, warum das deutsche Gesundheitssystem so funktioniert, wie es funktioniert, oder besser: eben nicht mehr funktioniert. Der Widersinn des Abrechnungssystems, jetzt zwar in Euro, statt früher in Punkten, aber je Patient und Vierteljahr nur bis zu einem bestimmten Eurobetrag, danach arbeitet der Arzt weiter für Gotteslohn bei weiterlaufenden Praxiskosten, der Wahnsinn der Bedrohung durch Regresse, nur einen bestimmten Betrag in Euro pro Patient und Quartal darf die ärztliche Behandlung kosten, sonst darf der Arzt den überschüssigen Betrag aus eigener Tasche ausgleichen, soll aber trotzdem seine Mitarbeiterinnen bezahlen und seine Familie ernähren, die Behandlung des erwachsenen Staatsbürgers und Arztes durch den Gesetzgeber, wie im Kindergarten - oder wie einen unmündigen DDR-Bürger? - durch nachzuweisende Fortbildungspunkte trotz täglicher Praxis und langjähriger Weiterbildung zum Facharzt nach langjährigem Medizinstudium, die unendlichen Änderungen der Änderungen von Richtlinien der Krankenkassen und Kassenärztlichen Vereinigungen - all diese Dinge sind dem Rezensenten aus seinem eigenen Berufsalltag als niedergelassenem Facharzt für Dermatologie wohl bekannt, denn sie betreffen nicht nur die Hausärzte. Unabhängig von der Fachrichtung des Arztes produziert dieses Gesundheitssystem eine Verfahrensweise des "industriemäßigen Abarbeitens möglichst hoher Fallzahlen" mit möglichst wenig Bedarf an Beratungen, Untersuchungen und Verschreibungen, statt sich fachgerecht um die wirklich Behandlungsbedürftigen kümmern zu können. Diese mögen bitte je teurer Medikamentenverschreibung am liebsten noch 20 bis 100 Leute mitbringen, die eigentlich nicht krank sind, nur einmal im Quartal ihre Chipkarte einlesen, damit der Doktor nicht auch noch die Arzneimittel bezahlen muss. Die Probleme sind seit Jahren bekannt, trotz Protesten ändert sich nichts. Auch dieses Buch kann die Probleme nur benennen und spricht mir in vielen Dingen aus dem Herzen, wenn ich auch nicht alle Auffassungen des Kollegen teilen kann. Warum bemüht er an einer Stelle wieder das alte, schon von Schmidt und Lauterbach missbrauchte Klischee vom guten, preisgünstig behandelnden Hausarzt im Gegensatz zum überteuerte Diagnostik betreibenden Facharzt? Warum empfiehlt er als Finanzierung des Gesundheitssystems ausgerechnet die Bürgerversicherung; wird das Gesundheitswesen dadurch besser, dass es alle Bürger auf gleich schlechtem Niveau in die Gesetzliche Krankenkasse gezwungen werden? Das Buch benötigt im Anhang ein Glossar, nicht weil es so unverständlich geschrieben ist, sondern weil so viele Dinge in diesem Gesundheitssystem unverständlich sind, für jemanden, der nur als gesetzlich Versicherter die Hilfe seines Arztes braucht und ihn damit ungewollt in alle mögliche Bedrängnis bringen kann. Gerade den Nicht-Medizinern und nicht als Krankenkassenverwalter mit der Materie vertrauten empfehle ich dieses Buch. Den Betreffenden in Politik, Gesetzlichen Krankenkassen, Kassenärztlichen Vereinigungen, Ärztekammern, und sonstigen öffentlich-rechtlichen Körperschaften, die ihre Existenz in diesem Gesundheitssystem rechtfertigen, möge dieses Buch die Schamröte ins Gesicht treiben und schlaflose Nächte bereiten, angesichts dessen, was sie Ärzten und Kassenpatienten seit Jahren zumuten.