Nach der ersten Auflage des Buchs 2004 hat der Kohlhammer Verlag aufgrund des nachhaltigen Bedarfs in nahezu gleichem Umfang und Qualität eine zweite, überarbeitete Auflage vorgelegt. Konzentriert auf die vier Hauptkapitel Zugang zu den Kriseninterventionen", Krisenhelfer weiterbilden", Mit den Nutzern arbeiten" und Bei Gewalt und Trauma helfen" spannen die Fachbeiträge den Bogen weit. Beginnend mit Krisendefinitionen gesellschaftspolitischer Art (Heiner Keupp) und endend bei der Internet Online-Beratung (Florian Klampfer und Petra Risau). Immer geht es im Buch auch um die Klienten der Krisenintervention, die nunmehr noch deutlicher als zuvor als Mitarbeitende gesehen werden, weil sie etwas sehen, was wir als Professionelle eben so nicht erfahren haben.
Unverzichtbar Manuel Rupp zum professionellen Umgang mit gewalttätigen Patienten, Michael Witte über die Erreichbarkeit suizidaler Männer, Iris Hölling aus antipsychiatrischer Sicht für Psychiatrie-Betroffene, Anja Link und Christiane Tilly für die Sicht der Vielmelder/Heavy User, Sönke Behnsen zum Umgang mit psychisch kranken Wohnungslosen, Eva M. Reichelt mit Migranten, Carlos Escalera bei Menschen mit geistiger Behinderung, Sigrid Meurer zur Krisenintervention bei Kindern und Jugendlichen oder Burkhard Brückner bei Alterskrisen, und neu, Volkmar Aderhold zu dem Aspekt, was wir aus Skandinavien bei Kriseninterventionen lernen können.
Reinhart Peukert, sich einleitend sehr persönlich als Angehöriger seines erkrankten und verstorbenen Bruders zeigend, nimmt die Perspektive des Angehörigen zur Funktion und Wirkung des Krisendienstes wahr. Hier allerdings bedürfte es noch einer weiteren Perspektive, denn der Krisendienst mit den häufigsten Einsätzen ist doch der innerfamiliäre. Wie viele Angehörige haben kritische Situationen erfahren und durchgestanden, ohne professionelle Hilfe zu erhalten? Wie viele Angehörige haben deeskalieren" müssen, ohne jemals von diesem Wort gehört zu haben? Wie viele Angehörige haben ohne den Hauch einer institutionellen Sicherheit im Rücken Lösungen suchen müssen, über die sie nie informiert und jemals aufgeklärt wurden? Hier wäre ein Beitrag später zu ergänzen, der die innerfamiliäre Perspektive wahrnimmt, wie kann ich als Angehöriger deeskalieren, welche Fehler sollte ich vermeiden, ab wann muss ich professionelle Hilfe rufen?
Auf der Metaebene der Praxis Krisenintervention" findet sich nicht zufällig vorne das für alle Anbieter unerlässliche Kapitel Öffentlichkeitsarbeit von Ulrike Scheuermann, wohl wissend, dass z.B. die Krisendienste eben nicht zu den Pflichtleistungen der Städte und Kreise gehören. Ilse Eichenbrenner analysiert erfahrungsstark und mit Binnensicht das Verhältnis von Krisendienst und Sozialpsychiatrischen Dienst. Eine Theorie für die Praxis und vom Nutzen der Krisenmodelle, damit setzt sich Wolf Ortiz-Müller auseinander, dem neben Ulrike Scheuermann und Silke Birgitta Gahleitner die Neu-Konzeption dieses ausgesprochen informativen und tatsächlich nicht nur praxisnahen sondern durch und durch praktischen Buches gelungen ist.
Mein Resumeé: Dies Buch füllt weiterhin auf sehr gekonnte Weise die große Lücke zwischen praktischer Krisenintervention und ihrer grundsätzlichen Methodik. Dies gelingt auch, weil die Autorinnen und Autoren die Hilfestellung mit den notwendigen begleitenden organisatorischen Aspekten für sehr verschiedene Zielgruppen verbinden. Ein hilfreiches, notwendiges Fachbuch nicht nur für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der psychiatrischen Krisendienste, sondern für die vielen Helfer aller Berufsgruppen einschließlich der Psychiatrieerfahrenen aber auch engagierten Angehörigen, die mit Kriseninterventionen in ihrer Arbeit konfrontiert werden. Besonders erfreulich wäre es, wenn in einer 3. Auflage den Angehörigen, in deren familiären System nicht selten die auslösende Eskalation stattfindet, ein eigener Beitrag gewidmet wird. Um die Kompetenz als Angehöriger zur Deeskalation zu gewinnen und um Fehler im Miteinander zu vermeiden; dies wäre doch an erster Stelle zu setzen.
Mit 350 Seiten, mit 30 Autorinnen und Autoren und für 28,90 Euro ist es weiterhin ein preiswertes Buch, weil es aufgrund seiner Qualität, Sorgfalt und der zahlreichen Schwerpunkte viel bietet und einzigartig sein dürfte.