Wie schade: Der Langenscheidt Sprachkurs von Jiehong Zhang und Telse Hack ist neu, und doch veraltet.
Warum?
Er überträgt Lernmethoden, die für KINDER entwickelt wurden, auf ERWACHSENE, die freiwillig lernen. Er verzichtet auf wesentliche Lernhilfen.
Erläuterungen zu zusammengesetzten Wörtern fehlen. Sie helfen aber sehr, die Sprache zu verstehen.
Beispiel: In Lektion 1 lernen wir das Wort E-Mail (dianziyoujian). Das Wort kommt weder im Dialog vor, den es auf CD gibt, noch lernen wir, daß es sich aus dianzi (elektronisch) und youjian (Brief) zusammensetzt.
Der Kurs nötigt den Lernenden, Lösungen und Übersetzungen durch zeitraubendes Blättern zu ermitteln. Die Übersetzungen der Dialoge finden sich am Schluß des Buches. Das alte Buch ging von einem mündigen Benutzer aus; es war zweispaltig und ermöglichte es, einfach die Hand über den chinesischen oder den deutschen Teil zu halten.
Zahlreiche Bildchen schmücken das Lehrbuch. Sinnvoller wären z. B. Tafeln mit Wortfamilien, die das Lernen erleichtern.
Hervorragend an diesem Kurs sind die alltagsnahen Dialoge. Man lernt bereits in Lektion 1, wie man nach einer Visitenkarte fragt oder seine Handynummer mitteilt.
Allerdings fehlen in der Lektion 1 die Dialoge zu Vokabeln wie Emailadresse oder Fax. Auch auf der CD sind sie nicht vorhanden. Solche Mängel ziehen sich durch das ganze Lehrbuch.
Moderne Sprachlehrgänge und Grammatiken des Chinesischen liefern die WÖRTLICHE ÜBERSETZUNG nebst einer FREIEN HOCHDEUTSCHEN ÜBERSETZUNG. Das hilft dem Lernenden, grammatische Strukturen des Chinesischen schnell zu begreifen. Das ist eine wichtige Lernhilfe. Der Sprachlehrgang von Langenscheidt verzichtet wie schon sein Vorgänger auf die wörtliche Übersetzung. Hilfreich ist zum Beispiel "Chinese. An essential Grammar" von Yip Po-Ching und Don Rimmington. Durchgäng erfahren wir dort die wörtliche Übersetzung.
Die graphische Aufbereitung des Lernstoffes im neuen Lehrbuch von Jiehong Zhang und Tlese Hack läßt viel guten Willen erkennen. Wichtige Wörter sind fettgedruckt. Insgesamt ist die Grafik aber DILETTANTISCH und entspricht nicht dem Standard moderner Info-Grafik. Das ist schade. Denn das Buch ist unübersichtlich.
Das Vorgängerexemplar von Dr. Ning-Ning Loh John war graphisch weniger anspruchsvoll, aber klar gegliedert. Es bestach durch (leider etwas alltagsferne) Mustersätze. Die beiden CDs überzeugten durch eine unübertroffene Klarheit der Aussprache. Mit den Mustersätzen, den erstklassigen CDs und der klaren Grammatik war es für den Selbstunterricht gut geeignet. Was fehlte, war eine PDF-Version, die es erlaubte, durch Anklicken einzelne Sätze zu hören und so zu üben.
Im neuen Kurs sind die Mustersätze den Grammatikteilen zugeordnet und verstreut. Das ist unübersichtlich. Eine CD mit Mustersätzen fehlt völlig.
Zum Kurs gehören 3 CDs. Teilweise nerven sie mit Musik, die man sich bei jeder Wiederholung anhören muß. Es gibt eine langsam gesprochene Version und eine schnell gesprochene Version mit zugemischten Hintergrundgeräuschen. Darauf hätte man verzichten sollen. Stattdessen wäre eine Version mit deutscher Übersetzung vorteilhaft gewesen, um die Sprache unterwegs und überwiegend durch das Hören zu lernen.
Der konzeptionell beste Sprachkurs, den es derzeit gibt, ist ein kleiner Reiseführer. (Kauderwelsch Band 14, Hochchinesisch Wort für Wort), der gar nicht den Anspruch hat, ein vollständiger Sprachkurs zu sein. Als PDF-Datei kann man einzelne Wörter oder Sätze anklicken und seinen Lernprozeß selber steuern. Das dazugehörige Buch ist ein informationsgraphisches Meisterstück. Das Ganze ist kein klassischer Sprachkurs, aber didaktisch auf höchstem Niveau. Im Gegensatz zu Langenscheidt ist es in jeder Hinsicht benutzerfreundlich: Die Innenseiten des Umschlages lassen sich als Lesezeichen benutzen und enthalten nützliche Informationen, z. B. zur Aussprache.
Davon kann der Benutzer des Langenscheidt-Kurses "Praktisches Lehrbuch Chinesisch" nur träumen.
Wie der Anlaut 'Y' ausgesprochen wird, ist bei Langenscheidt zum Beispiel schlicht vergessen worden. Hinzu kommen systematische Mängel bei Langenscheidt: Bei den Wortbeispielen zur Aussprache werden chinesische Beispiele genannt, ohne daß die DEUTSCHE ÜBERSETZUNG mitgeliefert wird.
Gegenbeispiel: Im Reiseführer 'Kauderwelsch Band 14' wird als Beispiel dafür, wie der chinesische Anlaut 'zh' gesprochen wird, das chinesische Wort zhù genannt. Ebenso bei Langenscheidt. Aber bei Langenscheidt steht nur das chinesische Wort, während ich im Reiseführer 'Kauderwelsch Band 14' bei der Gelegenheit erfahre daß es dschu gesprochen wird und wohnen heißt. Das ist eine wesentliche MERKHILFE. 'Kauderwelsch Band 14' kommt ohne Farben aus, ist graphisch aber hervorragend gemacht. Hier zeigt ein kleiner Verlag, wie es geht. Wenn der Reise Know-How Verlag Peter Rump eines Tages anfängt, echte Sprachkurse zu publizieren, dann sieht Marktführer Langenscheidt alt aus.
Die Schriftzeichen lassen sich mit dem Langenscheidtsprachführer gar nicht erlernen. Daß der Verlag darauf verweist, man könne sich, wenn man wolle, auch auf die Umschrift Pinyin beschränken, ist witzig. Denn eine andere Möglichkeit hat der Lernende dort nicht.
Zusätzlich zum Buch gibt es ein 30-seitiges Heftchen mit Übungen. Zusammen mit 3 CDs von mittelmäßiger Qualität hat man alles in einen großen Karton gesteckt, der den hohen Preis rechtfertigen soll.
Schade, daß der Verlag didaktisch falsch liegt und graphisch nicht über das laienhafte Niveau eines Volkshochschulkurses hinauskommt.
Der Langenscheidt Verlag genießt zurecht weltweit höchstes Ansehen. Aber er scheint inzwischen ein unbeweglicher Tanker zu sein, der, was Chinesisch für Erwachsene angeht, leider noch nicht in der Gegenwart angekommen ist.
Das ist sehr schade.
Fazit: dieses Buch sollte schnell durch eine wirklich benutzerfreundliche Version für Erwachsene abgelöst werden.