Franz Josef Wetz (Hrg.), Kolleg Praktische Philosophie Band 1: Ethik zwischen Kultur- und Naturwissenschaft, Philipp Reclam jun., Stuttgart 2008
Mit diesem Band wird die auf 4 Bände angelegte Reihe "Kolleg praktische Philosphie" begonnen und setzt sich mit der Frage auseinander, wie sich Ethik ableiten oder begründen läßt in unserer vom Naturalismus geprägten Gesellschaft, in der das "Wissen" von naturwissenschaftlichen Kausalgesetzen den Glauben an "Übernatürliches" weitgehend abgelöst hat.
Dabei wird hier die Ethik als Objekt der praktischen Philosophie im Kontext der Kultur "vor allem vor dem Hintergrund säkularisierter Gesellschaften" behandelt und Naturalismus (Ausgangsbehauptung: auch Werte gründen auf biologischen Strukturen & Mechanismen) in den Dialog gestellt mit dem "Kulturismus", welcher wiederum häufig Gefahr laufe, das einzelne Subjekt zu verlieren, indem er es in eben kulturelle Strukturen wie z.B. Geschichte und Sprache "auflöst".
Es kommen 9 Autoren in 8 Beiträgen (nebst Einleitung) zu Wort, wodurch ein in Perspektiven, Schreibstilen und Fähigkeiten, den jeweiligen Standpunkt nachvollziehbar und verständlich zu machen (letztere häufig als "Anspruch" mißverstanden, wenn es nicht gelingt), heterogenes und vielfältiges Buch entstanden ist, das aber vom Herausgeber gut strukturiert Einsichten zum genannten Thema bereitstellt, g r ö ß t e n t e i l s erfolgreich um gute Verständlichkeit bemüht.
Hier wird weniger philosophiert als vielmehr Kenntnisse und Denkanstöße zum Philosophieren bzw. zum philosophischen Einordnen einer Ethik in einer säkularisierten, vom Naturalismus geprägten Gesellschaft bereitgestellt. Und das ist meines Erachtens gut gelungen. Der Leser wird gut gerüstet, sich ein kenntnisreiches Bild zu machen, weiter zu denken und sich zu positionieren. Anders denken nicht ausgeschlossen.
Das Buch ist in 4 Teile strukturiert:
In Teil I "Naturalisierung des Geistes" stellt
> Bettina Walde in ihrem Beitag "Naturalisierung des Ich und Selbst" angenehm klar und bündig die historische Konzepte von Ich und Selbst ("Leib-Seele-Problem") dar, um dann die zeitgenössiche Sicht zu diskutieren, bei der Modelle dominieren , die den Geist als reines Anhängsel ("Illusion") einer naturalistischen Determination verstanden wissen wollen (in Dtld. besonders Gerhard Roth und Wolf Singer, siehe
Hirnforschung und Willensfreiheit: Zur Deutung der neuesten Experimente (edition suhrkamp)) und damit die althergebrachte Moralvorstellung von Verantwortung und Schuld in Frage stellen wollen.
Der Teil II "Naturalisierung der Ethik"
bildet mit 4 Beitragen zumindest mengenmäßg den Kern des Buches,
besondersvergnüglich fand ich
> Friedrich Hermanni: "Das Böse-Eine Theoriegeschichte", in diesem Beitag wird schon bei historischer (natürlich in erster Linie religionsgeschichtlicher) Betrachtung klar , wie sehr "das Böse" ein umdeutbares menschliches Konzept, wenn nicht gar Konstrukt darstellt - bis hin zum Zweifel, ob es das Böse überhaupt gebe. Folgerichtig wird im Kapitel
> "Die Entzauberung des Bösen" von Michael Schmidt-Salomon und Eckart Voland sowohl die soziobiologische Überflüssigkeit wie auch die Gefährlichkeit des Konzeptes "des Bösens" vorgeführt. Hier werden erstmals die Prinzipien einer naturalistischen Ethik und die evolutionären Grundlagen von Empathie und Altruismus eingeführt. Ins Eingemachte der naturalistischen Ehik führt dann
> Gerhard Vollmer in "Der Turm von Hanoi - Evolutionäre Ethik", der die Forderung aufstellt, wir müßten unserem durchaus natürlichen Altruismus (der als "reziproker Altruismus" ja durchaus egoistische Wurzeln haben mag, wenn man so will: "Traue keinem erhabenen Motiv, wenn sich auch ein niedriges finden läßt!"), also von "Nächstenliebe" zur "Fernstenliebe" gelangen, indem wir unseren "natürlichen" Stammeskreis (den Clan) erweitern auf die gesamte Gesellschaft. Es werden dafür Hindernisse wie auch hoffnungsvolle Perspektiven geboten (und natürlich auch erklärt, was das mit dem Turm von Hanoi auf sich hat). In diesem Text werden also bereits über das rein Naturalistische (evolutionär bedingte) hinausweisende kulturelle Bezüge für Ethik offenbar. Im folgenden Kapitel hatte ich meine erste spannende Begegnung mit
> Bernulf Kanitscheider und seiner Philosophie vom "Hedonismus - Eine naturalistische Ethik" (
Das hedonistische Manifest ), wobei es nicht so sehr - der Verdacht ist schnell gegeben - um eine reine Lustgesellschaft geht, sondern plausiblerweise (aber offenbar nicht selbstverständlicherweise) darum, die Natur des Menschen und seiner Bedürfnisse bei allen moralischen Normen und Werte ausdrücklich zu berücksichtigen.
Der Teil III "Naturalisierung der Kultur" besteht aus dem gleichlautenden Beitrag des Herausgebers
> Franz Josef Wetz, in dem erstmals ernsthafte Skepsis gegenüber ein gänzliche Vereinnahmung gesellschaftlicher Kultur durch den Naturalismus aufkommt, die von der Angst und Abneigung geprägt ist, der Naturalismus erkläre den Menschen zu einem "ohnmächtigen Stück Natur". (Wenn man allerdings wie ich dieser Schlußfolgerung aus dem Naturalismus nicht folgt, bleibt der Grund für die ganze Aufregung im Verborgenen.)
Daran knüpft an im
Teil IV "Kulturisierung der Kultur"
> Volker Steenblock in "Kulturelle Arbeit - Zur anthropologischen Notwendigkeit und Schwierigkeit humaner Sinnstiftung", der ausgehend von J.G.Herder eine Lanze bricht für die Notwendigkeit der im Rahmen der Kultur statttfindenden Arbeit an sich selbst (und damit auch über die reine Natur hinaus)
...ich gebe es ja zu, trotz meiner ohnehin intuitiv vorhandenen Einsicht in diese Notwendigkeit blieb mir dieser Beitrag genau wie der vorangegangene in Ausführung und Zielsetzung etwas dunkel...
Abgeschlossen wird mit
> Birgit Recki "Kulturbejahung und Kulturverneinung": offenbar gab es Denker, die Kulturgeschichte als "Verfallsgeschichte" (Rousseau) oder Kultur als "Tragödie" (Simmel), ebenso solche, die Kultur als notwendigen Mittler zwischen den Menschen gesehen haben (Cassirer)...
Wie gesagt, dieses Buch stellt eine anregende Massage des Denkorgans dar (vorausgesetzt, das Denken beruht ganz naturalistisch auf einem berührbaren Organ), abwechslungs- und perspekivenreich durch die Beiträge der verschiedenen Autoren und sehr vielversprechend für die anderen Bände der Reihe:
-> Bd.2:
Kolleg Praktische Philosophie / Grundpositionen und Anwendungsprobleme der Ethik: Kolleg Praktische Philosophie Band 2: BD 2-> Bd.3:
Kolleg Praktische Philosophie / Zeitdiagnose: BD 3-> Bd.4:
Kolleg Praktische Philosophie / Recht auf Rechte: Kolleg Praktische Philosophie Band 4: BD 4