Verordnungen, Richtlinien, Rechtsprechung und eine umfangreiche Bewertungsliteratur bilden das theoretische Gerüst für die Wertermittlung von Immobilien. Nachvollziehbare, sachlich korrekte Gutachten und praxisbezogene Anleitungen besitzen dagegen auf dem deutschen Büchermarkt eher Seltenheitswert.
„Gutachten sollen nicht nur im Ergebnis richtig sein, sie sollen auch nachvollziehbar und überprüfbar sein." Unter diesem Motto stellt der Autor, selbst öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger, 17 aktuelle anonymisierte Original-Gutachten inklusive Anlagen aus seiner Praxis vor. Die Beispiele spiegeln ein breites Spektrum diffiziler Bewertungsprobleme ohne dabei in praxisferne Sphären abzudriften. Sie ermitteln den Wert von Einfamilienhäusern mit Bauschäden und speziellen Lagenachteilen ebenso wie den der Ferienwohnung, des Hotels, des sanierten Altbaus eines Mietwohnhauses, des Wohn- und Geschäftshauses im Sanierungsgebiet, des Tennis- und Freizeitcenters und des Geschäftshauses mit nicht mehr zeitgemäßer Verwertbarkeit.
Jedes Gutachten offeriert optisch und inhaltlich klar gegliedert die tatsächlichen und rechtlichen Gegebenheiten des Bewertungsobjektes. Anmerkungen, als Stichwort am Rand hervorgehoben, erläutern im Anschluss an das jeweilige Gutachten Grundsatzfragen, unterschiedliche Sichtweisen und den begründeten Standpunkt des Autors. Jürgen-Wilhelm Streich deckt dabei kritisch und offen die Schwachstellen in der Bewertungspraxis auf, ohne dabei die positiven Beispiele zu vernachlässigen. Einen deutlichen Akzent legt der Autor auf den ökonomischen Aspekt der Wertermittlung. „Ein Wertermittler hat den Immobilienmarkt nachzuvollziehen und zu berücksichtigen, dass sich die Preise im Regelfall nicht ‚sachverständig' bilden, sondern durch das Gesetz von Angebot und Nachfrage bestimmt werden." Darüber hinaus stellt er klar, dass der von ihm gewählte Weg der Wertermittlung ein möglicher, aber nicht der einzig richtige ist. So könnte beispielsweise die Verwendung von „gedämpften" Bodenpreisen im ersten Gutachten durchaus Anlass zur kontroversen Diskussionen bieten.
Die Gutachten verzichten bewusst (sehr zur Freude des Lesers) auf die seitenlange Reproduktion von Gesetzestexten und Verordnungen. Die Wert relevanten Einflussgrößen glänzen dafür mit interessanten Detailinformationen der lokalen und regionalen Immobilienmärkte. Nachvollziehbar erläutert der Autor Ab- und Zuschläge und die vorgenommenen Korrekturen. Aus Gründen der Lesefreundlichkeit sollte allerdings die Rechtschreibung an die aktuelle Schreibweise des Dudens angepasst und die Gutachten einer sprachlichen und grammatikalischen Überarbeitung unterzogen werden. Bei Hinweisen auf die Bewertungsliteratur und den zitierten Fundstellen fällt auf, dass vorwiegend auf ältere Ausgaben zurückgegriffen wird. Trotz dieser Schwachstellen kann das Buch als Ergänzung der sonst eher Theorie lastigen Bewertungsliteratur Neulingen wie Profis nur empfohlen werden.