Ich wollte Jamari Lior schon immer mal über die Schulter schaun um zu sehen, wie sie ihre Bilder macht. Ihre Bilder haben eine eigene Bildsprache, was durch ihre fundierten Kunst- und Geschichtskenntnisse und ihren speziellen Bildlook kommt. Ich mag ihre Arbeiten, weil sie konzeptionell sehr interessant geplant und aufgebaut sind. In diesem Videotraining ist sie eine der drei Autoren und bevor ich auf die Beiträge von Michael Baierl und Olaf Giermann eingehe, sage ich gleich etwas zum Lior-Teil:
Es ist wirklich ansprechend anzusehen, wie sie ein Bild plant, welches Potential sie in einem Bild erkennt und was sie anschließend daraus herausholt. Man erkennt deutlich ihre Handschrift, aber es wird einem nicht langweilig, die Bilder zu betrachten. Im Training erfährt man, mit welchen Techniken sie zum Ziel gelangt und sie beschreibt es so, dass man sich alles prima merken kann und Spaß daran findet, es ihr gleich zu tun. Vorrausgesetzt, man ist kein blutiger Anfänger, denn Grundwissen wird bei dem zum Teil hohen Tempo vorausgesetzt. Das Tempo entsteht dadurch, dass sie die Funktionen, die sie nutzt, nicht wirklich erläutert, sondern schlicht sagt - man nutze Befehl a oder Filter b. Wer nicht gleich weiss, wo die Funktionen liegen, wird viel spulen und pausieren müssen. Ebenfalls sind mir Dinge aufgefallen, die wahrscheinlich einem Hobby-Fotografen und Bildbearbeiter kaum auffallen. So fand ich zum Beispiel eine Szene, in der man sah, dass sie im Farbraum sRGB arbeitet, was Kenner zusammenzucken läßt. Auch bemängle ich die Sorgfalt der Arbeiten etwas, was bei einem Training sicher zu viel Zeit rauben würde, aber man könnte darauf hinweisen oder sich ordentliche Dateien für die Aufnahme vorbereiten. Die Techniken werden dadurch jedoch nicht schlechter und bieten die Möglichkeit, mit selbstgestecktem Grad an Pingeligkeit, perfekte Bilder zu kreieren. Was ich sehr schade finde, ist, dass neben Photoshop auch (gute) Filter und Programme wie Lightroom benötigt werden, will man alles 1:1 nachmachen.
Bei Michael Baierl hatte ich das Gefühl des hohen Tempos zeitweise noch mehr. Als Profi versteh ich alles, aber als Profi brauche ich diese Tricks auch nicht mehr. Sein Vortrag ist ein Sammelsurium von trendigen Bearbeitungstechniken, die im letzten Jahr u.a. durch Calvin Hollywood die breite Masse zu Photoshoppern gemacht hat. Ich tue Baierl etwas unrecht, denn die Techniken sind wirklich gut und sehr nützlich und es ist schön, dass sie zusammengefasst auf dem Training dabei sind, aber wer sich die ein oder andere Trainings-DVD schon angesehen hat wird der Teil etwas ärgern, denn mit insgesamt 6 Stunden auf der DVD ist die Zeit zu kostbar für den Preis dieses Trainings.
Ich kenne Olaf Giermann schon lange und liebe seine SciFi-Composings sehr, die mit einer Perfektion gemacht sind, die ich in vielen anderen Composings vermisse. Um so mehr hatte ich beim Betrachten seines Parts einen Kloß im Hals, denn die Tipps und Tricks sind zwar im Prinzip auch in diesem Vortrag sehr hilfreich und allesamt klasse Techniken, aber hier vermisse ich ebenfalls die Sorgfalt, die ich sonst an ihm so schätze. Wer den Techniken mit Feingefühl und Verständnis begegnet wird prächtige Ergebnisse bringen, die Beispiele im Video sind durch die Bank zu intensiv und ohne Rücksicht auf Verluste gebastelt.
Um es mal zusammenzufassen: Dieses Training ist gut, wenn man weiss, damit umzugehen. Anfänger werden phasenweise überfordert sein und zu heftig an den Reglern schrauben, Fortgeschrittene werden auf ihre Kosten kommen und ordentlich dazulernen können. Für Profis ist lediglich der kreative Part von Lior interessant. Also - keine Bestnote, aber trotz der vielen Kritik ein gutes Video. Das gewohnte V2B-Interface, der Mitmachmodus und die Lesezeichen sind wie immer Bestandteil der DVD und besonders nett finde ich die kleinen Videos für iPad und iPhone...