Wie so viele Alben Rushs ist „Power Windows" von 1985 ein Schritt in einer steten Entwicklung und ein grandioser sowie völlig eigenständiger Höhepunkt zugleich, und zwar ein sehr markanter. Dies liegt vor allem an der feingeschliffenen, fast übertriebenen Produktion, welche den acht ohnehin überwiegend kompakten und übersichtlichen Songs ein zusätzliches Stück Eingängigkeit verleiht. Wegen seines aalglatten, ‚poppigen' Sounds wurde und wird „Power Windows" oft unterbewertet - zu Unrecht. Denn keinesfalls hat der Sound der 80er die Band in seinen kommerziellen Fängen verformt. Vielmehr haben Rush, die sich schon immer gern von Trends beeinflussen, aber nie kontrollieren ließen, sich die 80er selbst zu Nutze gemacht. Der Sound des Albums ist einzigartig und glasklar und lässt Lees Basslines, Pearts vielseitige Percussion und insbesondere auch Lifesons grandiose Arpeggios bestechend zur Geltung kommen, die sich mit Passagen abwechseln, in denen die Gitarre hallende Powerchords im ureigenen Liefeson-Sound beisteuert und entsprechend abschnittsweise den Keyboards oder Geddy Lees erstaunlich melodietragendem Bass Raum lässt.. Jedes kleinste Detail der Musik steht unwiderstehlich scharf im Vordergrund. Hinzu kommt ein offensiver Einsatz von Keyboards - mal durch Akzente, mal durch markante Melodien, die schon Mal wie bei „Grand Designs" auch rhythmischen Mehrwert schaffen, indem sie mitunter gegenläufige Akzente setzen. Im Gegensatz zu dem im Jahr zuvor erschienen „Grace Under Pressure" (das sich vor allem mit dem Kalten Krieg beschäftigte) sind die Atmosphären auf „Power Windows" weniger beklemmend und düster; die Arrangements straighter, aber dabei keinesfalls weniger tiefgehend.
„Power Windows" ist ein Quasi- Konzeptalbum, das sich - wie der Titel es schon sagt - mit ‚Power' beschäftigt, den unterschiedlichsten Arten von Macht, Energie und Kraft, sei es die des Geldes („The Big Money"), die der Menschheit, sich selbst zu eliminieren („Manhattan Project"), die der Träume („Middletown Dreams"), von Emotionen („Emotion Detector") oder die mysteriösen Kräfte des Kosmos („Mystic Rhythms"). Dabei verwenden Rush, das heißt vor allem Neil Peart, von dem die Texte wie immer stammen, in ihrer unwiderstehlichen Weise am laufenden Band Mehrdeutigkeiten, sprachliche Bilder, Andeutungen und mitunter zynische Bemerkungen, um Botschaften zu transportieren. Dazu zählt nicht zuletzt das von Hugh Syme gestaltete Cover, auf dem der Junge mit einer Fernbedienung selbst Macht in der Hand hält, aber unsicher zu sein scheint, in welchem der ‚Power Windows' (wörtlich übersetzt eigentlich ‚elektrische Fensterheber') die Realität zu sehen ist - dem Fenster nach draußen oder einem der drei Fernseher, die wie so oft auf den Covern als Dreierpaar die Band repräsentieren - einer der Fernseher ist eingeschaltet und zeigt den Jungen selbst, wie er mit einem Fernglas in den Raum zu schauen scheint.
Die Botschaften des Albums werden im straighten Opener „The Big Money" musikalisch wie textlich direkt und unverschlüsselt präsentiert; und dagegen steht zum Beispiel das tiefgehende „Manhattan Project", das sich betitelt mit der Deckbezeichnung des US-Entwicklungsprojects der Atombombe in den 40er Jahren mit der dunklen Seite von Macht durch technologischen Fortschritt auseinandersetzt. „Marathon", eine wunderbare ‚Durchhalteparole' Neil Pearts, wird in seiner Aussage musikalisch einzigartig untermauert durch quicklebendige Basslines und energiereiche Drives der sich ständig spannend weiter entwickelnden Percussion. Nach einem bestechenden B-Teil mit packenden rhythmischen Akzentuierungen und Soli verliert sich der Song im sphärisch getragenen Refrain. „Territories" als Hymne gegen Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit als Ursache von Konflikten wirft einen zynischen Blick auf die Völker der Erde: „Better the pride that resides in a citizen of the world than the pride that divides when a colorful rag is unfurled" und ist musikalischen Andeutungen gespickt. „Middletown Dreams" ist eine Hommage an die Kraft der Träume der einfachen Leute, die durch diese ihre Kraft erlangen, auch das normale Leben zu schätzen. „Emotion Detector" setzt sich auf Rushs ganz eigene Art und Weise mit der Kraft der Liebe auseinander: „It's true that love can change us, but never quite enough, sometimes we are too tender, sometime we're too tough". Schließlich endet „Power Windows" mit dem fesselnden „Mystic Rhythms" - die mysteriösen Momente und der magische Refrain lassen den Hörer in unvergleichlichen, verträumten Atmosphären schwelgen.
„Power Windows", das Geddy Lee aus heutiger Perspektive als Album für Rush- Einsteiger empfiehlt, ist eine hochklassige dreiviertel Stunde in der Karriere der Band, die geprägt und bis heute nichts von ihrem Zauber eingebüßt hat. Und wer genau hinhört, kann einiges für sich aus der Musik mitnehmen.
„You can do a lot in a lifetime
If you don't burn out too fast
You can make the most of the distance
First you need endurance -
First you've got to last..." (Marathon)