Der israelische Historiker und Diplomat Michael Oren, der ein Standardwerk über den Sechstagekrieg verfasst hat, legt mit diesem Buch eine Gesamtdarstellung über die vielfältigen Beziehungen der Vereinigten Staaten mit dem Orient vor. Von der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts reicht der zeitliche Rahmen, den der Autor dabei abdeckt.
Um die Komplexität dieser Beziehungen in ihrer Gesamtheit erfassen zu können, gliedert Oren seinen Ansatz in drei Dimensionen auf, die sich sowohl wechselseitig ergänzen als auch in einem Spannungsverhältnis zueinander stehen. Die Macht, der Glaube und die Phantasie bilden einen dreidimensionalen Raum, in welchem sich die Geschichte entfaltet. Oren behandelt in diesem historischen Raum eine Vielzahl von Gestalten und Persönlichkeiten. Zu ihnen gehören beispielsweise Abenteurer, Entdecker, Missionare, Diplomaten, Politiker, Schriftsteller oder auch ganz normale Touristen.
Die erste machtpolitische Auseinandersetzung ergab sich hierbei am Anfang des 19. Jahrhunderts, als die gerade entstandene US-Navy gegen nordafrikanische Piraten und deren staatliche Unterstützer vorging. Der militärische Erfolg in den Barbareskenkriegen förderte das Selbstbewusstsein der noch jungen Nation.
Zudem wurde der Orient für amerikanische Missionare zu einem gelobten Land. Die Missionierungsversuche blieben zwar weitgehend erfolglos, was die christlichen Kirchenvertreter allerdings nicht daran hinderte, zahlreiche Schulen und Hospitäler zu errichten. Außer dem Wort Gottes verbreiteten sie Grundsätze der amerikanischen Zivilreligion, zu denen Freiheit, Unabhängigkeit, Demokratie und eine nationale Identität zählten.
Die Phantasie der Amerikaner am sagenumwobenen Morgenland wurde durch die Lektüre von ganz unterschiedlichen Texten angeregt. So sorgten die Bibel, Märchen, Romane oder Reiseberichte für eine romantische Verklärung des Orients in der neuen Welt. Entsprechend groß war für viele Amerikaner die Ernüchterung, wenn sie direkt mit der harten Wirklichkeit in der Region konfrontiert wurden.
Der Konflikt zwischen Phantasie und Realität akzentuierte sich im Verlauf des 20. Jahrhunderts noch deutlicher. Während die USA versuchten, sich gegenüber dem osmanischen Reich neutral zu verhalten, geriet der Orient immer stärker in den machtpolitischen Strudel der europäischen Großmächte. Die geopolitische und geoökonomische Bedeutung der Region, für die sich nun der von Konteradmiral Alfred Mahan geschaffene Begriff des mittleren Ostens" durchzusetzen begann, nahm stetig zu. Die Neutralität der Vereinigten Staaten geriet immer stärker unter Druck, bis sie schließlich während des Zweiten Weltkrieges aufgegeben werden musste.
Im Folgenden gerieten die USA zwischen alle Fronten. Der israelische Zionismus, der arabische Nationalismus und später ein sich rasch radikalisierender islamischer Fundamentalismus stellten eine ernste Herausforderung für die amerikanische Außenpolitik dar. Gleichzeitig musste sich diese auch noch mit der Eindämmung der Sowjetunion im mittleren Osten beschäftigen und das alles, ohne die idealistischen Traditionen und Zielsetzungen der USA aus den Augen zu verlieren.
In einem solchen Hexenkessel konnte dies lediglich teilweise gelingen. Selbst die amerikanische Filmindustrie, welche die ungebrochene Phantasie der Amerikaner jetzt am meisten beeinflusste, schwankte in ihren Produktionen zwischen Romantik und Terror hin und her.
Der letzte Abschnitt seiner Arbeit, der zeitlich nach der Staatsgründung Israels einsetzt, wird von Oren nur noch oberflächlich ausgeführt. Diesen Abschnitt hätte der Autor ausführlicher abhandeln müssen, ohne in ein Zeitraffertempo zu verfallen.
Auch wäre es gelegentlich wünschenswert gewesen, wenn Oren das Verhältnis der Vereinigten Staaten zum mittleren Osten weniger idealistisch dargestellt hätte. Ein etwas mehr an realpolitischer Analyse wäre durchaus angebracht gewesen.
Diese beiden Kritikpunkte können den positiven Gesamteindruck aber kaum schmählern. Michael Oren ist es gelungen, dem Leser einen guten Überblick über das komplexe Verhältnis der USA zum mittleren Osten zu geben. Sein Buch vermeidet vereinfachende Erklärungsansätze, wie den der Israel-Lobby oder den der Saudi-Lobby, und ermöglicht einen tieferen Einblick in die Materie. Schon aus diesem Grund ist es absolut empfehlenswert.
Jürgen Rupp