Dieses Album gilt heute allgemein als das erste "wirkliche" oder "eigentliche" New-Order-Album, denn als 1983 erschienener Nachfolger des noch tief in Joy-Division-Tradition verhafteten 81er Debüts "Movement" präsentiert es erstmals eine "neue" Band. Spürbar fließen nun die Eindrücke der neu gewagten "Leichtigkeit des Seins", die die Band auf einer Amerikatournee in den dortigen Discos kennengelernt und bei (Neu-)Sänger Barney Sumnner sofort eine Liebe zur Disco-Musik Marke Donna Summer und Giorgio Moroder ausgelöst hatte, in die Songs ein. So hatte es vorher keine Hooklines und indie/folkigen Melodien der Marke "Age Of Consent" oder "Leave Me Alone" gegeben und schon gar nicht eine übermütige Nummer wie "The Village" mit einem Refrain der Marke "Our love is like the flowers, the rain, the sea and the hours...". Auch die Innovationen in puncto Sound ließen sich nicht von der Hand weisen. Zwar waren schon auf "Movement" jede Menge elektronischer Beats zu hören, aber von Tanzmusik konnte wohl nicht die Rede sein. Ganz anders hier: "5-8-6" war die Blaupause für das im selben Jahr als 12-Inch-Maxi-Single erschienene legendäre "Blue Monday", mit dem New Order endgültig ihren Ruf als Disco-Band zementierten, und "Your Silent Face" bewies, dass Kraftwerk zu den wichtigsten (neuen) Einflüssen der Band zählte.
Alle acht Songs, darunter mit "Ecstasy" auch ein wie ein Jam klingendes Instrumental, liegen im Spannungsfeld zwischen Elektronik und handgemachter Musik, programmierten und handgespielten Beats - und nicht zuletzt zwischen Post-Punk-Düsternis/Melancholie und neu entdeckter Pop-Leichtigkeit. Längst nicht alles auf diesem Album ist demzufolge so, wie es Pophistoriker oder Fans manchmal gern behaupten: leicht, locker, poppig - im Gegenteil. Über jedem Song, auch wenn er noch so viel Sonnenschein verbreiten möchte, hängt eine mehr oder weniger große Wolke voller Melancholie und bisweilen auch Härte und Verbissenheit. Die elegischen, ja pathetischen Synth-Soundteppiche im Opener "Age Of Consent" (einer der besten New-Order-Songs ever), in "Your Silent Face" oder am Schluss von "5-8-6" sprechen eine ebenso deutliche Sprache wie die eisernen, akzentuierten, intensiven Beats, die das Album durchziehen. Wichtig ebenfalls: Bassist Peter Hook funktioniert sein Instrument immer mehr vom Rythmus- zum Melodieinstrument um, weil ihm nun verstärkt Sequencer die Arbeit abnehmen, und entwickelt auf diese Weise eines der charakteristischen Merkmale der Musik von New Order schlechthin.
"POWER, CORRUPTION & LIES" wird oft als Meisterwerk bezeichnet; ich würde mich mit diesem Begriff hier eher zurückhalten, dafür klingt vieles noch eher experimentell denn ausgereift, manche Beats holpern noch arg, und ein Song wie "We All Stand" wirkt etwas deplaziert. Dennoch: Spannend ist "POWER, CORRUPTION & LIES" allemal und ist bis heute eines der besten Alben von New Order.
P.S. Das Cover (wie immer vom renommierten Designer aus Manchester, Peter Saville, gestaltet) ziert ein impressionistisches Stilleben von Fanin-Latour und steht im selbstironischen Gegensatz zum Albumtitel. Typisch für New Order: das karge, informationsarme Booklet.
P.P.S. Das berühmte "Blue Monday" ist in dieser, der originalen, Version nicht Teil des Albums. Wer dennoch nicht darauf verzichten will, sollte sich die US-Import-Version zulegen, auf der "Blue Monday" zusammen mit dem Remix "The Beach" als Bonustracks zu finden ist.