DIE WELT, Sa, 5. Juni 2004
Frappierend die steilen Gedankengebäude der Beitragenden, die den himmelsstürmenden Bauten kaum nachstehen. Wer hätte sich beim Bummel über den Potsdamer Platz je Gedanken darüber gemacht, wie die futuristische Architektur auf Vertreter der Gender Studies wirkt? Hannelore Bublitz und Dierk Spreen überbieten den notorischen Vorwurf an Wolkenkratzer, sie seien phallische Repräsentanten einer patriarchalischen Gesellschaftsordnung. Sie behaupten, der Platz sei eine "konsumistische Wunschmaschine", in der "das Geschlecht scheinbar frei vom Anderen konstruiert werden" könne. Anachronistisch mutet der Ansatz von Christine Resch und Heinz Steinert an, die aus der Perspektive der Kritischen Theorie konstatieren, der Potsdamer Platz sei "Herrschaftsdarstellung - als Aneignung eines Stadtzentrums durch mächtige Wirtschaftskonzerne und in Form von Überwältigungs-Architektur". Weitere Aufsätze beleuchten den Platz diskursanalytisch, systemtheoretisch und semiologisch. Schöne Ansätze sind das, um Berlins Babylon habhaft zu werden, dessen Vielstimmigkeit irgendwann einmal vielleicht ein Musikwissenschaftler untersuchen sollte. (Hendrik Werner)
NEUE ZÜRCHER ZEITUNG, Fr. 31.12.2004
Ort der Moderne mim.Wie vor ihm vielleicht nur der Alexanderplatz zu Zeiten der Weimarer Republik ist Berlins Potsdamer Platz zu einem Symbol geworden: zur Chiffre für jenen nicht nur städtebaulichen Modernisierungsschub, der die deutsche Metropole bald nach Mauerfall und Wiedervereinigung ereilen sollte (...). Das in atemberaubendem Tempo hochgezogene architektonische Ensemble feiern die einen als gelungenen Einstand eines beispiellosen urbanen Neuanfangs; die anderen prangern es als misslungenen Versuch an (...). Jedenfalls ist der Ort, den Joachim Fischer und Michael Makropoulos als Demonstrationsobjekt für die Leistungsfähigkeit verschiedener soziologischer Theorieansätze ausgewählt haben, denkbar gut für ihre Zwecke geeignet. (...) Der damit gesetzte Anspruch ist hoch: Der aus acht Beiträgen bestehende Band wolle nichts Geringeres als «in der Debatte der soziologischen Theorie einen neuen Akzent setzen».
Kurzbeschreibung
Spätestens mit seiner spektakulären Neubebauung ist der Potsdamer Platz in Berlin vollends zum geschichtlichen, gegenwärtigen und zukünftigen Ort einer realen wie imaginären Topologie der Moderne geworden. Der Band verfolgt ein Gedankenexperiment: Dieses sozio-kulturelle Artefakt, das wie kaum ein anderes verdichtete Urbanität verkörpert und deshalb exemplarischen Rang für die Polyvalenz der Moderne hat, aus verschiedenen theoretischen Perspektiven heraus zu erschließen. Die Komposition der Beiträge (Rational-Choice-Theorie, Kritische Theorie, Cultural Studies, Systemtheorie, Gender Studies, Diskursanalyse und Philosophische Anthropologie) hat zwei Ziele, die über einen bloßen Theorienvergleich hinausgehen. Die polyperspektivische Deutung soll zum einen an einem gemeinsamen Gegenstand Modernität je verschieden sehen lassen. Zum anderen geht es darum, die voneinander isolierten Theorieperspektiven an einem Fall als differente Theorien der Moderne zu bewähren.
Der Autor über sein Buch
Dieses Buch organisiert innerhalb des Lehrgebietes Soziologische Theorie einen Theorienvergleich an einem Beispiel. Es lädt die Vertreter von sieben soziologischen Theorieprogrammen (Philosophische Anthropologie, Rational-Choice-Theorie, Systemtheorie, Cultural Studies, Kritische Theorie, Gender Studies, Diskursanalyse) ein, an einem gemeinsamen facettenreichen Fall moderner Gesellschaft dem Potsdamer Platz in Berlin das jeweilige Theorieprogramm zu erläutern und zu bewähren. Das Beispiel selbst ist durch einen chronologischen Abriss, einen Bildteil und eine einschlägige Bibliografie für sich stehend dokumentiert. Mit dieser Einführung in die soziologische Theorie an Hand eines fallbezogenen Theorienvergleichs unternimmt das Buch im Feld der Lehrbücher zu soziologischen Paradigmen etwas Neues. Das Buch ist so angelegt, dass Lernende die einzelnen Theorieansätze durch die jeweilige Erläuterung des gemeinsamen Bezugsbeispiels nachvollziehen und verstehen, die Theorien hinsichtlich ihrer Stärken und Schwächen untereinander und mit Bezug auf den Fall prüfen, diskutieren und beurteilen lernen können. Das Buch regt Studierende von vornherein zur Anwendung von Theorien an. Es ist sowohl für den Vorlesungs- wie für den Seminargebrauch geeignet.
Über den Autor
Dr. Joachim Fischer, Wiss. Mitarbeiter Institut für Soziologie der TU Dresden, Lehrstuhl für Soziologische Theorie, Theoriegeschichte und Kultursoziologie Prof. Dr. Karl-Siegbert Rehberg.
Dr. habil. Michael Makropoulos, Privatdozent für Soziologie an der Freien Universität Berlin. 1997/98 Gastprofessor am Institut für Soziologie der Universität Freiburg im Breisgau, 1998-2001 Professor am Institut für Soziologie der Universität Würzburg; seit November 2003 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Weber-Kolleg der Universität Erfurt.