Die Grundannahme der Autoren (S. 45 f): Da es feste Berufs- und Anforderungsprofile seit Jahren kaum mehr gibt, rücken in der Personal- und Potentialbeurteilung immer mehr die Person des Bewerbers und die des Beurteilers in den Vordergrund. Dabei entscheiden nicht die Methoden und Instrumente über die Qualität der Auswahl und Beurteilung. Vielmehr ist die Kompetenz des Beurteilers die eigentlich erfolgskritische Variable der Potentialbeurteilung.
Die Kompetenz des Beurteilers beeinflusst dessen Umgang mit Methoden, die Durchführung des Beurteilungsprozesses und die Interpretation der Daten maßgeblich. Sie ist deshalb das "Instrument", das vor allem entwickelt werden muss. Folglich geht es in diesem Buch zentral nicht um die Beurteilung von Potential bei Kandidaten, sondern um die systematische Verbesserung der diagnostischen Kompetenz der Entscheider.
Die Kernempfehlung des Buches
· sich selbst und das eigene Vorgehen auf den Prüfstein stellen
· dabei den Blick von Außenstehenden nutzen
· das Wissen von anderen Experten nutzen (communities of practice) und die einzelnen Phasen gemeinsam reflektieren.
Die kritische Reflexion des eigenen Vorgehens ist unverzichtbar, um die eigene "Professionalität" zu entwickeln.
Die "lernende Potentialbeurteilung" ist ein inhaltlich solider und didaktisch gut aufbereiteter Leitfaden. Die einzelnen Kapitel bieten eine kurze Einführung in die jeweilige Thematik (z.B. Umgang mit Bewerbungen, Bewerbungsgespräch), um das bisherige eigene Vorgehen zu reflektieren: Gibt es Routinen, Automatismen, Selbstverständlichkeiten? Auch Fallstricke, z.B. in der Informationsaufnahme und -verarbeitung im Bewerbungsgespräch, bei der sozialen Urteils- und Entscheidungsfindung, werden in den Kapiteln ausführlich beschrieben. Dann folgen jeweils Abschnitte, die zeigen, wie man die eigene Vorgehensweise verbessern kann und wie man entsprechende Ansatzpunkte findet, um die eigenen Fach- und Methodenkompetenz weiter zu entwickeln. Zur kritischen Prüfung des eigenen Vorgehens findet man an den Enden der Kapitel jeweils gute Reflexionsfragen.
Die Autoren zeigen den vierstufigen Weg
vom (1) Novizen, der über rein theoretisches und noch nicht sonderlich differenziertes Wissen verfügt,
über den (2) fortgeschrittenen Anfänger mit starken Bindung an formalisierte Regeln und
über den (3) kompetenten Beurteiler, der Methoden sicher und flexibel anwendet,
zum (4) Experten, der als Ergebnis reicher und reflektierter Erfahrung komplexe Wissensstrukturen entwickelt hat, die es ihm erlauben, eine Fülle von Informationen aufzunehmen, zu ordnen und zu kombinieren.
Eine Analogie zum Schachspiel: Während sich ein Anfänger beim kurzen Blick auf ein ihm unbekanntes fortgeschrittenes Spiel bestenfalls einige Positionen von Figuren korrekt merken und damit nur einen Bruchteil des Ganzen erfassen kann, wird sich ein Experte sehr schnell bestimmte Konstellationen, z.B. chancen- oder gefahrenreiche Stellungen einprägen, ein intuitives Verständnis für die Stabilität oder Instabilität bestimmter Konstellationen gewinnen und so die Dynamik der Gesamtsituation erfassen.
Die eigene Kompetenz bei der Beurteilung des Potentials anderer verbessern erfordert eine gehörige Portion Offenheit gegenüber dem gegenwärtigen Vorgehen, zudem Zeit und Geduld. Wer beides aufbringt, kann mit dem Leitfaden zur weiteren Differenzierung des eigenen Wissens beitragen und zum Experten reifen.