Es wird zur Zeit viel geschrieben über das gute alte Europa. Griechenland retten, ja oder nein? Milliarden von Steuergeldern zur Verfügung stellen, um den finanziellen Kollaps weiterer Staaten zu verhindern? Motiviert sich diese innereuropäische Solidarität lediglich aus eigennützigen Bewegungsgründen, sprich der Rettung der eigenen Banken, die bei einem Zusammenbruch südeuropäischer Staaten bankrott gehen würden und somit die Wirtschaft in den jeweiligen Ländern kollabieren lassen würde? Oder gibt es noch etwas anderes, was die Staaten Europas zusammenrücken lässt, was ihnen eine eigene Identität verschafft und den Wunsch, dieses gemeinsame Projekt um jeden Preis zu retten? Tony Judt meisterhaftes Buch "Postwar - A history of Europe since 1945" liefert mit seiner Beschreibung der politischen und kulturellen Geschichte Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges eine Antwort auf die Frage nach dem Wesen des europäischen Projektes.
Das Buch bietet einerseits eine zu jedem Zeitpunkt spannend zu lesende Darstellung der politischen Entwicklungen in Europa seit 1945. Von der Gründung der beiden deutschen Staaten, dem Kalten Krieg, Mauerfall und Vereinigung, Völkermord und Krieg auf dem Balkan bis zur Spaltung der europäischen Staaten bezüglich der Frage nach der Teilnahme an dem Irakkrieg 2003 erhält der Leser eine detaillierte Darstellung der Ereignisse, die in dieser Form nicht ein zweites Mal auf dem Markt zu finden ist.
Neben den großen politischen Entwicklungen analysiert Judt zudem die kulturellen Kräfte, die den Kontinent vereinen. Hierbei betont der Autor vor allem die herausragende Bedeutung, die der Fußball für den innereuropäischen Vereinigungsprozess gehabt hat. Beckenbauer, Beckham, Platini und das Wembley-(Nicht)-Tor sind Teil einer europäischen Identität, die die Menschen weit über die Landesgrenzen hinaus mit einander verbindet.
Höhepunkt des Buches ist der abschließende Essay "From the house of the dead", der sich grundlegend mit der Bedeutung einer gemeinsamen europäischen Erinnerungskultur auseinandersetzt: "Holocaust recognition is our contemporary European entry ticket" (803) beschreibt Judt den Zivilisationsbruch im Zweiten Weltkrieg als erinnerungspolitische Grundlage Europas. Und gerade dieser Erinnerung an die gemeinsame Vergangenheit misst der Historiker eine entscheidende Bedeutung zu, die unseren Kontinent verbindet: "If in years to come we are to remember why it seemed so important to build a certain sort of Europe out of the crematoria of Auschwitz, only history can help us. The new Europe, bound together by the signs and symbols of its terrible past, is a remarkable accomplishment; but it remains forever mortaged to the past. If Europeans are to maintain this vital link - if Europe's past is to continue to furnish Europe's present with admonitory meaning and moral purpose - then it will have to be taught afresh with each passing generation. 'European Union' may be a response to history, but it can never be a substitute" (830f.). Man kann nur hoffen, dass unsere Politiker beim Aufspannen der Rettungsschirme neben den zweifelsohne bedeutenden ökonomischen Faktoren auch die historisch-kulturelle Bedeutung dieses Kontinents im Blick behalten, die es um eigentlich jeden Preis zu bewahren gilt.