Den Handlungsbogen von "Postmann" genau zu erfassen, erscheint zunächst nicht ganz einfach. Der Leser begleitet den neurotischen Postboten Albert Lippincott, genannt Postmann, für zehn Tage. Die gegenwärtige Handlung wird dabei oft an den Rand gedrängt und Lennon verliert sich in ausgiebigen Rückblenden, die das Leben von Albert reflektieren. Mal wirkt die Gestalt des neurotischen kleinen Briefträgers geradezu zum Lachen, mal stimmt einen seine jämmerliche amerikanische Kleinstadtwelt mit ihrem ganz normalen Wahnsinn traurig oder melancholisch. Mit einem Blick für die tragikomischen Momente im ganz alltäglichen Leben lässt Lennon die markantesten Punkte in Postmanns Leben Revue passieren.
Wer Postmann aufgrund seines derzeitigen Lebenswandels für einfältig und beschränkt hält, der wird sich im Laufe des Buches wundern. Postmann hat sogar mal ein paar Semester studiert, bevor er seine mittlerweile 30jährige Postkarriere startete. Postmanns Leben hat viele Facetten: sein gescheitertes Studium, seine schwierige, manchmal etwas zu ungeschwisterlich innige Beziehung zu seiner Schwester, dann seine gescheiterte Ehe mit der Krankenschwester Lenore, das etwas verkorkste Verhältnis zu seinen Eltern und nicht zuletzt eine verrückte Reise in die tiefste Provinz Kasachstans. Lennon widmet sich dieser vielschichtigen Lebensgeschichte seines oberflächlich betrachtet eher langweiligen Charakters ausgiebig und so sind es auch die Rückblenden, in denen die Stärken des Romans liegen. Die Gegenwart gerät dabei schon mal ein wenig ins Hintertreffen und so hatte ich gerade im Mittelteil des Romans hier und da ein wenig das Gefühl, dass Lennon ein wenig die Ausgewogenheit der beiden Erzählebenen vermissen lässt.
Lennons Roman ist ein Sammelsurium verkrachter Existenzen, von denen jede auf eigene Art scheitert. Thematisch ist dabei im weitesten Sinne mal wieder der vielbeschworene amerikanische Traum ein entscheidendes Thema, bzw. die Schwierigkeiten, selbigen im alltäglichen Leben zu verwirklichen. Nett verpackt in einem ironischen, gewitzten Ton, mit bildhaften Vergleichen und einer Prise Melancholie schafft es Lennon, den Leser auch sprachlich zu fesseln und einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. "Postmann" ist ein Wechselbad der Gefühle, das mit zunehmender Seitenzahl an Dramatik und Tragik gewinnt und dabei stets ein wenig schräg, sonderbar und auf seine ganz eigene Art liebenswürdig bleibt. Lennons Stil überzeugt von der ersten bis zur letzten Seite. Wer schon mit Freude Jeffrey Eugenides und Jonathan Franzen gelesen hat, für den könnte sich "Postmann" als Glücksgriff entpuppen.