Warum nur wurde so viel Schlechtes über Kevin Costners POSTMAN gesagt und geschrieben? Okay, bisweilen handelt es sich um eine vor Kitsch und Patriotismus nur so strotzende Heldensage voller Dramatik und leidenschaftlicher Gefühle, und mit 170 Minuten Spielzeit läßt sich der Film ausreichend Zeit, um seine Geschichte bildgewaltig zu erzählen. Dennoch ist er spannend inszeniert und kurzweiliger als so manch anderes Leinwand-Epos.
Die Handlung spielt in einer nicht allzu fernen Zukunft nach dem atomaren Holocaust, in der die Welt (natürlich stellvertretend dargestellt durch Amerika) in Anarchie verfallen ist. Die Lager sind gespalten. Es gibt die Überlebenden, die sich nur den Frieden wünschen und versuchen, irgendwie durchzukommen, während sie gleichzeitig von General Bethlehem und seiner Armee grausam tyrannisiert werden. Bethlehems Schicksal besiegelt sich an dem Tag, als er einen vagabundierenden Schauspieler zwangsrekrutiert, der jedoch bei der ersten sich bietenden Gelegenheit desertiert.
Auf der Flucht findet er das Skelett eines Postboten - und eine Handvoll nicht zugestellter Sendungen. Fortan nennt sich der namenlose Fremde "Postman" und erschwindelt sich unter dem Vorwand, als Beamter der Neuen Vereinigten Staaten für die Wiederaufnahme der Briefzustellung zuständig zu sein, Einlass in eine verbarrikadierte Stadt, auf der Suche nach einer warmen Mahlzeit, sauberer Kleidung und einem Dach über dem Kopf. Er erzählt den Bewohnern frei erfundene Geschichten über den neu gegründeten Kongress und einen Präsidenten, der die Parole ausgegeben hat, es werde jeden Tag ein wenig besser. Da der Postman Briefe in seinem Gepäck hat, deren Empfänger tatsächlich noch am Leben sind, glauben ihm die Leute bald jedes Wort.
Wie Jakob der Lügner im Ghetto seinen jüdischen Landsleuten durch erfundene Radiomeldungen Hoffnung auf eine baldige Befreiuung gab, so schöpfen die Menschen aus den Berichten des Postman Hoffnung auf ein Ende von Bethlehems Schreckensherrschaft. Völlig unbeabsichtigt wird der Postman dadurch zur Symbolfigur des Widerstands und löst eine Kette unkontrollierbarer Ereignisse aus...
Kevin Costner bewies schon mit DER MIT DEM WOLF TANZT, dass er nicht nur als Schauspieler etwas taugt, sondern das Handwerk des Regisseurs ebenfalls beherrscht. Auch dieses Mal inszeniert er sich nicht als untadeligen Retter in der Not, sondern, ähnlich wie in seinem viel gescholtenen WATERWORLD, als Anti-Held, dem zunächst nichts daran liegt, seinen Mitmenschen zu helfen. Beängstigend gut wird General Bethlehem von Will Patton verkörpert. Auch die übrigen Darsteller leisten durch die Bank ordentliche Arbeit, und Olivia Williams nutzt jede Gelegenheit, mehr zu sein als nur die hübsche Gefährtin des Postman. Erfreulicherweise hat es Costner verstanden, den Humor nicht zu kurz kommen zu lassen, um dadurch die düstere Grundstimmung des Films aufzulockern.
POSTMAN ist ein durchaus gelungener Abenteuerfilm, jedoch mehr Western als Science-fiction. An Endzeit-Szenarien wie die grandiose MAD MAX-Serie reicht er nicht heran, aber sehenswert ist er allemal, nicht nur für Costner-Fans.