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Hans-Thies Lehmanns Essay «Postdramatisches Theater»
Ein Aprilscherz für die einen, eine Welterklärung für die andern dieses Buch hat es innerhalb von ein paar Monaten zum Gespenst gebracht. Die führende Hochglanzzeitschrift der Branche setzte dann auch ein solches in Bühnengestalt auf das Titelblatt. Was in Theatern und auf Redaktionen herumgeistert, ist die Sehnsucht und mit ihr die Befürchtung, dass Hans-Thies Lehmanns gut fünfhundertseitiger Wälzer die Wahrnehmungs- wie die wiederkehrenden Legitimationskrisen des «neuen» Theaters einerseits in den Wind schlägt und dass die Lektüre dieses vermuteten Standardwerks das nach wie vor prägende Literaturtheater anderseits auf dem Scheiterhaufen der Ewiggestrigkeit verbrennt.
Am besten bannt man die Geister, indem man sie benennt. Nun denn: «postdramatisches Theater» heisst dieser Rumpelstilz, der ganz leibhaftig, aber bisher ohne Namen, schon länger auf der Bühne tanzt. Im Fokus des Theaterwissenschafters Lehmann sieht man Männer wie Robert Wilson, Heiner Goebbels, Einar Schleef oder Christoph Marthaler, also nichts Brandneues. Erstens. Zweitens strebt das Buch keine Inventarisierung an. Kein Manifest eines neu ausgerufenen postdramatischen Theaters soll gesetzt werden. Schwarze Listen birgt das Buch in seiner manchmal schon fast programmatisch anmutenden Widersprüchlichkeit kaum. Drittens betont Lehmann wiederholt, dass der Text im sogenannt postdramatischen Theater seine Daseinsberechtigung keineswegs verliert. Vielmehr kommen ihm andere Funktionen zu: zum Beispiel die der Herausforderung für stetig neue Formfindungen (Heiner Müller, Elfriede Jelinek) oder jene eines weniger zentralen als eher gleichberechtigten, anderes sogar konkurrenzierenden Zeichensystems.
Klaus Michael Grübers dunkel hermetische, jedoch äusserst textlastige Inszenierungen (etwa an der alten Berliner Schaubühne mit Goethes «Iphigenie auf Tauris») sind in diesem Sinne genauso «postdramatisch» wie die Aktionen des um einiges jüngeren Christoph Schlingensief mit seiner Bahnhofsmission in Hamburg oder die Performances der medienreflexiven Theatermacher mit starken Affinitäten zur Klubkultur wie René Pollesch und Stefan Pucher. Beispiele im O-Ton zu den Genannten mögen verdeutlichen, dass postdramatisch nicht immer und a priori «gut» bedeuten muss. «In Grübers Theater wird die niemals endende, antik singende, beckettsch murmelnde Stimme hörbar, ein Sprechen, das auch in der Streitrede jenseits der Debatte steht, Erfahrung heilloser Ohnmächtigkeit aussagt, ohne trügerische Dynamik und Pseudotempo.» Hier spricht ein Fan. Und ein schlauer Kritiker dazu, weil er mit den Verneinungen der stofflichen Debatte, der Dynamik und des Pseudotempos einige Merkmale aufzählt, die das dramatische Theater noch entscheidend prägen.
In deutlich prosaischerem Ton ist die einzige Anmerkung zu Schlingensief gehalten, «der mit seinen irgendwo zwischen Pop, Dada, Surrealismus, Politik und Medientheater angesiedelten Aktionen eine bemerkenswerte mediale Präsenz für politische Fragen erreichte, die freilich unentscheidbar zwischen Show, Unfug und Politik changiert». Hier spricht ein alter Theaterfuchs, der sehr wohl Show und Unfug, an anderer Stelle sogar regelrechte «Unprofessionalität» und «Dilettantismus» diagnostiziert.
Doch weil es sich der Wissenschafter Lehmann leisten kann, nur dort Kritiker zu spielen, wo er gleichzeitig Fan ist, fällt mangelndes Theaterhandwerk nicht ins Gewicht. Andernfalls konstatiert er nüchtern Versuche, aus überlieferten formalen Korsetts auszubrechen. Das kann Tageskritik selten leisten, für welche der Spagat zwischen kunstvoll Vollendetem am einen und spielerisch Provisorischem am andern Tag zunehmend schwierigere Aufgaben stellt, will sie denn noch ein kohärentes begriffliches Raster behaupten. Genau dieses letztere stellt auch Lehmanns Essay nicht zur Verfügung. Und genau deshalb mutet das grosse Tamtam um das dicke Buch seltsam an (es ist am inflationären Gebrauch von «postdramatisch» in allen möglichen und unmöglichen Formen und Zusammenhängen abzulesen). Erneut hochgezogenen Begriffsmauern zwischen «realistisch-erzählend» contra «postdramatisch-assoziativ» bietet die Studie kein Fundament; und manch ein feuilletonistischer Gegner Lehmanns hat schon von alternativen Ausblicken geschwärmt, die im Buch gerade als Spielform des postdramatischen Theaters beschrieben werden.
Auch wenn Lehmann mit zahlreichen Beispielen ein «Panorama des postdramatischen Theaters» aufzieht, dessen Umrissen er in Kapiteln über Performance, Text, Raum, Zeit, über Körper und über Medien näherzukommen versucht: Der erschriebene Gegenstand erweist sich als zu vielfältig, als dass man von einem einfachen Paradigmenwechsel sprechen könnte, der sich auf ein paar Lehrbuchseiten darstellen liesse. Es sind Denkpfade, Betrachtungsweisen abseits der konventionellen Trias Stück, Inszenierung, Schauspieler, die sich hier eröffnen weniger zum reinen Nachvollzug als zum Weiterdenken gemeint. So gesehen liegt der praktische Nutzen des Buches nicht in der knallharten Bestimmung, was nun postdramatisch und was vorgestrig sei, als vielmehr in einer Neuausrichtung des Blickes. Mit Lehmann lässt sich manches anders betrachten, was die «reine» postdramatische Lehre als veraltet bezeichnen müsste.
Man kann das Buch streckenweise auch als theatergeschichtliche, ansatzweise als wissenschaftsgeschichtliche Abhandlung lesen. Einerseits möchte Lehmann nicht nur ex negatione definieren und sucht positive Bestimmungen des neuen Theaters, die anderseits meistens schon in der Moderne von der historischen Avantgarde formuliert worden waren. Als da sind: die eigenmächtige, eigengesetzliche und enthierarchisierte Realität aller dem Theater zur Verfügung stehenden Mittel; der weitgehende Verzicht auf den Abbildcharakter; die Abkehr von einer geschlossenen Handlung, weg vom Textprimat, hin zum Theater. Die hier grob vereinfachten Forderungen sind bekannt und fanden auch schon in anderen Untersuchungen zur historischen Theater-Avantgarde einen differenzierten Niederschlag (etwa bei Erika Fischer-Lichte oder bei Christopher Innes). Erhellend, doch terminologisch etwas mühsam wird die Lektüre da, wo Lehmann «Postdramatisches Theater» abwechslungsweise historisch und ästhetisch besetzt. Die konkreten Beispiele datieren grösstenteils in die Siebziger, mehr noch in die Achtziger und die Neunziger zurück. Das historisch umrissene Phänomen braucht dann seinerseits klar bestimmbare Merkmale. Letztere aber resultieren in ästhetischen Begriffen, die den Zeitraum und damit das Phänomen wieder verlassen und es sprengen. In diesem Sinne wird das Theater in die Diskussion hineingestellt, inwiefern die Postmoderne überhaupt von der Moderne zu unterscheiden sei.
In den besten Momenten feiert Lehmann die Postmoderne nicht geschichtslos ab, sondern verfolgt ihre familialen Spuren. Dort, wo der Autor bei Aristoteles selbst und später bei Hegels Dramentheorie bereits das Ende des Dramas und die Geburt der Performance angelegt sieht oder besser: der Möglichkeit nach kenntlich macht. Die grossen toten Herren sollen nicht theoretisch vereinnahmt und als frisch verbürgte Väter ins postdramatische Familienalbum geklebt werden. Das bringt oft wohltuende Gleichmut und Distanz mit sich, führt aber bisweilen, in theoretischer Verdoppelung des Uneigentlichkeits-Pathos, zu einer hermetischen Schreibweise. Wie schlüssig allerdings weite Teile der historischen Avantgarde oder die französischen Absurden und sogar Beckett in den Bereich der Weltabbildung und des Textprimats verwiesen werden (nicht verbannt!), zeugt von einer Genauigkeit und immer auch der Liebe zu diesen Formen, wie sie ein rein vätermordendes Manifest nie aufbringen könnte.
Manches deutet immer wieder darauf hin, dass postdramatisches Theater aus weichen Brüchen hervorgegangen ist. So die beruhigte Feststellung, dass die nach Martin Esslin für die fünfziger Jahre formulierte «metaphysische Angst angesichts der Absurdität der menschlichen Existenz» im postdramatischen Theater kein Problem mehr darstellt, sondern eine «vorauszusetzende kulturelle Gegebenheit». Moderne/Postmoderne, dramatisch/postdramatisch: Beide Unterscheidungen greifen vielleicht gar nicht mehr umfassend in die Gegenwart des Theaters ein. Vieles, was Lehmann beschreibt, ist bereits Geschichte oder gerade noch auf den Bühnen zu sehen, wie die Berliner «taz» anmerkte. Ein Widerspruch muss das nicht sein: denn wenn (fast) alles geht, geht auch das Alte.
Tobi Müller
Am Donnerstag, 27. April, hält Hans-Thies Lehmann um 20 Uhr im Theater Neumarkt, Zürich, einen Vortrag mit dem Thema «Die Zeit des Theaters». -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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Dem gemeinen Theaterbesucher, der sich erst neulich gefragt haben mag, was ihm dieses oder jenes vielschichtig-lärmende und zudem verwirrende Stück wohl sagen sollte, könnte in diesem Buch ein paar Lösungsansätze an die Hand bekommen - wenn er sie denn in den 500 Seiten findet. Doch bedarf er nicht wirklich dieses Elaborates, um zeitgenössische Dramen verstehen zu können, eine übersichtlichere Jacketttaschenversion gilt es erst noch zu schreiben. Die Frage, inwieweit zeitgenössische Dramen vom Rezipienten überhaupt verstanden werden wollen, sei dabei einmal beiseite gestellt.
Wer sich jedoch wissenschaftlich mit dem modernen, pardon: postmodernen, pardon: postdramatischen Theater befasst, sei es zum Beispiel als Theaterwissenschaftler, Germanist oder Dramaturg, kommt um Lehmanns "Postdramatisches Theater", nicht herum. Und wer doch drum herum kommt, sage mir bitte wie!
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