Dass blinde Hühner auch mal ein Korn finden, ist eine Redensart. Dass Dr. Uwe Boll einen brauchbaren Film produzieren kann, ist dagegen fast schon ein Wunder.
Uwe Boll dürfte den meisten Leuten ein Begriff sein. Sein Name steht für schlechte Filme und miserable Spieleumsetzungen. House of the Dead, Bloodrayne, Dungeon Siege - Worte die dem Fan die Haare zu Berge stehen lassen. Nun wagt sich Dr. Boll an einen neuen Versuch. Diesmal musste also Postal dran glauben. Die Voraussetzungen dafür standen eigentlich ganz gut. Das Spiel hat eine riesige Fangemeinde, es strotzt vor Tabubrüchen und bitterbösem Humor. Doch so etwas kann in Händen von Herrn Boll auch nach hinten losgehen.
Doch erstaunlicherweise ging die Presse das erste Mal, wenn es um Boll geht, mit ihrer Meinung auseinander. Statt einheitlichem zerschmettern des neuesten Werkes gab es viele positive Meinungen. Aber in einem waren sich alle einig - der Film ist bitterböse und überschreitet gerne die Grenzen des guten Geschmacks. Als Anhänger des Spiels kann man sich sowas natürlich nicht entgehen lassen. Also einen Freund geschnappt, viel Bier und ab gehts.
Die Einleitungssequenz punktet auf jedenfall. Zwei Terroristen sitzen im Cockpit einer Maschine. Ihr Ziel ist das World Trade Center. Da es Unstimmigkeiten gibt, wie viele Jungfrauen denn nach dem Tod warten, wird kurzerhand der Chef angerufen. Osama muss allerdings zugeben, dass es aufgrund der steigenden Zahl an Märtyrer nur noch 20 statt 100 Jungfrauen in der Ewigkeit gibt. Zu wenig, wie die Terroristen finden und daher beschließen sie, die Mission abzubrechen und auf die Bahamas zu fliegen. Doch da stürmen die Fluggäste das Cockpit - der Rest ist bekannt.
Wer hier schon moralische Bedenken hat, dass 9/11 hier parodiert wird, der sollte ganz schnell den Kinosaal verlassen. Denn das, was hier in der Eingangssequenz geboten wird, ist nur ein Teil von den absolut unkorrekten Tieftritten, die der Film verteilt.
Dabei beginnt alles im Prinzip ganz harmlos. Der Postal Dude, der mit seiner übermäßig fetten Frau in einem Trailer Park in der Stadt Paradise wohnt, begibt sich auf den Weg, Arbeit zu finden. Doch schon das Gespräch verläuft unterirdisch und auch der Gang zum Wohlfahrtsamt wird kein Spaziergang. Denn ein Übergeschnappter ballert wild um sich und erschießt wahllos die wartenden Menschen. Der Postal Dude tut das einzig richtige - um seine Wartezeit zu verkürzen, tauscht er sein Kärtchen gegen die Kärtchen von den Erschossen und ist prompt an der Reihe. Wäre da nur nicht Feierabend für die Dame am Schalter...
Auch der restliche Tag wird immer schlimmer und so erwischt er sein Weib, wie sie es mit dem Nachbarn treibt. Da platzen dem Dude die Sicherungen und er beschließt, mit seinem Sektenführenden Onkel ein großes Ding zu planen, um endlich aus Paradise abhauen zu können. Der Plan ist einfach - sie wollen in den Freizeitpark Little Germany einbrechen, um dort die Krotchy-Dolls zu stehlen und teuer zu verhökern. Allerdings plant die Al-Quaida genau das gleiche. Ein Wettkampf um die Penis-Puppen entsteht.
Die Story an sich ist absolut Hanebüchen und bildet quasi nur eine Rahmenhandlung um eine Aneinanderreihung von unkorrekten Witzen. Egal ob der Concentration-Camp Spielplatz oder die Bezahlung eines Stars mit Goldzähnen (!) - Uwe Boll schreckt vor nichts zurück und wer hier mit dem Moralfinger schwingt, der hat schon verloren. Zu der minimalistischen Story gesellen sich im weiteren Verlauf die fahlen Actionsequenzen, die, wie in jedem Boll-Film, strunzlangweilig und mit billigen Effekten ausgestattet sind. Also bisher alles beim Alten. Warum dennoch eine durchschnittliche Wertung?
Nun, wo der Film wirklich punkten kann, ist der Humor. Sei es die Einleitungssequenz, die Szene im Wohlfahrtsamt oder gar die Reporterin, die zig erschossene Kinder um sich schart, damit ihre Reportage sie in ihrem Job weiterbringt, um das ganze mit einem "Urghs. Die Kinder müffeln..." zu beenden. Die Szenen sind herrlich komisch, überspitzt und überall sitzt ein kritischer Unterton dahinter. Aber auch ausserhalb der kritischen Seite kann der Film positiv auftrumpfen. Egal ob es ein Polizist ist, der auf einen ohnmächtigen Gangster einprügelt und nach Verstärkung ruft oder die Idee mit dem Little Germany Vergnügungspark, inklusive Hasslehoff's Würstchen - fast immer gibt es irgendetwas zu lachen.
Zwar gibt es immer wieder Durchhänger oder Leerlauf, vor allem gegen Ende, aber im Allgemeinen kann man doch sehr oft gut und herzhaft lachen. Fast immer sogar freiwillig - und nicht aus Verzweiflung heraus. Sehr Amüsant sind auch diverse Cameo-Auftritte, die vor allem Fans des Spiels freuen dürften. Kein geringerer als Vince Desi, der Chef von Postal höchstpersönlich, hat einen Auftritt in dem Film und sorgt auch hier wieder für einen gelungenen Lacher.
Fazit: Postal ist kein Meilenstein. Postal ist geschmacklos. Postal ist unterste Schublade. Dennoch, oder gerade deshalb, kann der Film über größere Strecken sehr gut unterhalten. Allerdings sollte man schon einen Sinn für pechschwarzen Humor haben. Erschossene Kinder, ein Dr. Mengele Hospital oder die Eingangssequenz, die 9/11 auf die Schippe nimmt - genau meine Art von Humor. Wer bei sowas nicht lachen kann oder es moralisch bedenklich findet, sollte einen rießen Bogen um den Film machen. Alle anderen sollten ihr Gehirn bei der Kasse abgeben und den Film genießen, soweit es geht.
Uwe Boll hat hier definitiv seinen besten Film abgeliefert. Und das wird er wohl, wenn man ernsthaft in die Zukunft blickt, auch eine Zeit lang so bleiben.