Eins vorweg: der Autor spricht selber von Projekt-Retrospektiven
und so heisst auch das englische Original des Buches.
Den Begriff "Post Mortem" nutzt er nur für Retrospektiven die auf
ein gescheitertes Projekt folgen.
Daher ist der Titel des deutschen Buches wohl ein Kniefall vor
dem üblichen Gebrauch des Anglizismus "Post Mortem" im Deutschen.
Für "Post Mortem"-Retrospektiven gibt es ein zusätzliches
Kapitel, dass auf die besonderen Probleme in einer solchen
Situation eingeht.
Der Autor ist selber erfahrener Moderator von Retrospektiven und
nutzt seine Erfahrung um dem Leser darzulegen, wie eine
Retrospektive zu organisieren und durchzuführen ist.
Die wichtigsten Punkte sind vielleicht, das halbherzige Retrospektiven
mehr schaden als nutzen, weil in zu kurz
angesetzten Retrospektiven keine Zeit ist, die wahren Probleme
anzusprechen und alle Ergebnisse am Ende gleich aussehen, so
daß die Retrospektiven sinnlos erscheinen und vielleicht
gar nicht mehr durchgeführt werden (er empfiehlt z.B.
externe Retrospektiven mit einer Dauer von 3-4 Tagen).
Jede Retrospektive wird in drei Zeitabschnitte aufgeteilt
(Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft) und zu jedem Zeitabschnitt
werden zahlreiche "Übungen" vorgestellt - der Begriff "Übung"
ist etwas gewöhnungsbedürftig, er dient hier als Sammelbegriff
für die verschiedenen 'Bausteine', aus denen man sich die
Retrospektive zusammenstellen kann.
Der Autor ist so ehrlich, aussichtslose Retrospektiven nicht
durchzuführen, wenn die Zeit also zu kurz ist oder keine
Gelegenheit für eine ordentliche Vorbereitung da ist.
Den Mut zum "Nein"-Sagen fehlt leider (in der IT) vielen!
Dazu passt auch, dass er gezielt Anforderungen an den
Moderator der Retrospektive stellt, auch durch einen schlechten
Moderator, der die Leute oder Situation nicht im Griff hat,
kann eine Retrospektive Schaden anrichten.
Welche Anforderungen Norman L. Kerth an sich selber stellt
erkennt man, wenn man die Querverweise auf die Sekundärliteratur
sieht (Psychologie, Kommunikation, Marketing, etc.)
Mein einziger Kritikpunkt an dem Buch:
Der Autor betont immer wieder, das eine Retrospektive nicht
zur Abrechnung mit einzelnen Personen werden darf und alles
positiv formuliert werden soll ("Was können wir besser machen?"
statt "Wer hat Mist gebaut"). Sicherlich darf man niemand
zum Sündenbock für die Sünden anderer machen, aber in vielen
Projekten sitzt halt doch ein schwarzes Schaf, dass sich
vielleicht bei den 'anonym' aufgenommenen Problemen gar nicht
angesprochen fühlt.