Christian Heller zeigt mit seinem Essay, dass das Private, die Privatsphäre, die heute so vehement von Datenschützern verteidigt wird, nicht etwa immer schon als menschliches Grundbedürfnis vorhanden war, sondern einen historischen Bedeutungswandel durchgemacht hat. Das eigentliche Ziel dahinter ist Selbstschutz. Das Wissen - und die damit einhergehende Macht von Staat und Gesellschaft ' über den einzelnen Menschen soll möglichst begrenzt werden.
In einem knappen kulturgeschichtlichen Exkurs zeigt Heller die Entstehung und Entwicklung der Privatsphäre von der Antike bis in die Gegenwart auf. Ursprünglich ist das Verb "privare" negativ konnotiert, denn es heißt so viel wie "berauben" und ist durchaus kritisch zu sehen. Schließlich bringt es nicht nur die begehrten Rückzugsmöglichkeiten. Es stärkt patriarchale Strukturen, verschleiert häusliche Gewalt, verhindert Zusammenschlüsse und öffentliche Sichtbarkeit.
'Post-Privacy' schildert, analysiert und vertritt die These: 'Die Privatsphäre ist ein Auslaufmodell' (S. 7), denn wir leben im digitalen Zeitalter. Der Kampf ist bereits verloren; man kann das Private nicht vom Öffentlichen trennen. Soziale Netzwerke wie Facebook, Google+, Twitter, Blogs und Internetforen gehören längst zum alltäglichen Leben und sind daraus auch nicht mehr wegzudenken. Man kauft online ein, steigert bei Auktionen mit, nutzt das komfortable Homebanking und eilt mit Handy oder Smartphone durch die Stadt. Wer partizipieren und das Internet nutzen will, muss sichtbar werden. Dass wir mit unserem Handeln auch in der virtuellen Welt Spuren hinterlassen, ist kein Geheimnis. Das, was wir tun, ansehen, preisgeben, veröffentlichen, wird letztendlich gesammelt, verwertet, interpretiert und genutzt. Verhindern können wir das sowieso nicht. Aber wir können lernen, damit verantwortungsbewusst und informiert umzugehen. Endlich auch einmal die Chancen sehen statt nur über das zu jammern, was ohnehin längst verloren ist.
Schnell wird beim vehementen Verteidigen der Privatsphäre auch vergessen, dass der öffentliche Raum, die Teilhabe am Geschehen außerhalb der eigenen vier Wände, ebenso verteidigens- und bewahrenswert ist. Wie lässt sich einerseits die Freiheit des Individuums wahren, soziale Netzwerke und die vielfältigen Möglichkeiten zu Austausch und Information nutzen, ohne die Meinungsfreiheit einzuschränken? Datenschutz bedeutet auch Kontrolle von oben, und da sind die Grenzen zwischen Schutz und Bevormundung fließend. Der Datenschutz, der so vehement eingefordert wird, wird kritisch hinterfragt. Ergebnis: Er ist im Wesentlichen ein Instrument in der Hand der Mächtigen, die damit vor allem eine Gruppe schützen: sich selbst. Die bestehenden Machtverhältnisse werden letztendlich gefestigt. Das, was sie vorgeblich verhindern wollen, nämlich eine gläserne Gesellschaft zu werden, überwach- und kontrollierbar wie in George Orwells Dystopie "1984" kommt letztendlich durch genau diese vermeintlichen Gegenmaßnahmen zustande.
Grundstein für dieses lesenswerte Buch legte unter anderem das Seminar "Intimität und der Wert des Privaten" von Mirjam Schaub, das im Wintersemester 2005/06 an der FU Berlin stattfand. Den wissenschaftlichen Hintergrund merkt man an der fundierten Herangehensweise und an dem umfangreichen Quellenverzeichnis. Darum eignet sich das Buch besonders für Einsteiger in die gesamte Materie. Zum einen ist es überaus verständlich verfasst, gut strukturiert und sensibilisiert für das gesamte Thema. Zum anderen wird man dank der zahlreichen Beispiele, der anschaulichen Darstellung und Nachvollziehbarkeit fundiert informiert. Heller gibt viele Gedankenanstöße, hebt teilweise philosophisch ab und entwirft selbst eine Utopie der totalen Transparenz.
Dabei schreibt er angenehm sachlich und unpolemisch. Positive Aspekte des Lebens in der Post-Privacy rücken hier in den Vordergrund. Denn bei aller Skepsis und Kritik werden diese im Allgemeinen gern vergessen. Die virtuelle Offenheit vereinfacht das Leben, bringt Gleichgesinnte in Kontakt, bietet denen Gesprächs- und Partizipationsmöglichkeiten, die sonst isoliert wären. Solidarität, Offenheit und mehr Toleranz sind durchaus mögliche Folgen. Das Internet ist letztendlich ein demokratisches Medium.
Das Buch ist spannend zu lesen, macht nachdenklich und es macht auch Mut, selbst transparenter und öffentlicher zu werden und Facebook & Co. nicht nur als Gefahr, sondern auch als Chance zu betrachten.