Wenn schon Indierock mit höherem Rock- als Indie-Anteil, dazu folkloristische Anwandlungen in Form bestimmer Melodieführungen oder Instrumentierungen (Geigen, Mandolinen und anderes Obst) und ein mehr/weniger großer Schuß "Grüne-Hügel-bei-grauem-Wetter"-Melancholie...also, WENN es das mal sein soll, dann bitte von IDLEWILD aus Edinburgh. Roddy Woombles Stimme ist angenehm unkumpelig und klingt wirklich eher nach einem Typen, der auf Partys gern gesehen ist, zu später Stunde auch ordentlich einen in der Rüstung hat aber trotzdem einen Rest kritischer/verunsicherter Distanz zum Geschehen behält, später nach Hause torkelt und mal wieder ganz schön über alles nachdenken muß. Da schreibt er dann noch schnell etwas zwischen Impromptu-Gedicht und halber erster Strophe für einen neuen Song auf einen Küchenzettel und schläft dann vor dem Fernseher ein. Vielleicht ist Roddy Woomble auch ein total narzißtischer Idiot, von dem sich alle wünschen, er würde doch bloß mal den Stock aus seinem Hintern bekommen. Vielleicht denke ich mir Roddy Woomble gerade schön, weil ich glaube, daß ich ein Typ wie Roddy Woomble bin; oder es gern wäre. Nun. Schöne Texte auch: "You said be there or be square, and meet me outside the hall/ And how could I refuse/Such an eloquent misuse of a phrase that I never would" singt Roddy Woomble in "City Hall". Natürlich würde er das nicht. So dümmliche Jugendsprache-Zweizeiler benutzen. Lieber sehnsuchtsvolles und im besten Sinne nachdenkliches Zeug schreiben, das von unhippen Büchern wie John Steinbecks "Jenseits von Eden" inspiriert ist: "And from a first edition/ Of 'East of Eden'/ You found a version of America/ Bordering what we could hope to have." Solche Zeilen von dieser Stimme intoniert, nein, da kommt einfach keine schenkelklopfige Partystimmung auf. Trotzdem hauen Idlewild natürlich ordentlich auf den Putz. "Younger Than America", aus dem eben zitiert wurde, ist ein einigermaßen vorhersehbares Stück Rockmusik, dem zumindest ich absolut nicht widerstehen kann: Immer sicher unterwegs auf dem Grat zwischen Hymne und Melancholie, mit allmählich die Oberhand gewinnenden backing vocals der irischen Folksängerin Heidi Talbot, schön wie der Frühling und klar wie ein, Entschuldigung, Gebirgsbach in der Sonne. Am Ende kommt sogar noch ein Harmoniesprung um 2 Töne. Sowas kennt man eher aus der Schlagermusik, und es hat immer so einen uplifting effect, so daß man spätestens ab dieser Stelle nur noch selig grinsen und mit dem Schädel wackeln kann. Dann sind da noch diese nie ganz domestizierten, trotz allem Schönsein der Musik immer noch rüpelig bratzenden Gitarren, der Drummer hat gewaltig WUMMS und ein paar gute Ideen...fertig ist eine tolle Rockband! "Take Me Back To The Islands", man denkt es sich bereits, ist dagegen folkig und verspielt mit seinen genüsslichen Piano-Arpeggios und einem hübschen Fiddle-Arrangement. Warmherzige, erdverbundene Musik für eine Menge Leute. Mit den heutzutage üblichen Elektronik-Gadgets gehen Idlewild sparsam um: "Dreams Of Nothing" hat im Chorus ein stechendes Casio-Hook, aber ansonsten oszilliert hier alles altmodisch zwischen Konsens-Indie und Stadionrock: Die Gitarren in "Take Me Back In Time" erinnern sogar an The Edge. Man kann sich bei Idlewild aber sicher sein, daß es nie eklig wird. Sie kommen sogar mit einer Nummer wie "Readers & Writers" durch, von der man sagen muß: Sie ist in der Tat ein fröhlicher Marsch mit klingelnden Spielmannszug-Xylophonen. Von diesem Element müssen sie so angetan gewesen sein, daß sie es weiter hinten bei "Circles In Stars" gleich noch mal eingesetzt haben. Das bei ihnen immer schon spürbare Risiko, einer gewissen Beliebigkeit im Songwriting anheim zu fallen, hat sich auf "Post Electric Blues" leider ein Stückchen mehr in Tatbestände verwandelt. Aber es behauptet ja auch niemand, dieses Album hätte die Klasse von "100 Broken Windows" oder "The Remote Part". Trotzdem kann man weiter mit Idlewild rechnen. Gute 3 Sterne und den 4. dafür, daß sie sich "Post Electric Blues" ohne Unterstützung eines Labels von ihren Fans finanzieren lassen konnten. Davon gibt es dann ja offenbar genug, und das beruhigt mich ein bißchen.