59 von 65 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
3.0 von 5 Sternen
Es gibt kein perfektes System in der Dualität, 8. August 2003
Rezension bezieht sich auf: Positives Denken macht krank: vom Schwindel mit gefährlichen Erfolgsversprechen (Taschenbuch)
Einerseits ist das Märchen vom ausschließlich positiven Denken tatsächlich kaum zu realisieren. Der krampfhafte Versuch, ausschließlich positiv zu denken führt zu einem inneren Konflikt aus Wollen und nicht können. Dies gilt sicher für die meisten Menschen, denn tatsächlich sind viele Aspekte unserer Psyche nur schwer oder überhaupt nicht zugänglich oder gar kontrollierbar. Wir leben nun mal in einer Welt der Dualität und der Verstand, das Denken sind Bestandteile dieser Welt. Nichts kann ohne sein Gegenteil existieren, keine Kraft ist ohne Gegenkraft. Dass die Begründer des Positiven Denkens versuchen, einen Idealzustand zu verwirklichen, liegt in ihrer ursprünglichen Motivation, die überwiegend im religiösen Umfeld zu finden ist. Auch dort wird nämlich ein Idealzustand als Vorbild hingestellt, den jedoch der gewöhnliche Sünder nicht erreichen kann. Was bleibt, ist ein innerer Konflikt, der umso stärker wird, je mehr man sich bemüht, dem Ideal zu entsprechen. An diesem inneren Kampf kann man tatsächlich zerbrechen. Insofern ist die Absicht des Autors, Aufklärungsarbeit zu leisten, durchaus zu begrüßen. Ähnliches gilt für die Bereiche Werbung, Marketing und im Berufsleben: Auch hier werden permanent Idealzustände angestrebt, die unrealistisch sind und an denen immer mehr Menschen zerbrechen.
Andererseits ist auch Kritik an dem Werk angebracht. Der Autor erstellt in seinem Buch ein völlig verzerrtes Bild, allein schon dadurch, dass er kategorisch im Titel behauptet, dass positives Denken krank macht. Tatsächlich sind alle seine Fallbeispiele, die er für seine Beweisführung heranzieht, Persönlichkeiten, die anscheinend schon lange bevor sie sich mit dem Positiven Denken beschäftigt haben, psychisch krank waren. Überhaupt betrachtet der Autor das ganze Thema nur durch die Brille seiner wissenschaftlich-therapeutischen Schulung und nur anhand von psychisch gestörten Menschen, für die natürlich eine Psychotherapie dringend erforderlich ist, daran besteht kein Zweifel. Die anderen einigermaßen normalen Menschen lässt er jedoch im Regen stehen und bietet ihnen keine wirkliche Alternative zum Positiven Denken an. Oder sollen in Zukunft alle Menschen, die sich selbst ein wenig motivieren wollen, zum Psychotherapeuten gehen? Außerdem macht er im umgekehrten Fall das Gleiche wie die von ihm kritisierten Autoren: Er lässt niemanden zu Wort kommen, der möglicherweise aus dem Positiven Denken einen Gewinn gezogen hat. Es gibt für ihn nur ausschließlich negative Beispiele - so wie es für die Propheten des Positiven Denkens nur positive Beispiele gibt.
Außerdem entwertet der Autor religiöse Gefühle wie beispielsweise Gottvertrauen, Verbundenheit mit dem All usw. als diffuse Versprechungen - wahrscheinlich auch deshalb, weil er auf diesem Gebiet aufgrund seiner einseitig wissenschaftlichen Ausrichtung, selbst über keinerlei Referenzerlebnisse verfügt. Jedenfalls müssen solche Gefühle nicht automatisch zu einem totalen Realitätsverlust in dieser Welt führen.
Die Wahrheit liegt wohl irgendwo in der Mitte. Positive Motivation - egal, ob aus dem religiösen Umfeld oder aus der neueren und etwas marktschreierisch amerikanischen Methode des Positiven Denkens kann für den gesunden Menschen durchaus hilfreich sein. Es ist nämlich durchaus möglich, eine negative Emotion durch selektive Steuerung der Aufmerksamkeit und durch einen positiven Selbstbefehl zu neutralisieren und dadurch den „inneren Schweinehund" zu überwinden. Jemand der beispielsweise Angst davor hat, vor einer Gruppe zu sprechen, wird gut daran tun sich zu entspannen und sich den positiven Verlauf seines Vorhabens vorzustellen. Hierzu kann er sehr wohl - sozusagen als flankierende Maßnahme - sich selbst gut zureden, indem er sich sagt: „Es wird mir schon gelingen, ich schaffe das und habe den Mut, mich dem Ereignis zu stellen". Was soll er denn sonst tun - etwa sich den Ängsten überlassen und die Sache aufgeben?
Es ist auch zweifelhaft, ob Kranke, die den Umweg über das Positive Denken zur Therapie gegangen sind, tatsächlich direkt damit in Berührung gekommen wären. Zu sehr wird - gerade hier in Deutschland - der Begriff der Psychotherapie in der Allgemeinheit gleichgesetzt mit Psychiatrie und Geisteskrankheit. Kaum jemand, der sich für normal hält (weil er ja gar nicht erkennt, dass er Hilfe benötigt), wird diesen Weg gehen wollen, wenn er es irgendwie vermeiden kann. Viel wahrscheinlicher ist es, dass er erst mal einen schnellen Weg (Alkohol, Tabletten, usw.) sucht, um seine Probleme in Schach zu halten. Hier müsste die Psychologie und die Psychotherapie daran arbeiten, ihr Image in der Öffentlichkeit zu verbessern. In der Regel jedoch muss der Hilfebedürftige von einer Notwendigkeit zur Therapie von Außen überzeugt werden.
Abschließend sei gesagt, dass es sich durchaus lohnt dieses Buch zu lesen. Es ist als Gegengewicht zur Masse der hochfliegenden Enthusiasten gemäß dem Gesetz der Dualität unbedingt notwendig, aber immer gemäß dem Grundsatz, dass es genauso falsch ist zu sagen: „alle Macht der Wissenschaft", wie es falsch wäre zu sagen: „alle Macht den Träumern".
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38 von 45 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Ein Buch gegen Dummheit und Unwissenheit, 13. Januar 2002
Rezension bezieht sich auf: Positives Denken macht krank: vom Schwindel mit gefährlichen Erfolgsversprechen (Taschenbuch)
Dieses Buch polarisiert, wie es die unterschiedlichen Kritiken hier auch zeigen. Der Autor ist NICHT gegen das positive Denken. Vielmehr prangert er an, wie mit geschicktem Spiel von Psychologie die Unwissenheit vieler Menschen schamlos ausgenutzt wird. Es werden künstliche Konstrukte geschaffen, die den Lesern vorgaukeln, persönliche und menschliche Schwächen durch bloßes Denken beheben zu können. Es wird ein Zwang zu positivem Denken erzeugt, dem viele auf Dauer gar nicht standhalten können, weil es einfach nicht ihrer Persönlichkeit entspricht: Können kommt von Kennen und nicht bloß von Denken. Meiner Meinung nach ist es schon bezeichnend genug, wie viele Menschen (oftmals sind es dann auch die Anhänger solcher Motivationskünstler) ihre Motivation von Dritten beziehen müssen. Damit haben sie ihre Persönlichkeit bereits abgegeben und sind fremdgesteuert. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Person und die Akzeptanz von Stärken und Schwächen ist für ein gesundes Maß an Selbstbewußtsein die bessere Vorrausetzung für den eigenen Erfolg. Aber mit der Unwissenheit und Dummheit der Leute ließ sich ja schon immer vortrefflich Geld verdienen........
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10 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Eine dankenswerte Sache, 5. Mai 2007
Rezension bezieht sich auf: Positives Denken macht krank: vom Schwindel mit gefährlichen Erfolgsversprechen (Taschenbuch)
"Positives Denken kann doch nie verkehrt sein.", das scheint plausibel und ist eine verbreitete Ansicht. Dieses Buch zeigt (und bestätigt wohl auch die ein oder andere Erfahrung), dass "positives Denken" als Diktat, dem man sich ohne wenn und aber unterwirft, sogar schädlich ist, da es die Verdrängung der eigentlichen Probleme fördert.
Grob könnte man das Buch in drei Bereiche einteilen: Im ersten Teil werden "Methoden" des positiven Denkens vorgestellt und (sehr) kritisch betrachtet, im zweiten wird dann die von Herrn Scheich selbst angewendete Methode, die Verhaltenstherapie, als wirksame Alternative präsentiert, und in einem dritten Teil wendet er sich kurz den diversen Motivationstrainern zu - ein Kapitel übrigens, dass man m.E. gut und gerne überspringen kann.
Scheich etabliert sich als ein produktiver Kritiker des zwanghaften Optimismus. Er lehnt nicht positives Denken an und für sich ab, sondern dessen Verfechter, die er mit schlagenden Argumenten widerlegt. So untersucht er das vokabular Murphys, hinterfragt die präsentierten Fallbeispiele und - das Wichtigste - skizziert, wie die Psyche des Menschen funktioniert; ergebnis: Gedanken sind nicht die beherrschende Komponente, woraus sich die Schlussfolgerung ergibt, dass noch so viele positive Gedanken eine durch z.B. schlechte Erfahrungen geprägte Persönlichkeit nicht umprägen können.
An keiner Stelle sagt Scheich, wie in vorangegangenen rezensionen behauptet, negatives Denken sei gut. Dagegen zeigt dieses Buch, dass zwanghaftes positives Denken genauso unproduktiv sein kann wie manischer Pessimismus, nichts Anderes.
Somit ist es eine harte, aber konstruktive Kritik, die möglicherweise auch hier und da einen ehemaligen Anhänger des "positiven Denkens" überzeugen könnte ... es sei denn, er ist durch positive Erfahrungen mit dem "positiven Denken" vorgeprägt;-).
Ein kleines Manko hat das Buch aber doch: Man glaubt oft, diesen oder jenen Gedanken schon zwei Seiten vorher gelesen zu haben, teilweise wirkt es etwas ermüdend. Andererseits ist Scheich im Gegensatz zu den "Positivdenkern" auch kein charismatischer Redner und statt dessen nur Wissenschaftler. Daher nur 4 Sterne.
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