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Produktinformation
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Carlos ist in Angola aufgewachsen und seit der Zeit des Salazar Regimes lebt er in Portugal. Zu Weihnachten 1995 lädt er seine Geschwister und die Mutter nach fünfzehn Jahren zu sich ein. Niemand kommt und so sitzt er allein in der Küche und führt einen einsamen Monolog. Er erinnert sich noch einmal an die Zeit in Angola. Aber auch die anderen Familienmitglieder werden durch die Einladung zum Nachdenken angeregt.
Mit vielen verschiedenen Stimmen -- eine stilistische Spezialität von Antunes -- taucht er in die Kolonialgeschichte seines Heimatlandes Portugal ein. --Manuela Haselberger -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
Afrika oder die Krankheit des weissen Mannes
António Lobo Antunes: «Portugals strahlende Grösse»
Im ersten Band seiner Tagebücher «Siebzig verweht» räumt Ernst Jünger den Eindrücken während einer Reise im kolonialen Angola der sechziger Jahre breiten Raum ein. Mag er nun Geographie, Flora und Fauna, die Menschen, auf die er trifft, zum Gegenstand seiner Betrachtungen machen, dem heutigen Leser wird schlagartig die anachronistische Realität einer Gesellschaft bewusst, die offensichtlich nur auf der Basis eines mehr oder weniger camouflierten Rassismus funktioniert. Auch Jünger muss diesen Widerspruch gespürt haben. «Was ist eigentlich schwarz?» fragt er sich. «Merkt man, dass man schwarz ist, nur, wenn man mit Weissen in Berührung kommt? Oder hat der Mensch dem Schwarz gegenüber angeborene Bedenken, wie gegen die Nacht oder gegen das Dunkle im Vergleich mit dem Licht? Warum versuchen die Neger, sich die Haare zu entkräuseln? In Amerika lebt eine Industrie davon. Wahrscheinlich empfindet die schwarze Frau den schwarzen Mann als den schöneren. Warum wird Schwarzer, Neger als Schimpfwort empfunden? [. . .] Rasse hat heute einen Hautgout bekommen.» Etwas gönnerhaft, doch wenig überzeugend schliesst er die Betrachtungen dieses Tages mit dem Bekenntnis: «Mir waren und sind die Neger angenehm.»
Nationale Hybris
Jüngers Gedanken über die Bedeutung des «Schwarzen» und der daraus sprechende rassistische Dünkel, als Angehöriger der weissen Rasse naturgegeben einer herrschenden Elite anzugehören, werfen ein erhellendes Licht auf die Spannungen im öffentlichen wie im familiären Leben der portugiesischen Kolonie vor der Unabhängigkeit, die erst durch den Sturz des portugiesischen Regimes in der Nelkenrevolution von 1974 möglich wurde. Vor diesem Hintergrund spielt sich António Lobo Antunes' neuer, in deutscher Übersetzung vorliegender Roman «Portugals strahlende Grösse» ab. Der portugiesische Erzähler greift hier wieder sein grosses Lebensthema aus «Der Judaskuss» auf, dieser bildmächtigen Beichte eines von den Grausamkeiten des Krieges traumatisierten Soldaten, mit der er international auf sich aufmerksam machte: Portugals jüngste Vergangenheit, die Salazar-Diktatur und der Krieg in den ehemaligen Kolonien in Afrika. Im allgemeinen Sprachgebrauch Portugals wurden diese Gebiete als Ultramar bezeichnet. Sinnfällig beschreibt die Metapher das lusitanische Territorium als zwei nur durch den Ozean getrennte Teile, erhebt damit gleichzeitig den unmissverständlichen, keiner weiteren Legitimation bedürfenden Besitzanspruch auf überseeische Gebiete, die die Grösse des kleinen Mutterlandes um ein Vielfaches übertreffen. Als «Helden des Meeres», die diese Eroberungen vollbracht haben, feiern sich die Portugiesen in ihrer Nationalhymne selbst, beschwören darin «Portugals strahlende Grösse», die es aufs neue mit aller Macht zu errichten gelte. Eine iberische Phantasmagorie aus Träumen von einer glorreichen Vergangenheit, von Ambitionen und Heilserwartungen, die nur darauf gewartet hat, in ihrer fatalen Wahrhaftigkeit desillusioniert zu werden. Schon im Titel von Lobo Antunes' Roman kündigt sich diese Entlarvung nationaler Hybris unmissverständlich an.
Doch weit davon entfernt, einen historischen Thesenroman vorzulegen, geht es dem nach wie vor praktizierenden Psychiater aus dem Lissabonner Grossbürgertum auch in diesem Roman weniger um die fiktionalisierte Schilderung historischer Ereignisse, gar um eine Geschichte des Kolonialkrieges in Romanform. Der Verlag erweist seinem Autor einen Bärendienst, wenn er dessen Werke auf dem Einband als «die besten Portugal-Geschichtsbücher» preisen lässt. Lobo Antunes verschafft uns dagegen einen ganz anderen Einblick, einen schwindelerregenden sprachartistischen Tour d'Horizon durch die selten befriedigten «Leidenschaften der Seele» so auch ein früherer Romantitel , die Neurosen und seelischen Verwüstungen, die eine fünf Jahrzehnte währende Diktatur hinterlassen hat und von denen Portugal innerlich längst nicht genesen ist; der Krieg als historisches Ereignis im fernen Afrika ist für den Arzt letztlich nur das Endstadium der Krankheit, die Agonie, auf die alle Symptome hindeuteten.
Auf den bei uns hochgelobten Roman «Das Handbuch der Inquisitoren» folgt mit diesem neuen Werk das Mittelstück einer «Trilogie der Gewalt». Mittlerweile ein Dutzend Romane bestätigen den Ruf des 1942 geborenen Lobo Antunes, einer der fruchtbarsten und literarisch ambitioniertesten zeitgenössischen Autoren nicht nur seines Heimatlandes zu sein. Seine letzten Werke erschienen in Abständen von nur einem Jahr. Dem Verdacht, diese eruptive Produktivität gereiche der Ausarbeitung nicht zum Vorteil, muss entschieden widersprochen werden. Was bei einem oberflächlichen Lesen von «Portugals strahlende Grösse» zuerst als chaotische Bewusstseinsströme ohne Anfang und Ende erscheinen mag es gibt kein Inhaltsverzeichnis, das bei der Orientierung helfen könnte , offenbart sich bei näherer Betrachtung als einem strengen kompositorischen Plan folgend. In drei Teilen, oder musikalisch gesprochen Sätzen, mit jeweils zehn Kapiteln ertönt die Polyphonie eines Stimmenquartetts: Vier Mitglieder einer portugiesischen Familie erinnern sich an ihr früheres Leben in Afrika, an die Flucht vor dem Krieg in die Heimat und ihre trostlose Existenz in Portugal. Wie schon in früheren Werken verschmelzen die Stimmen in einem kaum unterscheidbaren Gedächtnisgemenge zu einem Klang der Einsamkeit; durch die immer virtuosere Beherrschung der stilistischen Mittel gelingt es Lobo Antunes, Vergangenheit und Gegenwart in einer neuen Dimension der Gleichzeitigkeit literarisch zu gestalten eine ästhetische Qualität, wie sie sonst nur die Malerei erreicht.
Banalität und Tragik
Carlos, der uneheliche, mit einer Schwarzen gezeugte Sohn des Portugiesen Amadeu, der als Ingenieur nach Afrika gekommen war, hat die beiden weissen Halbgeschwister und die Stiefmutter zum Weihnachtsfest in seine kleine Wohnung in Lissabon eingeladen, doch niemand wird kommen. Dieses Datum, der 24. Dezember 1995, bildet den Kristallisationspunkt, um den sich andere Momente der Suche nach der Vergangenheit gruppieren und in dem sie kulminieren. In stetem erinnerndem Monologwechsel, der erst durch den Leser die Qualität eines virtuellen Dialogs gewinnt, werden immer wieder bestimmte Themen leitmotivisch aus verschiedenen Perspektiven aufgegriffen und kommentiert. Es sind die Stimmen von Carlos, dem Mischling, dessen man sich schämt, von Rui, dem Epileptiker, und zuletzt von Clarisse, der sexuell gestörten Tochter. Unterbrochen werden ihre Erinnerungen durch die stets gegenwärtige Stimme ihrer Mutter, Isilda, der Tochter wohlhabender Farmer, die ihren Mann Amadeu eher aus Mitleid denn aus Liebe geheiratet hat.
Allesamt sind sie Existenzen von bestürzender Banalität und hoffnungsloser Tragik. Ihren monomanischen Suaden eignet durchaus ein kantabler Gestus wie von Opernarien. So ist Isilda die eigentliche Hauptperson, gewissermassen der soprano continuo, den die Stimmen ihrer Kinder im Wechselspiel zu Duetten ergänzen. Isilda, die ihrem völlig dem Alkohol verfallenen Mann nur mehr Verachtung entgegenbringt und ihm, mit dem Polizeikommandanten betrügt, erklärt einmal, was ihre Vorfahren dazu gebracht hat, die Heimat zu verlassen und das Glück im Süden des Schwarzen Erdteils zu suchen. Ihr gelingt dabei eine bündige Definition des Kolonialismus: «Mein Vater pflegte zu erklären, dass wir seit je nicht wegen des Geldes noch wegen der Macht nach Afrika gegangen seien, sondern wegen der Neger, die kein Geld und keinerlei Macht besassen und uns die Illusion von Geld und Macht verschaffen sollten.» Die Kolonisten, die sich als weisse Herren fern ihrer Heimat gerieren, sind sich ihres geringen gesellschaftlichen Ansehens in Portugal durchaus bewusst. Dort sind sie, die Ausgewanderten, in gewisser Weise die Neger der andern, die auf sie hinunterblicken. Aus dieser Erkenntnis heraus sind sie ihrer neuen Heimat Afrika in einer Hassliebe verbunden, vergleichbar der Leidenschaft des Kranken, der seine tödliche Krankheit zugleich fürchtet und herbeisehnt.
António Lobo Antunes hat auch mit diesem Roman Portugals subkutane Verfasstheit, die Zeichen seines gesellschaftlichen Verfalls analysiert, wie sie einem Beobachter offenbar werden, der sich nicht von glänzenden Oberflächen täuschen lässt. Er konfrontiert seinen Patienten mit einem besorgniserregenden Krankheitsbild. Vermutlich sähe dieser sich lieber in seinem Selbstverständnis als ein moderner, für die Zukunft bestens gerüsteter Staat bestätigt, dessen rechtzeitig zur Weltausstellung fertiggestellte, architektonisch kühne Brückenkonstruktion über den Tejo das neue Symbol seiner strahlenden Grösse darstellt. Nationalhymnen mögen von Glanz und Gloria künden; grosse Literatur, und als solche rechtfertigt dieses Meisterwerk aus Portugal den Rang seines Autors, muss den Blick in den dunklen Abgrund der menschlichen Existenz wagen.
Thomas Sträter -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
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Antunes arbeitet mit diesem Buch die koloniale Vergangenheit Portugals auf. Dies gelingt ihm mit virtuosen literarischen Mitteln auf erschütternde und nachhaltig wirkende Weise.
Mit der starken Farmertochter Isilda, ihren Eltern und vor allem den Kindern - dem seine Identität suchenden Mischling Carlos, der vornehmlich ihren Sexualdrang auslebenden "Flittchen"-Tochter Clarisse, dem gefühllos brutalen Epileptiker-Sohn Ruisse - schafft Atunes sich ein extremes Personenszenario, das es ihm ermöglicht, sein skeptisch pessimistisches von Gewalt und Macht bestimmtes Menschenbild zu entwickeln.
Dieses Buch verlangt dem Leser starke Nerven ab. Die Brutalität der Darstellung steigert sich auf ein Ausmaß, wo Abstumpfung beginnt. Was wir von Afghanistan und Irak, von Folter, Überfällen und Verstümmelung durch aktuellen TV-Konsum bis zur Gewöhnung hören und sehen, kommt hier über das Medium Literatur.
Es geht um die physischen und psychischen Verletzungen von Kolonisatoren und Befreiern gleichermaßen, konkret von Portugiesen im postkolonialen Angola und den einheimischen in Bürgerkrieg verwickelten Angolanern im Übergang in die postkoloniale Freiheit, um Macht und Machtmissbrauch, um Aufbau und Zerstörung. Hass, Menschenverachtung, Destruktion und Chaos überwiegen.
Rücksichtslosigkeit und Ausgeliefertsein, Egoismus und Gleichmut, Brutalität und Hilflosigkeit, Überheblichkeit und Rachsucht, überbordender Reichtum und grenzenlose Armut, all diese Aspekte des unmenschlichen Menschen, wechseln auf der Grenze zwischen kolonialer und postkolonialer Zeit lediglich die Personengruppe.
Mir neue literarische Mittel werden virtuos eingesetzt. Satzzeichen aufgehoben zu Gunsten eines ununterbrochenen Gedankenflusses, der Erinnerungsebenen und Beobachtungspositionen zusammenschiebt. Eine Schreibtechnik, die filmische Elemente - Überblendung, Rückblende, Doppelbelichtung - adaptiert. Prosa und Poesie verschmelzen. Textwiederholungen werden mit nur leicht veränderten Textbausteinen eingesetzt. Fetzen auseinandergeschnittener Sätze, über mehrere Seiten verstreut, werden erst durch das Lesen zusammengesetzt. Wiederholungen wirken wie Refrains. Spannung und Ermüdung wechseln sich ab. Wie bei Gedichten erschließen sich Textstellen bei nochmaligem Lesen zu einer anderen Tageszeit mit frischer Konzentration neu, erscheinen in anderem Licht.
Ein anstrengendes aber sehr lesenswertes Buch.
PT Juli 2005
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