"A Portrait of the Artist as a Young Man" ist die Geschichte des Künstlers Stephen Dedalus, beginnend mit seiner Kindheit bis hin zum selbstgewählten Exil in Paris.
Wie so oft bei Joyce ist der Inhalt des Romans beinahe weniger wichtig als das Medium, die Sprache. So spiegelt sich die wachsende Reife des Protagonisten in der Komplexität der Sprache wieder. Im ersten Kapitel, die früheste Kindheit Stephens, finden sich nur simple Hauptsätze und einfache Worte.
Im fünften und letzten Kapitel hingegen, Stephen ist mittlerweile ein literarisch ambitionierter Student an einer Universität, befinden sich Sprache und Thematik des Werkes auf einem derart anspruchsvollen Level, dass man die meisten Textstellen mehrmals lesen muss, um sie zu erfassen, vor allem als nicht Muttersprachler. Berühmt geworden ist Stephens Diskurs über sein Kunstverständnis, ein Abriss der Kunst- und Literaturtheorie von der Antike bis in die Neuzeit.
Höhepunkt des Romans ist jedoch Stephens "epiphany", sein Erwachen, am Ende von Kapitel 4. Am Strand entlang spazierend, erblickt er ein Mädchen. Von dessen Schönheit so überwältigt, von der Aussicht auf Liebe, Sex und Lebenslust so hingerissen, beschließt er, den gesellschaftlichen Zwängen seiner Heimatstadt Dublin, vor allem Familie, Religion und Nationalismus, zu entfliehen um seinen Lebenstraum zu erfüllen und Schriftsteller in Paris zu werden.
Wer beim Lesen Spaß daran hat gefordert zu werden und nicht nur mit platten Stereotypen bedient werden möchte, wird "A Portrait..." lieben. Es ist definitiv eine Herausforderung, wenn auch leichter zugänglich als "Ulysses". Wer sich in näherer Zukunft vorgenommen hat Joyce's Hauptwerk anzugehen, sollte vorher unbedingt dieses Buch lesen. Einige Charaktere (vor allem Dedalus) und typisch moderne Erzähltechniken (stream of consciousness) werden hier eingeführt.