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Henry James' Roman dreimal deutsch
Zwischen drei ganz unterschiedlichen Damenporträts werden sich die zur Lektüre einer deutschen Fassung von Henry James' Roman angeregten Kinobesucher entscheiden müssen. Soll man der spröd-eleganten Schwarzgekleideten den Vorzug geben, die auf der Taschenbuchausgabe von Kiepenheuer und Witsch einsam ihre Karaffe Wein geniesst? dem verführerisch dekolletierten Konterfei Nicole Kidmans, mit dem der Aufbau-Taschenbuchverlag die Leser lockt? oder der in üppig kolorierter Szenerie wandelnden weiblichen Silhouette, die den Umschlag der soeben bei ars vivendi erschienenen Übertragung ziert?
Von Isabel Archer, der Heldin des Romans, heisst es, sie habe sich bei ihren Raubzügen durch die grosselterliche Bibliothek hauptsächlich von der Attraktivität des Frontispizes leiten lassen; und glücklich würde man sich schätzen, allein nach dieser Massgabe ein Urteil über die deutschen Ausgaben von «The Portrait of a Lady» abgeben zu müssen. Denn hat man einmal zur vergleichenden Simultanlektüre von Original und Übersetzungen Platz genommen, sind Gunst und Ärger steten Richtungswechseln ausgesetzt. Kenntlich werden dabei zumindest die unterschiedlichen Gangarten und Tempi, welche Hildegard Blomeyer im Jahr 1950, Lore Krüger zwanzig Jahre später und nun jüngstens Gottfried Röckelein bei der Annäherung an Henry James' Roman eingeschlagen haben; deutlich auch die Plus- und Minuspunkte dreier Ansätze, die als eigentlich repräsentativ für die anspruchsvolle Arbeit des Übersetzens gelten können.
Hildegard Blomeyers relativ freie Wiedergabe nimmt durch die meist stilsichere Formulierung und Phrasierung für sich ein; doch ein oberflächliches, stellenweise fehlerhaftes Textverständnis beeinträchtigt zumindest im Vergleich mit dem Original die Lektüre. Genauer hält sich Lore Krüger an den Wortlaut: allzu exakt allerdings, wo James' komplexe, doch stets elegante Satzstrukturen in der Übertragung hölzern geraten, wo sich statt der direkten Übertragung eines englischen Begriffs die Suche nach einer feiner nuancierten Lösung gelohnt hätte. Am hellhörigsten und gründlichsten hat sich wohl Gottfried Röckelein auf die Prosa des amerikanischen Romanciers eingelassen und ist dabei dem Text leider einen Schritt zu nahe getreten: seine Fassung ist beschwert von unnötigen Partikeln, engt stellenweise ein durch eine überdeterminierte Lesart, die Dinge zu Wort bringt, welche das Original höchstens anklingen lässt; auch das Spektrum der Wortwahl greift im Exquisiten wie im Umgangssprachlichen manchmal weiter aus, als es der beherrschte Ton des amerikanischen Meisters erlauben würde. Liesse sich noch etwas von der Ökonomie der frühesten Übersetzung und von der Nüchternheit der mittleren in Röckeleins sorgfältige Arbeit einbringen: dann erst läge das deutsche Äquivalent zu «The Portrait of a Lady» vor.
Angela Schader -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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