Die hilfreichsten Kundenrezensionen
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16 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Fiktive Biographie oder biographische Fiktion, 19. Dezember 2005
Wenn man sich auf die Kapitelüberschriften verlassen würde in Colm Toibins Roman „Porträt des Meisters in mittleren Jahren“, so könnte man schwerlich von einer Biographie sprechen, umfasst der beschriebene Zeitraum im Leben Henry James doch nur die Jahre zwischen 1895 – 1899. Doch fintenreich webt der irische Autor, Mosaikstücken gleich, Geschehnisse aus den vorher liegenden Jahren kunstvoll in die laufende Handlung ein, so dass sich am Ende des gelungenen Romans ein dichtes, wenn auch nicht geschlossenes, Bild des Meisters ergibt.Das Buch beginnt damit, dass der scheue Autor sich der Missfallensbekundungen des Theaterpublikums anlässlich der Premiere seines Bühnenstücks „Guy Domville“ aussetzen muss. Die Erkenntnis „… dass es ihm nicht gelungen war, den Geschmack des breiten Publikums zu treffen…“ verursachte in ihm das Gefühl, „… besiegt und bloßgestellt worden zu sein…“ Er flieht aus London und wir begleiten ihn die nächsten fünf Jahre seines von Katastrophen reichen Lebens. Colm Toibin gelingt es, die über Henry James bekannten Fakten auf subtile Weise mit imaginären Geschehnissen zu verknüpfen. Zu danken ist dies vermutlich der Tatsache, dass er als Vorbereitung zu seinem Werk alle verfügbaren Quellen über Henry James zu rate zog und sich bei seinem Stil an dem des Meisters orientierte. Nach eigener Aussage sind im Roman zahlreiche Zitate aus Romanen, Artikeln oder Briefen Henry James versteckt, was wiederum dazu führt, dem Leser das Gefühl des „Nachhause-Kommens“ zu vermitteln. Plumpe Direktheit wird man genauso wenig finden wie schlagzeilenträchtige Skandalgeschichten. Dafür besticht „Porträt des Meisters in mittleren Jahren“ mit einer Vielzahl brillant gezeichneter Andeutungen und der Herausstellung der vielen Gegensätze in James Leben, ohne moralische Anklage oder erhobenen Zeigefinger. Toibin ist ein Geschichtenerzähler par Excellenze. Manches Mal muss man sich vergegenwärtigen, dass wir es hier mit einem Autor des 20. Jahrhunderts zu tun haben, so genau gelingt ihm die Paraphrasierung von Henry James Stil. Ein Amerikaner in England Henry James, geb. 15.04.1843 in New York – gest. 28.02.1916 in London, lebte den überwiegenden Teil seines Lebens in England und führte ein bis heute von Gerüchten umwehtes Leben. So sagt man ihm z. B. eine homo-erotische Schwäche für Männer nach, was jedoch unbewiesen und auch von Toibin nicht zum Thema gemacht wird. James „Wesen“ ist bis heute ein Rätsel: trotz zahlreicher Briefe, Tagebücher etc. ergibt sich kein homogenes Bild dessen, wer oder was er „wirklich“ war. Eindeutig ist jedoch, dass seine Erzählkunst, die differenzierte Psychologisierung seiner Protagonisten, ihre Sprachlosigkeit und die ausgeklügelte Dramatik seiner Erzählungen großen Einfluss auf die Romanciers des 20. Jahrhunderts hatten. Der Tradition Henry James bleibt auch Colm Toibin treu, in dem er sich in seinem fünften Roman an seinem Vorbild orientiert und die Herausforderung, einen berühmten Schriftsteller zum Romanhelden zu ernennen, auf großartige Weise meistert. Der sensitiven Übersetzung von Giovanni und Ditte Bandini ist es zu danken, dass die deutsche Ausgabe nichts der im englischen Original verborgenen Tiefe verloren geht. (C) Wolfgang Haan
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11 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Ein subtiler, klassicher, psychologischer Roman, 8. November 2005
Von Ein Kunde
Nach dem Ende der Postmoderne lesen sich subtile, psychologische Romane der wieder neuen Art mit besonderem Vergnügen. In Jamesesker Manier folgt Toibin hier verschiedenen Monaten im Leben des großen Schriftstellers Henry James, indem er aus dessen Perspektive verschiedene Ereignisse, Begegnungen und Situationen beschreibt. James wird als obsessiv selbstbeschützend und am Ende beziehungsunfähig geschildert; der klassische Topos, daß der Künstler aber auch so sein muß, wenn er kreativ sein will, wird hierbei thematisiert und variiert, allerdings zu Ungunsten der Kreativität. James' schwule Identität ist gleichzeitig Teil des Problems und separat von ihr. Die "New York Times" tadelte dabei, daß Toibin in beiden Dimensionen von einer vorgefaßten Meinung ausgeht, d.h. daß intime, langfristige, "committed" Beziehungen zur Erreichung von persönlichem Glück möglich und notwendig sind und daß Henry James hierzu auch deshalb nicht in der Lage war, weil für ihn eine (nicht nur schwule) Beziehung ausgeschlossen war - wir erleben im Roman vielleicht fünf oder sechs Szenen, die immer kurz davor enden, indem sie von James abgebrochen oder nicht ausgenutzt werden. Es ist jedoch so, daß Toibin so sieht, wie er das eben tun, und aus dieser Perspektive - die man teilen kann, aber nicht muß - entsteht ein hervorragender, nur nach außen stiller, nachgerade klassischer Roman und Beziehungsfähigkeit und Einsamkeit. Er ist nicht historisch überfrachtet, also nicht im eigentlichen Sinne ein historischer Roman, aber er setzt schon Bekanntheit mit dem Jamesschen Werk (und eigentlich auch der Reputation James' in der Literaturgeschichte) voraus. Zumindest die Geschichte "The Turn of the Screw" sollte vorher bekannt sein, da sonst ein ganzer Erzählstrang nicht verständlich ist.Die "New York Times" bezeichnete diesen Roman als einen der zehn wichtigsten des Jahres 2004 - das ist ganz sicher richtig. Den Booker Prize erhielt er jedoch knapp nicht - kurioserweise geht es im Siegerroman, "A Line of Beauty", auch um Henry James, da dieser das Promotionsthema des Hauptprotagonisten ist und ständig von ihm zitiert wird. Diesem sehr expliziten, aber technisch eher populären Roman ist "The Master" aber literarisch deutlich überlegen.
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10 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Einsamkeit, Sehnsucht,Schuld und Entsagung, 1. Oktober 2005
Der Meister, um den es in diesem Roman geht, ist der amerikanische Schriftsteller Henry James, der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts geboren wurde. Er starb 1916 in Europa, wo er lange gelebt hat. Neben seinen berühmtesten Romanen, „Portrait of a Lady" und „Daisy Miller", hat ein sehr beachtliches Romanwerk hinterlassen. Es gibt über diesen bedeutenden Schriftsteller auch eine ganze Reihe umfangreicher Biographien. Der Ire Colm Tóibiín, Jahrgang 55, schreibt jetzt über das Leben dieses Henry James einen üppigen Roman, keine Biographie. Zunächst hatte Henry James mit seinen Gesellschaftsromanen, die die Tiefen und Untiefen des Bewusstseins schildern, wenig Erfolg. Nach einem Theaterskandal in London, kehrt er England den Rücken. Es folgen einige ruhelose Jahre in Paris, Venedig und Rom. Während dieser Jahre begleitet ihn der Autor, auf den Reisen und beim Reflektieren. Dabei entdeckt er, dass dieser Henry James alles mit den Augen des Schriftstellers betrachtet, sein Leben, und das seiner Freunde und Bekannten. Und er merkt kaum, wie das Leben eigentlich fast an ihm vorüber läuft, denn er hat keinen Mut und, oder keine Zeit sich irgendwelche Liebschaften oder sexuelle Abenteuer zu gönnen. Eigentlich ist er überhaupt nicht in der Lage, irgendwelche Beziehungen aufzubauen. Colm Tóibiín beschreibt diesen empfindsamen und zu tiefst verschlossenen Mann als einen Menschen, der allem ausweicht und damit die Menschen, die etwas von ihm erwarten, wie die kluge, selbstbewusste Constanze oder seine im Sterben liegende Cousine, bitter enttäuscht. Und er zeigt an Begebenheiten, wie einsam und enttäuscht dieser Henry James immer wieder über seine eigene Mutlosigkeit ist, und wie der damals fünfzigjährige häufig der Melancholie verfällt, weil er die Ausfälle, die Mängel bemerkt, die das herannahende Alter mit sich bringen. Er schreibt dennoch großartige Geschichten, die Colm Tóibiín zeigen, wie bei diesem ängstlichen Mann und seiner ganz und gar nicht furchtsamen Phantasie als Dichter, aus Leben Literatur wird. Ein wunderbarer, prächtiger Roman, der immer wieder aufs Neue bewegt. Ein Roman für den emotionalen Leser.
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