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Tóibín betritt im Januar 1895 das Leben des Meisters. In einer Sprache, in der man förmlich baden möchte, ersteht eine melancholisch verschattete Welt, die in raschen Schritten dem Fin de siècle zueilt. Mitten darin, der inzwischen 52-jährige Dichter, der sich, erbittert vom mäßigen Erfolg seiner Romane, dem Theater zuwendet. Guy Domville heißt das Stück, mit dem er Londons Bühnen im Sturm zu erobern hofft. Die Katastrophe ist niederschmetternd: Vom Publikum grausam ausgebuht, muss Henry mitansehen, wie im Theater nebenan die grobschlächtige Komödie Ein idealer Gatte des lauten, korpulenten Iren Oscar Wilde, frenetisch bejubelt wird. Der in seinem Kunstanspruch zutiefst verletzte Ästhet Henry James tritt den Rückzug an!
Rom, Venedig, Paris, die englische Südküste. Stationen eines irrlichternden Meisters in mittleren Jahren durch Europas Kunst- und Gesellschaftssalons, die zur eigenen künstlerischen Identitätsfindung geraten. Zeit für Tóibín, der Familiengeschichte nachzuspüren. Der Selbstmord des reichen Vaters, der frühe tragische Tod der geliebten Schwester Alice, der Dauerkonflikt zwischen weltlichem und kontemplativen Leben. Für Henry wird die Suche nach dem höheren Glück zur Zerreißprobe. Im Spannungsfeld seiner sexuellen Unentschiedenheit -- Henry fühlte sich sowohl zu jungen, tragikumflorten Frauen, wie auch dubiosen Männergestalten hingezogen --, entstand schließlich seine wunderbare Prosa. Der Preis war die Einsamkeit eines ungelebten Lebens.
Bildnis einer Dame, Daisy Miller, Die Gesandten. Werke der Weltliteratur und tiefenpsychologische Charakterzeichnungen. Wie schwer sie erkämpft wurden, dazu bedurfte es der Sprachgewalt und stilistischen Geschliffenheit eines Colm Tóibín. Wir können nur staunen, wie nah uns Henry James plötzlich gekommen ist. --Ravi Unger -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
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Die "New York Times" bezeichnete diesen Roman als einen der zehn wichtigsten des Jahres 2004 - das ist ganz sicher richtig. Den Booker Prize erhielt er jedoch knapp nicht - kurioserweise geht es im Siegerroman, "A Line of Beauty", auch um Henry James, da dieser das Promotionsthema des Hauptprotagonisten ist und ständig von ihm zitiert wird. Diesem sehr expliziten, aber technisch eher populären Roman ist "The Master" aber literarisch deutlich überlegen.
Der Ire Colm Tóibiín, Jahrgang 55, schreibt jetzt über das Leben dieses Henry James einen üppigen Roman, keine Biographie. Zunächst hatte Henry James mit seinen Gesellschaftsromanen, die die Tiefen und Untiefen des Bewusstseins schildern, wenig Erfolg. Nach einem Theaterskandal in London, kehrt er England den Rücken. Es folgen einige ruhelose Jahre in Paris, Venedig und Rom.
Während dieser Jahre begleitet ihn der Autor, auf den Reisen und beim Reflektieren. Dabei entdeckt er, dass dieser Henry James alles mit den Augen des Schriftstellers betrachtet, sein Leben, und das seiner Freunde und Bekannten. Und er merkt kaum, wie das Leben eigentlich fast an ihm vorüber läuft, denn er hat keinen Mut und, oder keine Zeit sich irgendwelche Liebschaften oder sexuelle Abenteuer zu gönnen. Eigentlich ist er überhaupt nicht in der Lage, irgendwelche Beziehungen aufzubauen. Colm Tóibiín beschreibt diesen empfindsamen und zu tiefst verschlossenen Mann als einen Menschen, der allem ausweicht und damit die Menschen, die etwas von ihm erwarten, wie die kluge, selbstbewusste Constanze oder seine im Sterben liegende Cousine, bitter enttäuscht.
Und er zeigt an Begebenheiten, wie einsam und enttäuscht dieser Henry James immer wieder über seine eigene Mutlosigkeit ist, und wie der damals fünfzigjährige häufig der Melancholie verfällt, weil er die Ausfälle, die Mängel bemerkt, die das herannahende Alter mit sich bringen. Er schreibt dennoch großartige Geschichten, die Colm Tóibiín zeigen, wie bei diesem ängstlichen Mann und seiner ganz und gar nicht furchtsamen Phantasie als Dichter, aus Leben Literatur wird.
Ein wunderbarer, prächtiger Roman, der immer wieder aufs Neue bewegt. Ein Roman für den emotionalen Leser.
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