Wer die Bedeutung und die Besonderheit dieses Buches richtig ermessen will, muss bis zu "Wilhelm Meister", dem "grünen Heinrich" oder "Felix Krull" zurückgehen und sich vorstellen, dass Wilhelm, Heinrich oder Felix neben all ihren Interessen an den Absonderlichkeiten der Welt zuerst und vor allem an ihrem "Schlong" interessiert sind, der sie Tag und Nacht mit seinen Erektionen peinigt, so dass sie als Pubertanten - wo sie gehen und stehen - nichts anderes im Sinn haben, als "ihre Ladung abzuschießen". Das hört sich drastisch an, ist aber durchaus erst gemeint: "Portnoys Beschwerden" von Philip Roth ist der Bildungsroman der Postmoderne, in dem die beiden Seiten der Tannhäuser-Problematik - der Mann zwischen Venus und der heiligen Elisabeth - unverblümt aufeinanderprallen. Wie in atrophierten Knochen, in denen die schützenden Knorpel sich abgenutzt haben, wird die Persönlichkeit des heranwachsenden Alexander zerrieben zwischen Lust und Schuld, sexuellen Begierden und Gutmenschenattiüden, und es ist die große Kunst des Autors, diese traurige Thematik eindringlich und - man soll es kaum glauben - außerordentlich kurzweilig zu entfalten. Alexander Portnoy ist der Sohn eines jüdischen Versicherungsvertreters, der sein Leben lang an Verstopfung leidet, und einer perfekten Mutter, die alles für ihre Kinder gibt und voller Sorge über einen eventuellen Durchfall ihres Sohnes an die Toilettenüre klopft, wenn sich ihr Filius auf dem Örtchen die Seele aus dem Leib masturbiert. Der Antagonismus zwischen der kreatürlichen, fast affenartigen Verfallenheit an den eigenen "Schlong" und die dabei immer aufs neue hochbrandenden Schuldgefühle quälen den kleinen Alexander sein ganzen Leben, doch er bleibt unfähig, sich von der Faszination blond-christlicher "Schicksen" zu lösen. Während ihm sein IQ von 158 problemlos alle schulischen Türen öffnet und er schon als altkluger Knabe politisch korrekte Sprüche in Debattierzirkeln unter Erwachsenen absondert, wird er in Wahrheit niemals erwachsen und frönt stattdessen mit Hilfe von leichten Mädchen und Prostituierten seiner Triebnatur - bis er schließlich sein alter ego findet: Mary Jane, im Buch bezeichnenderweise "das Äffchen" genannt, eine blonde Christin, genauso sexbesessen wie Alexander, ein Wunder als Lustspenderin und Sexobjekt aber zugleich mit einem Auftreten geschlagen, dass es ganz und gar unmöglich macht, sich mit ihr auf der Straße zu zeigen. Alles an Alexander schreit "ja", wenn er die langen Beine von Mary Jane betrachtet, alles schreit "nein", wenn "ihr töricht angemaltes Gesicht unter Korkenzieherlocken hervorlugt" - Dr. Jekyll und Mr. Hyde lassen grüßen. Dabei soll keiner sagen, daß Alexander nicht genug Gelegenheit gehabt hätte, den rechten Pfad in ein gutbürgerliches Leben zu finden. Mehrere Varianten der "heiligen Elisabeth " kreuzen seinen Weg: die sanfte Kay Campell, die kluge Sally Maulsky weisen dem geplagten Portnoy jeden nur denkbaren Ausweg aus seinen "Beschwerden" - doch sie sind samt und sonders "Kürbisfrauen", d. h. unerortische Langeweiler im Bett, die mit "unproportionalen Figuren wie Bären über die Erde wandeln". So bleibt Alexander Portnoy, obwohl ein führender Agitator im Dienste der Bürgerrechtsbewegung bis weit in die Dreißiger ein durch und durch zerrissener und unglücklicher Mensch, eine Pointe, die der Leser schon nach fünfzig Seiten begreift, die am Ende des Buches, als der Protagonist Israel besucht, an der Figur der jüdischen Naomi noch einmal deutlich wird. Dieses junge Mädchen, das in seinem ganzen Auftreten und Habitus nichts anders ist als eine jüngere Variante der Portnoy-Mutter, liest ihm nach einem mißglückten Vergewaltigungsversuch die Leviten. "Fahr wieder nach Hause," rät die edle Sozialistin dem heruntergekommenen Portnoy - was nicht anderes bedeutet als: Fahr wieder zurück nach Amerika in die Hölle der modernen Gesellschaft, die die zuerst Sexualität entfesselt und das Individuum dann mit diesem Raubtier alleine läßt. Das ist die Moral von der Geschicht, und auch wenn sich das alles sehr ernst anhört, wird die Geschichte selbst über den gesamten Roman keine Seite langweilig erzählt. Die Treffsicherheit der Roth'schen Beobachtungen allein macht die Lektüre des Buches zu einem Gewinn. Seine Fantasiefontänen sind mitunter an Komik kaum zu überbieten, und letztendlich ist dieses Buch, das völlig zu Unrecht als obszönes Buch verteufelt wurde, ein zutiefst menschliches und warmherziges Werk, denn das Mitgefühl des Autors mit all seinen Figuren ist unübersehbar.