Man schrieb das Jahr 1997 und nahm begeistert zwei großartige sogenannte "Trip Hop" - Aufnahmen zur Kenntnis: zum einen "Mezzanine" von Massive Attack, zum anderen "Portishead". Verwandt sind diese Bands in meinen Augen nur durch Geoff Barrows Ruf des ehemaligen "Kaffeekochers von Massive Attack" und durch die Tatsache, dass beide Bands aus Bristol und Umgebung stammen und bevorzugt Tiefpassfilter verwenden. Dies reicht aber nicht aus, um beide Bands in die gleiche Schublade zu stecken: während Massive Attack ihr Sounddesign in den Vordergrund stellen und für jedes Album neue Vocals engagieren (vom Altmeister Horace Andy und 3D einmal abgesehen), sind Portisheads Sounds ganz und gar auf die Stimme von Beth Gibbons zugeschnitten. Die Präsenz dieser Stimme, ob verzerrt, hauchig oder glasklar, ist beeindruckend: alles andere wird zwangsläufig Untermalung - aber was für eine: der unheimlich transparente, düstere Sound ist von maschinellen Charakter,und doch "lebt" er: Portishead schalten nämlich nicht einfach nur den Drumcomputer und den Tiefpassfilter ein sondern differenzieren: da wird ein typischer düsterer Rhodes-Klang mit einer glasklaren Hochpassfilter-HiHat zusammengebracht, da tauchen gedämpfte Posaunenriffs aus dem Nichts auf. Ein brillianter Adrian Utley, nunmehr vollständiges Bandmitglied, fügt alles andere als sterile Nuancen und Melodiefragmente zum tönenden Klangbild hinzu. Alles andere wäre zuviel, denn in Portisheads Sound ist die Stimme der Fluchtpunkt aller Musik. Hier findet man all das, was der Rest der Band nur untermalen kann: tieftraurige, melancholische Melodien, tönende Schreie der Verzweifelung. Doch immer ist die Stimme so ergreifend schön, dass man es Portishead gerne verzeiht, wenn sie eben nur traurige Lieder schreiben.
Auf diesem zweiten Album haben Portishead ihren einzigartigen Sound perfektionniert und subtiler (weil nuancierter) gemacht. Sie wissen, dass die Band ohne Beth Gibbons Stimme nicht existieren könnte und haben diese noch stärker als auf dem ersten Album exponiert. Was diese Stimme stark macht, ist, dass sie niemals aufgesetzt klingt sondern aus den tiefsten und dunkelsten Winkeln der Seele heraufsteigt. Es ist eine ehrliche, und eben darum melancholische Musik. Vor allem ist sie eine der wenigen klanglichen Innovationen mit künstlerischer Aussage, die in den 1990er Jahren hervorgebracht haben.