Harmlos und belanglos:
Eine handvoll Gutmenschen kommt zu der erschütternden und absolut neuen Erkenntnis, daß Großkonzerne (wie z.B. der, in dem die Protagonisten allesamt in der "Super-Kreativ-Abteilung" für ein wahrscheinlich nicht unerhebliches Salär arbeiten) nur auf Profit aus sind und deswegen die Menschen täuschen und belügen. Also beschließen sie, ein wenig auf Revolution zu machen - bzw. erklären die Absicht, irgendwann einmal ein wenig auf Revolution zu machen.
Und wie sieht der Master-Plan aus, den bösen Großkonzern in die Knie zu zwingen? Mittels Insiderinformationen irgendwelche juristischen Fallen zuschnappen lassen? Über schmutzige Intrigen den Vorstand zerschlagen oder Erpressen? Nein - sie werden den Konzern ruinieren, indem sie - TATAAAAA - Cola in die Tastaturen schütten und außerdem als Angestellte in ihrem Job pfuschen (kein Witz!!!).
Diesen genialen Plan bekommt der Leser aber erst nach ungefähr 600 Seiten mitgeteilt, so daß man diese Elitegruppe leider nicht mehr in Aktion sehen kann - doch halt: einmal zerstört die Heldin in einem Ökoladen einen angeblich handgefertigten Teddybären, der in Wirklichkeit vom bösen Spielzeugkonzern über eine Tarnfirma vertrieben wird. Sie zerstört also diesen Teddybären mit den Worten "an dem Bär werden die nichts mehr verdienen" - daß der böse Großkonzern längst sein Geld verdient hat, als er den Teddybären an den Ökoladen lieferte und somit nur der höchstwahrscheinlich arglose und sympathische Ökoladenbetreiber nichts daran verdient, ist wohl ein zu komplexer Gedankengang für eine super-kreative Kryptologieexpertin...
Überhaupt: was hat eigentlich Kryptologie mit der ganzen Story zu tun? Eigentlich nichts. Die Großmutter der Heldin ist Mathematikerin und half im zweiten Weltkrieg, die Enigma zu knacken, der Großvater war ebenfalls Kryptologe und hat irgendeine Piratenschatzkarte entschlüsselt und diesen Schlüssel in ein Amulett eingraviert, das die Heldin seitdem um den Hals trägt. Beide Tatsachen haben aber nichts mit der eigentlichen Story zu tun. Sämtliche interessanten Erzählstränge, die sich daraus hätten ergeben können, werden verschenkt; das Ganze dient nur als Füllmaterial für unzählige Rückblenden in die Kindheit der Heldin.
In der Gegenwart bekommt sie 2 verschlüsselte Botschaften, die mehr oder weniger nichtssagend sind. Auch das hätte spannend werden können, geht aber zwischen endlosen Rückblenden und Diskussionen unter. Am Ende des Buches stellt sich heraus, daß das die kläglichen Versuche der "Kommandogruppe" waren, mit der Heldin Kontakt aufzunehmen. Als die Heldin es mühelos schafft, die erste Botschaft zu übersetzen, ist die Gruppe so von der eigenen Courage überrascht, daß sie nicht so genau wissen, was sie jetzt weiter tun sollen, also schieben sie eine halbherzige zweite Botschaft nach, um den Kontakt nicht abbrechen zu lassen - und das ist O-Ton, keine polemische Übertreibung meinerseits - ja, genau so werden Verschwörungsromane geschrieben...
Ein Großteil der Handlung in der Gegenwart dreht sich darum, daß die Heldin krank wird. Erst hat sie Kopfschmerzen, dann ist ihr irgendwie schlecht, dann bekommt Sie es mit dem Kreislauf zu tun und muß für ein paar Tage im Bett bleiben. Wurde sie etwa vergiftet? Nein, sie ist schlicht und ergreifend krank, wie jeder halt mal krank wird, eigentlich eine langweilige und unspektakuläre Sache, die aber trotzdem in epischer Breite beschrieben wird. Im Zuge der Krankheit stellt sich der "feurige" Lover, der vorher immerhin mit zwei kurzen Sexszenen beschrieben wird (immer korrekt mit Kondom und gleichberechtigten Rollen), als verständnisvoller Veganer heraus, der sich rührend um die Kranke kümmert, ihr Essen ans Bett bringt, Badewasser einläßt, auch nur mal reden will und dabei ausgiebig referiert, wie schlecht doch die Welt ist.
Am Ende im "Nachtrag" schreibt die Autorin in der Rolle der Romanheldin (huch - ist das gar die Story der Autorin selbst, wie clever...), daß sie den Schluß des Romans ja auch etwas lahm fände und deswegen halt noch mal schnell die Piratenschatzkarte vom Opa entschlüsselt, damit wenigstens noch etwas spektakuläres geschieht - und auch in diesem nachgeschobenen Ende gekonnt die Geschwindigkeit herausnimmt.
Über weite Strecken kommt es mir so vor, als wolle die Autorin keinen Roman schreiben sondern "Werbung" für ihren Lebensstil machen. So gibt es im "Anhang" ein Kuchenrezept, es werden ellenlange Abhandlungen über Homöopathie geschrieben, welche Globoli man bei welcher Gefühlslage nehmen soll und auf welchen Internetseiten man das herausfindet, es wird sehr viel über Mode und Klamotten geschrieben. Dabei wird krampfhaft versucht, Sub- und Jugendkulturen in die Beschreibung reinzuziehen ("die Frau im Gothic-Outfit", der "cool Tätowierte", etc.) ohne jedoch weiter darauf einzugehen. Man könnte jetzt sagen "halt, das ist doch ein konsumkritisches Buch, die Beschreibungen sollen zeigen, wie oberflächlich wir doch alle sind", aber leider verwendet die Autorin besonders viel Zeit darauf, die Sympathieträger im Roman solcherart zu beschreiben, und gegen Ende des Buches sagt dann bezeichnenderweise auch eine der ach so konsumkritischen Elitekämpferin für das Gute, daß es ein großes Problem wäre, als Veganerin mit politisch korrekten Klamotten "cool" auszusehen - soviel also zum Thema Konsumkritik.
Ein Aufnahmekriterium des illustren Kreises ist übrigens, Vegetarier zu sein, besser noch Veganer...
Warum habe ich mir das Buch gekauft? Es lag im Buchladen in der Science-fiction Ecke auf 'nem Tisch neben der Neuromancer Trilogie von William Gibson, der Klappentext sah vielversprechend aus (siehe Amazon Kurzbeschreibung) und hatte ein ansprechendes Cover, also dachte ich mir "pack das Buch halt auch noch mit ein". Daß ich so auf den uralten Marketingtrick reingefallen bin, schlechten Inhalt in toller Verpackung zu verkaufen, hat eine gewisse Ironie, geht es in dem Buch doch darum, daß Großkonzerne mit üblen Marketingtricks schlechte Produkte verticken. Doch leider geht dieser Geniestreich nicht auf das Konto der Autorin sondern auf das der Marketingabteilung...