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Die Bezüge der Pop-Literatur zur Beatgeneration und ihrer Literatur (William Bourrough, Allen Ginsberg, Kerouac), die Ende der 50er Jahre ihren Anfang nahm, durchziehen auch die 22 Beiträge in diesem Sammelband. Die Grenzen zwischen Beat-Literatur, Slam-Poetry und Pop-Literatur verschwimmen dabei.Sie werden eins - wogegen sich der Literatur- und Kunstkritiker Enno Stahl in seinem Beitrag "Trash, Social Beat und Slam Poetry. Eine Begriffsverwirrung" energisch zur Wehr setzt. Er wirbt für einen begrifflich differenzierten Umgang mit den unterschiedlichen Phänomen.Pop-Literatur zeichnet sich aber nicht (nur) durch "Popularität" und die Überwindung der traditionellen Literaturdichotomoie aus. Die Zugehörigkeit
zur Pop-Literatur ist nach der im Auftaktaufsatz dargelegten Ansicht des Literaturwissenschaftlers Jörgen Schäfer auch notwendigerweise verbunden mit pop-kulturellen Accessoires wie "Jugendlichkeit von Autoren und Lesern, die glamouröse (Selbst-)Inszenierung von Jungschriftstellern (...) sowie
eine - manchmal mehr vermutete als belegte - Zugehörigkeit zu einer bestimmten >subkulturen< Szene." (S. 9).
Den Auftakt der Annäherung an jenes Phänomenen bilden drei Aufsätze, die die Entwicklung der Undergroundliteraturszene (u.a. die Pionierleistungen des März-Verlages würdigend) in Deutschland seit 1968 nachzeichnen, die Einflüsse der amerikanischen Vorbilder thematisieren und Ansätze einer
literarischen Einordnung des Genres bieten. Pop-Literatur ist eine Literaturrichtung, die weder von der konventionellen noch von der linken Presse anfangs positiv aufgenommen wurde. konkret-Herausgeber Hermann L. Gremzlina ging in seiner Kritik dieser Richtung soweit, daß er sie 1970 in die Traditionslinie des rechten Literaten Ernst Jünger und der Regisseurin
Leni Riefenstahl einordnete.
Im weiteren Teil der Aufsatzsammlung werden einzelne Protagonisten des Genres untersucht - McLuhan, Reinald Goetze, Max Goldt und Hubert Fichte, der mit seinem Roman "Die Palette" das Aufkommen der Pop-Literatur in Deutschland markierte, als auch die "modernen" Vertreter des Genres wie die beiden ehe-maligen Journalisten Benjamin von Stuckrad-Barre und
Christian Kracht. In folgenden Aufsätzen werden die Techniken (Cut-Up, Textcollagen), der schlagzeilenartige Schreibstil als auch die Verbindungen zur Popmusiknäher beleuchtet. Die Cut Up-Technik, die vor allem durch Burroughs autobiographisch geprägten Drogenrauschroman "Nacked Lunch" bekannt wurde, bildet eines der wichtigsten Stilelemente, derer sich die
Pop-Literatur bedient. Weitere Aspekte, die einer Untersuchung
unterzogen werden, sind die Ästhetik des Genres und die Nähe zum Punk. Über letzteren Aspekt läßt sich der testcard-Redakteur und Pop-Theoretiker Martin Büsser aus. Für ihn besteht die Verbindung zwischen dem Punkgedanken und Slam-poetry im Postulat des Do-it-Yourself-Gedankens als auch im
Parolenhaften. JedeR kann an der Bewegung partizipieren; die Grenzen zwischen den Vortragenden und dem Publikum ver-schwindet. Sein Schwerpunkt liegt allerdings auf der Rezeptionsgeschichte des Punkrocks in der deutschsprachigen Literatur. Der einzige vom Schreibstil aus dem konventionellen Strickmuster des Textaufbaus zuwiderlaufende Text ist der von seinem Kollegen und testcard-Mitherausgeber Johannes Ullmaier verfaßte Aufsatz "Cut Up. Über ein Gegenrinnsal unterhalb des Popstroms". Er greift überaschenderweise auf die Stilelemente des Genres zurück bei seiner Analyse. Ein weiterer lesenswerter Beitrag des Literaturwissenschaftlers Ralf Hinz widmet sich dem Themenkomplex Pop-Theorie und Pop-Kritik. Seine
Untersuchung widmet sich sowohl der Entwicklung einer Pop-Theorie als auch der Öffnung der Medienlandschaft für die Pop-Kultur. Gerade das Thema Pop-Theorie, das in Deutschland eng verbunden ist mit der Zeitschrift "Spex", jenes abgehobenen Pop-Intellektuellen Blattes, das wohl wie kein zweites die Pop-Rezension im deutschsprachigen Raum seit den 80er Jahren beeinflußte, erscheint mir für die Beantwortung der Frage nach dem Ursprung der Pop-Literatur notwendige Voraussetzung zu sein. Ohne diesen Hintergrund kann die Frage nach dem Wesen von Pop-Literatur nicht hinreichend beantwortet werden. Am Rande bemerkt ist es auch der einzige Beitrag, der das Thema Rechts-radikalismus und Pop streift.
Insgesamt ist bei dieser Aufsatzsammlung ein umfangreiches,
akademisches Lesebuch über das Popphänomen "Pop-Literatur" entstanden. Dennoch scheint mir der hohe Preis nicht gerechtfertigt zu sein. Er erklärt sich wohl aus einer eben akademischen Publikation.
Die versammelten AutorInnen stammen Großteils aus einem uni-versitären Umfeld oder sind auf das Feuilleton von Fach-zeitschriften spezialisierte JournalistInnen, was sich in ihren kühlen, distanziert-sachlichen Analysen widerspiegelt. Es sind soziologische und literatur-wissenschaftliche Analysen aus der Sicht von Außenstehenden - auch wenn einige von ihnen an der literarischen Revolte partizipiert haben. Wer Innenansichten aus der Literaturszene erwartet wird enttäuscht sein. Dennoch bietet dieses Sonderheft der Zeitschrift "Text und Kritik" wie bereits erwähnt einige sehr lesenswerte Beiträge.
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