In Insiderkreisen von Anfang an ein Geheimtipp, allein schon, weil Größen der Musicalszene - Thomas Borchert, Kerstin Frank, Alexander Prosek, Darius Merstein-Macleod, Jan Ammann und, last but most certainly not least, Annemieke van Dam die Rollen interpretieren.
Dass sie bei einem nicht namhaften Komponisten wie Christian Stader überhaupt einsteigen, musste mich schon neugierig machen.
Der Textautor Gunar Braunke ist dagegen durch sein Musical Dorian Gray bekannt; bei Dorian Gray konnte er sich allerdings an die Texte Wildes anlehnen, und da kann man eigentlich gar nichts mehr falsch machen.
Dieses neue Musical zum Untergang von Pompeji folgt einem Roman von Lytton-Bulwer, befreit sich aber so ziemlich von der Vorlage, von der Braunke auch keine Textstellen entnimmt, sondern er bekennt Farbe als Autor.
Ich kann nur sagen, ich finde das Zusammenspiel von Stader und Braunke fantastisch; Texte und Musik durchdringen sich, sinn- und gehaltvoll, sich bereichernd, so wie man sich das wünscht: wo nicht mehr gesprochen werden kann, muss Musik ausdrücken, was Worte übersteigt und übersteigen soll.
Was mich besonders begeistert, ist der musikalische Einfallsreichtum Staders. Unverbrauchte Ideen, und zwar viele. Musik, die gefangen nimmt. Verständlich, sprich: treffend, aber nicht simpel, sondern verständlich wie ein lupenreiner Gedanke. Oder, weil Musik Gefühlsbereich ist: nachvollziehbar wie eigene Gefühle.
Braunkes Texte lassen sich auch nicht lumpen: der Autor scheut sich nicht, redlich nachzudenken - was ich immer besonders zu schätzen weiß - und vermeidet faule Text-Kompromisse oder Worthülsen. Braunke getraut sich, Gefühle in Worte zu fassen; und das soll hier extra gewürdigt werden. Ich mag auch Sätze wie: "Könnten wir Gedanken lesen, wären wir nicht leichenblass?" Braunke gelingt es, jeder seiner Figuren einen eigenen Textcharakter einzuhauchen. Stader gelingt das Selbe kompositorisch kongenial.
Das Werk läßt mich glauben, dass einige der Titel eine große Zukunft haben können. "Schande" könnte geradezu der Leitsong künftiger Revolutionen werden; bei "Sehnsucht" sehe ich Millionen Frauen 30mal auf die Wiederholungstaste drücken, und "Es muss etwas bleiben" wird dem Schmerz von Menschen nach einem schweren persönlichen Verlust ohne Zweifel Form geben, da es in sein Zentrum trifft. "2000 Jahre" ist der song zur Klimakatastrophe, "Inverstitionen" ist die Begleitmusik zum Börsencrash (vielleicht werden wir uns auch bald, passend zu Schlusssatz des Lieds, fragen: "Wo ist meine Börse?")
Eiegntlich fällt mir zu jedem song eine Situation ein, in der er Kult wäre. Und das spricht, wie alles andere, für die CD.
Die darüber hinaus schön sorgfältig gemacht ist; sie enthält eine Inhaltsangabe, die songtexte und eine kleine Info zum historischen setting. Ich finde es einfach gut, wenn ich nicht rätseln muss, von was ein Musical eigentlich handelt, und wenn ich mir Texte nicht mühsam im Internet zusammensuchen muss.
Insgesamt möchte ich die Kooperation Stader und Braunke heiß und innig empfehlen, wenn man auch bemängeln könnte, dass die Sänger die Texte 1:1 interpretieren, also: der Böse ist böse, die Liebende liebend - aber: für die Ersteinspielung eines Werks ist genau das sinnvoll. Man merkt ja auch, dass die Musik den Stoff hat, dass man sie später in alle möglichen Richtungen anders auslegen kann - so, wie Theater das zum Leben braucht.
Ich glaube, Pompeji wird sehr viel Erfolg haben, und den auch noch in vielen Jahren - weil es einfach ein Meisterwerk ist. Ich bin froh, dass ich - wie´s ausschaut -, die erste Rezensentin bin, denn das werden noch viele sagen :)