Mögen Sie „Der kleine Lord"? Dann dürfte „Polyanna" für Sie bzw. die lieben Kleinen genau das Richtige sein. Obwohl in Deutschland zu Unrecht nicht sehr populär, erfüllt dieses Kinderbuch alle Erwartungen, die man in Bezug auf Unterhaltsamkeit, pädagogischen Wert und Schlüssigkeit erwarten kann.
Die kleine Polyanna Whittier ist Waise geworden und muss nun bei ihrer Tante Miss Polly Harrington leben- eine ältere Jungfer, deren oberstes Gebot die Pflichterfüllung ist. Sie macht ihrer Nichte das Leben schwer- Polyanna aber bleibt liebenswert unbekümmert und denkt nur Gutes von ihr. Mit ihrem Spiel (wenn es einem schlecht geht, muss man an irgend etwas denken, das trotz oder gerade wegen dieser Situation positiv ist) heitert sie verbitterte Menschen auf, erweicht nach und nach das Herz ihrer Tante und erfährt schließlich, als es auch ihr schlecht geht, wie dankbar all ihre Freunde sind...
Ähnlichkeiten mit dem „Kleinen Lord" von Frances Hodgson Burnett sind offensichtlich: Jedesmal schafft es ein Kind, mit unschuldiger Herzlichkeit verbitterte Erwachsene wieder glücklich zu machen. Das ist natürlich unsagbar naiv- aber gerade das macht diese Bücher so sympathisch: Man wünscht sich, auch mit einer solchen kindlichen Unbekümmertheit auf andere zugehen zu können. Diese Sehnsucht setzen Autoren wie Eleanor Porter in rührende Geschichten um, in denen sich durch die Macht eines Kinderherzens alles zum Guten wendet. In gewisser Weise setzt sich mit „Harry Potter" diese Tradition fort- nur dass es heute selbst in der Fiktion Kindern nicht mehr zugetraut wird, die Schrecken und Übel dieser Welt geradezu unbewusst zu besiegen. Demzufolge sind heutige Kinderbücher vielleicht pessimistischer, sicher aber mangelt es ihnen an der Phantasie des Herzens. Die Phantasie des Verstandes feiert sich selbst- aber sie vergisst dabei manchmal zu träumen.
Wer das aber nachholen möchte, der sollte Bücher wie „Polyanna", „Der kleine Lord" oder „Der geheime Garten" zur Hand nehmen, wobei übrigens alle drei sehr schön verfilmt worden sind, aber nur letzteres noch problemlos im Handel erhältlich ist. Trotzdem gilt für alle drei: Zeitlose Schätze, deren Lektüre sich auch heute noch lohnt.