Sommer 1914 in Estland
Oda von Siering: «Ich war 14 Jahre alt. So jung wie das Jahrhundert. Nie zuvor war ich in Poll gewesen. Der Heimstadt meiner Familie. Doch ausgerechnet jetzt traf ich auf diesen Abgrund aus Ort, Zeit und Gefahr. Dem niemand von uns entrinnen sollte.«
Der Zeitgenosse Eduard von Keyserlings meinte anscheinend, Geschichten von den Baltendeutschen begännen oft damit, dass jemand mit dem Zug oder der Kutsche auf einem Gut ankommt. Hier kommen auch zwei Personen per Zug und Kutsche auf einem baltischen Gut an, "Poll" ein prächtiges Anwesen an der Küste: die vierzehnjährige Oda von Siering aus Berlin, und mit ihr die tote Mutter im Sarg. Die Mutter soll in der heimatlichen Erde auf Poll begraben werden, Oda soll hier ein neues Zuhause finden. Ein Geschenk hat Oda auch im Gepäck, ein Glas mit dem eingeweckten Leichnam siamesischer Zwillingssäuglinge. Für Papa. Mit Oda handelt es sich tatsächlich um die Großtante des Regisseurs Chris Kraus selbst. Sie ging als
Oda Schaefer in die Literaturgeschichte ein. Und sie steht im Mittelpunkt dieses Films.
Die Handlung umfasst einige Tage von Ende Juli bis zum 1. August 1914, wo die Nachricht vom Kriegsausbruch die Menschen erreicht. Die Russen jubeln, aber der baltendeutsche Landadel bangt um sein weiteres Deutschsein in russischen Landen. Um seine Traditionen. Die einquartierten zaristischen Offiziere in weißen Uniformen werden dann ausbleiben: vorbei die Picknicks am Ostseestrand, das gemeinsame Musizieren und die gediegenen Leseabende.
Die russisch-baltisch-deutsche Adelswelt ist dem Untergang geweiht.
« Als ich noch ein Kind war, hat mein Vater mir beigebracht, dass die Erde ein Ort ist, an dem ich eines Tages verschwinden werde. Nichts wird von mir bleiben. Keines meiner Gefühle wird mich überdauern. Es wird sein, als hätte es mich nie gegeben.«
Die eigenwillige Heranwachsende Oda befindet sich gerade auf der Schwelle vom Kind zur Frau. Sie kann sich schwer in diese neue familiäre Scheinidylle einfinden. Poll bleibt ihr fremd. Odas Vater, der abstruse Baron Ebbo von Siering, ein entlassener Medizinprofessor und mittlerweile Gehirnforscher, beherrscht dieses Anwesen. Er hat in den Nebengebäuden Laboratorien eingerichtet, voll gestopft mit gar schauerlichen Präparaten, wo er sich mit dem Aufschneiden, Sezieren und Erforschen von Leichenteilen beschäftigt, vorzugsweise Gehirnen. Er will den Sitz des Bösen im Gehirn von Verbrechern ausmachen. Er kauft der russischen Armee die Leichen ab. Hier ist auch der Faschismus mit seinen Menschenversuchen in der Figur von Odas Vater Ebbo ansatzweise angelegt. Seine zweite Frau Milla ist in stolzer aristokratischer Einsamkeit erkaltet und resigniert: "Da kannste noch so viele Köpfe aufsägen, du hast keine Ahnung was die Menschen ausmacht." meint sie zu ihrem Mann. Sie wendet sie sich lieber dem Cellospiel zu, oder dem Liebesspiel mit dem Gutsverwalter Mechmershausen (Richy Müller). Die Atmosphäre von Lieblosigkeit und Entfremdung nagt an Oda. Während der Papa Gehirne in Scheiben schneidet, lässt Oda ihr Tagebuch und die Einsamkeit zu ihren Gefährten werden. Im Rückzug und im Schreiben findet sie Trost.
Ein Trupp berittener russischer Soldaten schwärmt auf den Hof. Sie jagen zwei Anarchisten. Der eine wird erschossen auf dem Präpariertisch des Professors von Siering zu liegen kommen, der andere versteckt sich angeschossen in der Ruine einer Kapelle, wo er von Oda aufgestört wird. Sie beschließt ihm zu helfen. Aus durch und durch romantischen Motiven. Ab jetzt rückt Odas keusche Liebesgeschichte mit dem estnischen Anarchisten Schnaps (Tambet Tuisk) in den Vordergrund, sie versteckt ihn über dem Laboratorium des Vaters unter dem Dachgebälk und pflegt heimlich seine Wunden. Ob die Anarchisten als Vorboten einer neuen Zeit unterwegs sind? Man ahnt es.
«Ich bin Anarchist. Anarchist darf alles.»
Dass die platonische Romanze zwischen dem gutbürgerlichen Mädchens und dem estnischen Rebellen rein fiktiv ist, soll uns nicht stören, ich denke jeder wird merken, dass er kein Biopic vor sich hat sondern eher ein etwas abgefahrenes Märchen. Oda fühlt sich fremd und eingesperrt in dem unsichtbaren Käfig der väterlichen Weltanschauung, in dem ihr Stiefbruder jämmerlichst zugrunde geht. Sie sucht einen Gegenpol und findet ihn mit Schnaps.
"Poll" ist vielleicht am ehesten eine Bebilderung einer individuellen Coming-of-Age-Geschichte, auch die des Moments der Emanzipation einer angehenden Schriftstellerin. Oda erlebt einen starken emotionalen Bruch, der sie abrupt in das Erwachsenenalter stürzt, gleichzeitig wie es hier dem gleichaltrigen Jahrhundert widerfährt. Poll ist auch eher eine Familiengeschichte, als dass er die politischen Dimensionen aufzuzeigen will, die diesen Ort zu dieser Zeit betreffen. Bestimmt filmt "Poll" dabei über Sehgewohnheiten des Historienfilms und normale Erwartungen an ein Biopic über eine junge Dichterin dieser Zeit hinaus, er gerät schon eher beklemmend, verwundernd, sehr kühl, bisweilen surreal anmutend, aber ich verzeihe ihm dies nicht nur gänzlich, diese durchgängig unheilvolle Atmosphäre macht ihn erst so besonders. Auch der fremdartige (manchmal schwer verständliche) Dialekt unterstützt das. Auch die strangen Details, wie der verräterischer Frosch und wie er geopfert wird, oder die am Ende in Wodka eingelegten siamesischen Zwillinge. Der vom Sarg Erschlagene.
Weit ausholende Kameragleitflüge rücken ein irrwitziges Gebäude ins Zentrum. Eigens für die Dreharbeiten errichtet, auf Stelzen mehrere Meter über dem Meer, eine Villa aus knarrenden Brettern, auf Sand gebaut, edel und kaputt. Die streichholzdünnen Stelzen stehen im Meer. Das Ganze wirkt so wackelig und morsch im Inneren, als ob es praktisch kaum von Nutzen sein könnte, außer schön zu sein. Oben wird Musik gemacht, unten landen tote Aufständische auf dem Präpariertisch. Ein überdeutliches Bild für die sterbende Welt, von der "Poll" erzählt, aber ein überzeugendes: Da rottet grotesk ein zusammengeschustertes Gebäude seinem sicheren Einsturz entgegen. »Es war wie das Schloss eines Zauberers« schreibt Oda in ihr Tagebuch, »und wie jeder geheime Ort hatte es einen noch geheimeren.«
Gerade visuell wird mir der Film in besonderer Erinnerung bleiben. Diese Welt glänzt trotz aller ihrer Farben nicht. Morbide, poetisch, bildgewaltig, sehr eigen, bisweilen grotesk, dann unerwartet pathetisch und immer wieder von der Ahnung des Wahnsinns durchzogen. Epische Bilder voller Gewalt, Geheimnis und Tod. Von Anfang bis Ende getaucht in das giftgelbe Licht dieses Sommers, des beginnenden Untergangs.
Warum musste ich öfters an
das Piano denken? Vielleicht weil "Poll" mit seinen großspurigen Metaphern auf derselben Klaviatur spielt. Für deutsches Kino selten genug und von daher mit Kusshand angenommen! Bisweilen erinnert mich das auch an Hanekes
weißes Band welche auch exakt zur gleichen Zeit spielt. Aber wo sich Haneke streng schwarz-weiß reduziert und beim Wesentlichen bleibt, trägt Kraus jedoch mit dickem Pinsel satte bisweilen grelle Farben auf und würzt die Schose sogar mit bissl Frankenstein-Horror. So wirkt Poll fast wie ein barockes Gemälde und ist dann aber unterm Strich doch nur ein Kammerstück. Auch wenn es bisweilen auch wie ein Märchen aus uralten Zeiten auf mich wirkte. Mir gefällt das.
Auch diese seltsame Spannung, die der Film von Beginn hat und die sich bis zum Ende hin nicht auflöst.
Die Musik: Was damals Krabat den Rest gab wird hier wiederholt. Die geigengesülzten Kompositionen von Anette Focks, triefen abermals vor Emotion. Jedes mögliche Gefühl wird dem Zuschauer mit der Nürnberger-Trichter-Geige zwanghaft eingeflösst. Den Film kaputt machen können die aufdringlichen Filmgeigen zum Glück nicht. *sic* Und manchmal sind es auch wirklich sehr schöne Klänge, die da zu hören sind.
Paula Beer spielt toll. Ausgesprochen mädchenhaft und in kindlicher Unschuld verkörpert sie gleichzeitig auch enorme Reife und Selbstbestimmtheit. Die anderen Darsteller haben mich ebenfalls allesamt sehr überzeugt.
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Schlusspunkt:
Epische Bilder aus dem Blickausschnitt einer 14 jährigen Angehörigen des Landadels in Estland. Fünf rote Anarchosterne für dieses eigenwillige deutsche Period-Drama! Ein rares Schmuckstück in der deutschen Historienfilmlandschaft.
Es gibt jetzt vorerst diese limitierte Erstauflage 10.000 St. als DOPPEL DVD:
Freigabe: FSK 12
Laufzeit: ca. 133 Min. Regionalcode: 0 TV-Norm: PAL
Verpackung: 6-Panel-Digipak als Doppel-DVD
Bildformat:2,35:1 (anamorph / 16:9)
Tonformat: Deutsch (Dolby Digital 5.1) Untertitel: ENGLISCH & Deutsch für Hörgeschädigte
EXTRAS: Making Of, Interviews mit Regisseur und Schauspielern, Audiodeskription, ausführliches Booklet liegt bei.