Neue Zürcher Zeitung
Das Phantom Widerspruch
Diedrich Diederichsen hat die Political-Correctness-Debatte rekonstruiert
Ein Phantom geht um in Europa und im Rest der westlichen Welt: das Gespenst der politischen Korrektheit. Lauthals klagen Dichter und Denker und selbsternannte Tabubrecher über angebliche Redeverbote und Denktabus, aufgestellt von politisch links gepolten Sittenwächtern, die ihnen ihre freie Rede verbieten wollten. Gewürzt mit lustigen Geschichtlein über politisch korrekte Sprach- und Verhaltenscodes an amerikanischen Hochschulen, geistert dieses Gerede über die Political Correctness seit Anfang der neunziger Jahre durch die Feuilletons. Ohne genaue Beschreibung der Denkbehinderungen und der Täter bleibt das furchterregende Tun der Verfechter der politischen Korrektheit im dunkeln. Ein Phantom.
Teil einer politischen Strategie
Licht ins Dunkel bringt das Traktat «Politische Korrekturen» des Poptheoretikers Diedrich Diederichsen, der den deutschsprachigen Sichtungen des Phantoms nachgegangen ist, der es zurückverfolgt hat zu seinem amerikanischen Hort und dort die Zusammenhänge untersucht, in denen der Begriff der Political Correctness entstanden ist. Und siehe da, das Ungeheuer entpuppt sich als Teil einer politischen Strategie, die sich gegen künstlerische Freiheit ebenso wendet wie gegen Programme zur Sicherstellung der Chancengleichheit auch für ethnische Minderheiten, der immer wieder zitierte Tugendterror schrumpft zu einem Häuflein unscharf wahrgenommener Anekdoten, das Denkverbot entpuppt sich als Missmut über das offensivere Auftreten feministischer Positionen. Ein Schwerpunkt von Diederichsens Interesse als Kenner der Popmusik und an sie angeschlossener Jugend- und Subkulturen sind die Strategien, mit denen Subkulturen ihre Andersartigkeit behaupten und bewahren können.
Kritik lächerlich gemacht
Die deutschsprachige P.-C.-Debatte erlebte ihren grossen Aufschwung, als Steffen Heitmann, des Kanzlers Kohl erkorener Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten, in Interviews einen Mangel an nationaler Identität der Deutschen beklagte und Frauen ihren vorbestimmten Platz hinterm Herd zuweisen wollte. Standpunkte, die ihn weit ausserhalb des politischen Zentrums der Republik verorteten und heftigen Widerspruch erregten. Die Kritik an Heitmanns Statements sowie an dem elitären Zivilisationsekel, dem Botho Strauss in einem «Spiegel»-Essay seine Sprache gegeben hatte, wurde abgetan als politisch korrekter Meinungsterror und, verquirlt mit Hinweisen auf die amerikanische P.-C.-Debatte, der Lächerlichkeit preisgegeben.
Diederichsen puzzelt die Fäden wieder auseinander und führt sie auf einen Grundgegensatz zurück. Im Zentrum der amerikanischen Debatten um die Political Correctness steht ein Streit um Weltbilder, der sich zunächst an den Universitäten abspielte. Ein als amerikanisch identifizierter Universalismus, der vor der Schablone amerikanischer Vorstadtnormalität jedes abweichende Verhalten ausgrenzt, wehrt sich gegen den Relativismus zeitgenössischer europäischer Denkschulen, die Verschiedenartigkeit als solche nicht bewerten. Die nicht einmal davor zurückschrecken, das Denken und die gesellschaftliche Reflexion auf sich selbst zu beziehen und damit auch das, was für wahr gehalten wird, nicht als unbedingte, sondern als in gewissem Masse historische, politisch konstruierte Grösse zu verstehen. Vor diesem Hintergrund schimmern die vielfach variierten Klagen über Sprech- und Verhaltensregelungen in einer anderen Farbe. Einerseits handelt es sich hier um rein symbolische Besetzungen, die nicht die bestehenden Gewalt- und Diskriminierungsverhältnisse abschaffen können, doch dringen sie andererseits zu einem Kern: indem sie nämlich die Selbstverständlichkeit bestimmter Sprech- und Verhaltensweisen und der damit verbundenen Diskriminierungen und Hierarchisierungen unterminieren.
Diederichsen sieht in dem Drang zur Aufhebung eingeschliffener Zuschreibungen deutliche Parallelen zu zentralen Mechanismen der Popkultur. Und in den neunziger Jahren abseits der eigentlichen Debatte um P. C. haben sich hier neue Gruppen ihr Rederecht erkämpft.
Vermischungen der Ränder
Mit der plötzlichen Mitsprache von Frauen, von Schwarzen im Hip-Hop, von Immigranten quer durch die Genres, mit der Diversifizierung der Lebensstile und den Vermischungen der Ränder standen die auch in den Subkulturen altgedienten Zuschreibungen durch die dominante Männlichkeit zur Debatte. Es wurde neu diskutiert in der Popkultur, über berechtigte Anliegen und berechtigte Einwände, über Interessengegensätze, die sich nicht in einen wohlfeilen Konsens auflösen lassen. Und hier liegt die Stärke dieser Zuspitzung: Politische Korrektheit in diesem Sinne bedeutet nicht den Ersatz bestimmter Wörter durch bestimmte andere, sondern eine Neubewertung der klassischen P.-C.-Territorien: Sex und Gewalt als Verhältnisse zwischen Menschen, die zwischen konkreten Menschen konkret ausgehandelt werden müssen. Damit wird die Auseinandersetzung nicht erdrosselt, wie P.-C.-Gegner klagen, sondern erst eingeleitet. In seinen «Politischen Korrekturen» backt Diedrich Diederichsen kleine Brötchen, und das ist erstaunlich. Nachdem er sich in jahrzehntelanger Schreibarbeit den Status eines Papstes aller deutschen Popradikalinskis gesichert hat, schlägt er nun seinen revolutionären Freunden die aktionsaufschiebende Wirkung der Reformismuskritik um die Ohren, wendet sich mit scharfen Sinnen der Kritik des Feuilletons zu und plädiert für die Notwendigkeit einer moralischen Fundierung des Handelns. Kleine Brötchen, aber geniessbar.
Unverdaulich bleibt dagegen seine Sprache, verschachtelt bis zum Abdrehen, knochig wie ein philosophischer Text, aus dem akademischen Himmel an die Underground-Bar geholt durch lässig eingeflochtene Anglizismen, den inflationären Gebrauch grauenvoller Wortklänge und treffsichere Geschmacklosigkeit bei eigenen Wortschöpfungen. Aber Diederichsen darf das, das macht ihn nur noch hipper. Dass man ihm einen kritischen Lektor an den Hals wünscht, der ihm gelegentlich einen Tribut an das Klarheitsgebot argumentativer Sprache abverlangt, auch darin unterscheidet sich Diederichsen nicht von anderen Päpsten.
Stefan Hentz
carpe.com
Politische Korrekturen -- Diedrich Diederichsen analysiert das PC-Phänomen.
Diederichsen hat zwei Bücher in einem geschrieben. Einerseits eine kluge Analyse vieler Phänomene, die mit dem Totschlagbegriff "political correctness" (PC) zusammenhängen. Andererseits eine ärgerlich simplifizierende Beschreibung der intellektuellen Debatten der letzten zwei Jahrzehnte -- gerade auf akademischem Gebiet. Serviert wird das ganze in kurzen Ideenhäppchen. Doch langsam und der Reihe nach. Eine kritische Aufarbeitung der PC-Hysterie der letzten Jahre war seit langem überfällig. Der bekannte Pop- und Subkulturtheoretiker Diederichsen hat sich dankenswerterweise dieser Aufgabe angenommen und versucht, dieser schillernden Erscheinung auf den Grund zu gehen. Zu diesem Zweck beschreibt er detailliert die Entstehung des PC-Begriffs und das dafür relevante politisch-kulturelle Umfeld in den USA. Das Spektrum reicht hier von den teilweise heftig ausgetragenen Diskussionen an amerikanischen Universitäten über die symbolträchtigen Kulturkämpfe der amerikanischen Rechten gegen "Schmutz und Schund" in der Kunst, bis hin zu den aktuellen Diskussionen über die Abschaffung der "affirmative action" (der staatlichen Bevorzugung von Angehörigen einer benachteiligten Bevölkerungsgruppe). Auf diese Weise entsteht en passant auch eine pointierte amerikanische Kulturgeschichte der letzten zwei Jahrzehnte, die natürlich -- wie alle Kultur -- zugleich auch hochpolitisch ist.
Eine der Hauptthesen Diederichsens lautet: Die PC sei ein rechter Mythos, funktionalisiert von politisch interessierter Seite, um emanzipatorische Bewegungen aufzuhalten, indem man sie beispielsweise lächerlich macht. Doch das ist nur die eine Seite der unappetitlichen Medaille. Auf der anderen wird die PC auch benutzt, um verschiedene Debatten neu anzustoßen -- unter dem Vorwand des dringend notwendigen Tabubruchs. Der Poptheoretiker bringt im dritten Kapitel seines Buches mehrere Beispiele aus dem neuen Deutschland nach der Wiedervereinigung: die Fortsetzung des Historikerstreits, die "Fälle" Stefan Heitmann und Annemarie Schimmel, die wenig schmeichelhafte Rolle der FAZ in diesen Auseinandersetzungen, der neu-rechte Antifeminismus - das ist nur ein kleiner Ausschnitt der von Diederichsen angeschnittenen Themen. Es gelingt ihm deutlich zu machen, daß sich harmlos gebende Fragen in Wirklichkeit der Propagierung einst verpönter Thesen dienen, wie z.B. der Relativierung von Auschwitz.
Kann man dieser Ebene der Untersuchung meist vorbehaltlos zustimmen, ja ist sogar dankbar, endlich einmal eine polemische Abrechnung zu diesem Thema lesen zu dürfen, trübt sich dieser positive Eindruck leider stark, wenn man sich der im engeren Sinn theoretischen Seite des Buches zuwendet. Diederichsen nimmt nämlich auch Stellung zum akademischen Streit der letzten Jahrzehnte und verstrickt sich hier unheilbar in zahlreichen theoretischen Fallstricken. Als Hintergrundinformation hierzu muß man wissen, daß es spätestens seit den achtziger Jahren (nicht nur) an amerikanischen Universitäten eine heftige Auseinandersetzung zwischen sich progressiv gebenden postmodernen Theoretikern und dem angeblich konservativen akademischen Establishment gibt. Die Diskussion über den Stellenwert der Theorie der Dekonstruktion in der Nachfolge des französischen Philosophen Jacques Derrida wäre hier als ein Beispiel zu nennen. Diederichsen geht sogar so weit, ausschließlich diese und verwandte Theorieansätze zu meinen, wenn er von den Geisteswissenschaften oder der Theorie spricht. Letztere sieht er ebenso verfolgt wie die Avantgarde-Kunst und setzt sich folgerichtig vehement auch dafür ein. Der Verfasser hat insoweit recht, als diese neuen akademischen Bewegungen zu einer begrüßenswerten Politisierung führten. Er übersieht aber dabei den zutiefst irrationalen und antiaufklärerischen Gehalt dieser relativistischen Theorien bzw. konstruiert in seinem Buch eine politisch harmlose Variante von ihnen, indem er die radikalsten philosophischen Thesen ausklammert. Wie sonst könnte er an anderer Stelle fordern, man müsse sich auf die Konstitution eines Inhalts einigen (S. 108) oder auf Identität beziehen können (S. 177)? Beides widerspricht theoretischen Kernthesen der Dekonstruktion.
Gänzlich absurd wird es, wenn Diederichsen diese Theorieansätze implizit deshalb als verfemt hinstellt, weil sie -- aus Frankreich kommend -- alte Kulturkampf-Reflexe wachrufen. Damals waren die Fronten bekanntlich klar: auf der einen Seite deutsche rechtskonservative Denker wie der frühe Thomas Mann oder Oswald Spengler, welche die "echte" und "tiefe" deutsche Kultur der angeblich dekadenten und zivilisatorisch verdorbenen westlichen Kultur gegenüberstellten. Die Dekonstruktion steht aber gerade nicht, wie von Diederichsen unterstellt, in dieser zivilisatorisch-aufklärerischen Tradition, sondern ist ganz im Gegenteil fest in der verhängnisvollen deutschen irrationalen Geistesgeschichte verankert. Nietzsche und Heidegger sind ihre philosophischen Gewährsmänner, nicht die Nachfolger von Voltaire und Diderot. Deshalb ist es schlicht geistesgeschichtlicher Unsinn, Poststrukturalismus und Dekonstruktion als "welsche Ideen" (S. 114) zu bezeichnen, und damit zu suggerieren, sie stünden in der oben skizzierten fortschrittlichen Tradition. Da hier nicht der Ort für ausführliche philosophische Debatten ist, mag dieses eine Beispiel genügen. Es sei nur noch darauf hingewiesen, daß postmoderne Theoretiker keinen Alleinvertretungsanspruch für kritisches und fortschrittliches Denken für sich beanspruchen dürfen. Der analytische Philosoph Bertrand Russell ist nur ein Gegenbeispiel unter vielen. Gerade für die Durchsetzung einer neuen politischen Moral, wie Diederichsen sie fordert, ist nicht ein neuer Irrationalismus notwendig, der zufälligerweise gerade links angesiedelt ist, sondern ein moderner Aufklärungsbegriff und klares Denken, um vorhandene Vorurteile und repressive gesellschaftliche Strukturen aufdecken zu können.
Alles in allem hinterläßt Politische Korrekturen also einen zwiespältigen Eindruck. Lesenswert ist es aber allemal, trotz des oft manierierten Szenejargons des Szenetheoretikers. Die politischen Rosinen sollte man sich jedoch auf alle Fälle herauspicken. --Christian Köllerer