1. Einleitung
Die Politikwissenschaft ist in vielen Ländern der Welt zu einem
selbstverständlichen, geschätzten Universitätsfach geworden. Die
jüngste regionale Erweiterung der Disziplin ist die Gründung der ab
2001 angelaufenen Asian Political and International Studies Association
APISA, die im November 2003 in Singapur ihren Gründungskongress
abhalten konnte. Der Kongressband deutet schon im Titel
Aktualität und Zukunftsperspektiven an: "Asia in the New Millennium".
1 Wer die Geschichte der nordamerikanischen Politikwissenschaft
oder gar die schwierige, von vielen innerakademischen Anfechtungen
begleitete (Neu)Gründung des Faches in Westdeutschland
nach 1950 kennt, wird in seiner weltweiten Entwicklung die Bestätigung
seines Ranges in der modernen Wissenschaftslandschaft sehen.
Bei allem Aufstieg sind auch Probleme geblieben, die um das
Selbstverständnis, um den Gegenstand und die konkrete Stellung
der Politikwissenschaft im Fächergefüge des Universitätswesens
kreisen, um das Spannungsverhältnis von Politik als Wissenschaft
und Politik als praktische Gestaltung des Gemeinwesens und seiner
internationalen Bindungen. Dies und einiges mehr so anzudiskutieren,
dass der heutige Studienanfänger ein eigenes Verhältnis
zur Art und Weise politikwissenschaftlichen Denkens erhält, ist
Anliegen dieses einleitenden Beitrages. Er ist für Studierende geschrieben
und soll hinführen zur Politikwissenschaft; er dient nicht
der Teilnahme an einem seit Jahren immer komplizierter gewordenen
Disput zwischen etablierten Politologen.
Ein Teil der vorhin angedeuteten Reibungen an der Politikwissenschaft
bezieht sich in erster Linie auf die deutsche Universität,
1 Amtiva Acharva / Lee ai To (eds.): Asia in the New Millennium, London
u.a.2004.
genauer gesagt auf jene deutsche Universität, die nach der Zäsur
des Nationalsozialismus fast ängstlich darauf bedacht war, ein in
vielen Bereichen verlorengegangenes oder bedrohtes Profil zurückzugewinnen
und die damals glaubte, sich keine Experimente
mit ,neuen' Fächern leisten zu können. Ein anderer Teil, wie etwa
das, was sich auf die ,Natur' des Faches oder auf seine praktische
Anwendbarkeit bezog, ist auch international diskutiert worden und
gehört weiterhin in die internen Dispute und Dialoge der Disziplin.
Allerdings: In jenen einleitend genannten fünfziger Jahren hätte
ein Student weder in den USA noch in anderen westlichen Ländern
nennenswerte Akzeptanzprobleme des Faches political
science gespürt. In Kanada beispielsweise wurde bereits 1888 die
erste politikwissenschaftliche Professur eingerichtet. Ebenso war
es in Europa schon vor dem Ersten Weltkrieg (1912) zu einem ersten
Lehrstuhl in Oxford gekommen.2Wie rasant der internationale
Aufstieg des Faches war, zeigt sich darin, dass man bereits im
Jahre 1900 an etwa einem halben Dutzend amerikanischer Universitäten
einen politikwissenschaftlichen Doktorgrad erwerben konnte.
Um 1903 gab es in Nordamerika schon rund 1.000 political scientists.
Und doch sind diese Andeutungen nur die halbe Wahrheit. Politikwissenschaft
ist weitaus älter und ungleich traditionsgeladener
als hier angeführt.