Das Buch hebt sich von vielem ab, was man so in der politischen Literatur inhalliert. Lafontaine hat ein Kontrastprogramm formuliert und neoliberale Wirrgänge widerlegt.
Lafontaine macht deutlich, dass aus unserem Volk der Dichter und Denker ein Land der Kostensenker geworden ist.
Auch CSU-Mann und Ex-Gesundheitsminister Horst Seehofer hat die Fakten in Lafontaines Buch überprüft und bestätigt sie.
Es werde zwar pausenlos "reformiert", doch es sind alles "politisch wirkungslose Maßnahmen" wie zuletzt Hartz IV. "Der Mensch kommt nicht mehr vor." Was Lafontaine ausbreite, sei nicht "Herz-Jesu-Sozialismus", sondern ein Maßnahmenkatalog, "damit aus einer wirtschaftlichen Krise keine politische wird".
Oskar Lafontaine betont, er habe das Buch "nicht gegen die Regierung, sondern gegen die Allparteienkoalition in Berlin geschrieben". Er übe Kritik "an der gegenwärtigen Politik, die nicht allein von der Bundesregierung zu verantworten" wäre, sondern auch von der Opposition.
Und Lafontaine sagt auch Sätze, die man nicht als Propaganda oder Polemik abtun kann. Dass die "Kluft zwischen den Eliten und der Mehrheit des Volkes" immer größer wird; dass die "ungleiche Verteilung" des Reichtums in der Bonner Republik vom Staat "gedämpft" wurde, während sie nun in der Berliner Republik "verschärft" wird; dass "Senkung der Lohnnebenkosten" ein euphemistischer Begriff dafür ist; dass "Rentner, Kranke, Arbeitslose und Pflegebedürftige" weniger bekommen. Und er macht eine einfache Rechnung auf: Wer 60.000 Euro in die Rentenversicherung einbezahlt hat, bekommt 10.000 Euro ausbezahlt - wenn überhaupt. "Hartz IV ist ein Gesetzt gegen die guten Sitten, es ist auch verfassungswidrig."
Politisch hat sich Oskar Lafontaine, zuletzt Minister in der ersten Regierung von Kanzler Schröder, selbst entleibt. Heute bedauert er, dass er nicht nur auf alle Ämter, sondern auch auf den Sitz im Bundestag verzichtet hat. "Das war ein Fehler. Es wäre ein Vergnügen, heute dort Stellung zu nehmen." Aber als politischer Schriftsteller ist er recht erfolgreich.
Von "Das Herz schlägt links" wurden 300.000 Exemplare verkauft, von "Die Wut wächst" 50.000, sein neues Buch "Politik für alle" kommt mit 20.000 Startauflage in den Handel. Mit Rechthaberei, dem Wunsch nach Revanche und Lust am Krawall ist ein solcher Erfolg nicht zu erklären. Der Mann hat was. Er gehört zu den wenigen Polit-Profis, die frei reden können, ohne sich im Gewirr der eigenen Sätze zu verfangen; er weicht nicht aus, wenn er angegriffen wird und vor allem: Er ist der Prototyp des "political animal", dem man auch dann gerne zuhört, wenn man sich über ihn empört. Ein wenig Franz-Josef Strauß, etwas Herbert Wehner, eine Spur Lenin und ganz viel Poltergeist.
Der Hartz IV-Gegner Lafontaine war auch bei der Leipziger Montagsdemo: "Gegen die Allparteienkoalition".