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8 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Spannende Abrechnung am Vorabend der Ära Obama, 30. Januar 2009
Robert Misik nimmt sich in seinem jüngsten Buch viel vor, nichts weniger als die "neokonservative Ideologie ins Museum der großen Irrlehren" zu schicken. Der Zeitpunkt für so einen Versuch könnte nicht besser gewählt sein. Wobei der Zusammenbruch des neoliberalen Kartenhauses für Misiks Abrechnung nicht einmal notwendig ist - er setzt sich mit dem Neokonservativismus an seinem Höhepunkt auseinander. Vielmehr macht der Zusammenbruch so ein Plädoyer notwendig. Damit tatsächlich eine neue Ära eintritt, müsse "auf jedem Politikfeld deutlich werden, dass die progressiven Konzepte und Ideen die besseren, realitätstauglicheren, gerechteren und menschenfreundlicheren Konzepte sind", und dazu will Misik einen Beitrag leisten.
Sein bevorzugtes Werkzeug ist es, die Widersprüche und damit Unzulänglichkeiten des Neo-Konservativismus aufzuzeigen. Diesen begreift er als heterogenes "weltanschauliches Knäuel" von neoliberalen Marktradikalen bis zu neu-bürgerlichen Spießern, von islamophoben Rechtspopulisten bis zu jenen, die die Dekadenz der Moderne beklagen. Sie lieben die kapitalistische Konsumkultur, aber jammern über die Auswüchse des Hedonismus. Sie verstehen sich selbst als einzig-fähige Elite, entdecken aber den "kleinen Mann" für sich. Wettbewerb und Egoismus als Tugend sind ihnen heilig, aber dass im Bus niemand mehr für Oma aufsteht, steht für den moralischen Verfall. Sie lobpreisen die Familie - außer es ist eine türkische Großfamilie...
Misik bleibt seinem spitzen Stil treu und begnügt sich nicht damit, Widersprüche einer "krausen, grotesk unlogischen politischen Philosophie" zu zeigen. Er setzt neben gut verständlichen philosophischen Giftpfeilen auch auf kurzlebige Ausflüge in Geschichte, Soziologie, Ökonomie, Kunst- und Medientheorie. Angenehm ist auch, dass Misik auch die Progressiven immer wieder an denselben Maßstäben misst. Misiks Plädoyer gegen den Neo-Konservatismus ist gleichzeitig ein überzeugendes Plädoyer für Gleichheit, Freiheit und Gerechtigkeit im 21. Jahrhundert. Zum Schluss wendet sich Misik an die progressiven Parteien: Sie brauchen neuen Elan, es hängt an ihnen denn "die gesellschaftliche Basis - also Menschen, die bereit wären, sich zu engagieren - gibt es und ebenso die Ideen, die nötig sind um eine neue Ära zu prägen. Yes, we can." Wer die Weltwirtschaftskrise (nur) wirtschaftspolitisch verstehen will, ist bei Misik falsch. Wer über die gesellschaftlichen Ursachen, Folgen und Alternativen lesen will, findet am Vorabend der Ära Obama eine spannende Interpretation der Welt, wie wir sie kannten und wie sie werden könnte.
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6 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Gegen den Neokonservatismus , 29. Januar 2009
In seinem "linken" Essay "Politik der Paraonia. Gegen die neuen Konservativen" zieht der österreichische Publizist Robert Misik im gewohnt unprätentiös-prägnanten Stil gegen die neokonservative Verdummung ins Feld. Vor allem entlarvt er die Widersprüche ihrer reaktionären, auf Angst beruhenden Ideologie: Einerseits macht der sich im Fahrwasser des Neoliberalismus daherkommende Neokonservatismus auf den um sich greifenden Werteverfall aufmerksam, der zur Zerrüttung des gesellschaftlichen Zusammenhalts führe, andererseits sollen Ausländer jene 'Leitkultur' - eine Lieblingsvokabel der Neokonservativen - verinnerlichen, die uns aber gerade fehlt!!! Auf der einen Seite wird mit Eva Hermann die Frau zurück an den Herd beordert, um den 50er-Jahre Super-Wert der Familie zu reaktivieren, auf der anderen Seite wird vor der muslimischen Welle mit ihren Großfamilien gewarnt. Hinzu kommt: Während der 'alte Konservatismus' eine Absage an das rein kapitalistische Prinzip der Profitmaximierung erteilte und im Form des Bildungsbürgertums die zweckfreie Bildung propagierte, verbreitet der neue Konservatismus das unternehmerische Selbst, den Unternehmer in eigener Sache, der rücksichtslos seinem Vorteil im Konkurrenzgerangel des freien Marktes nachspürt. Schließlich diffamiert der Neo-K. sozial Schwache, Arbeitslose als faule Menschen, die selber Schuld an ihrem Schicksal sind (ist die Schuld nicht auch strukturell bestimmt?)und befürwortet zugleich Ungleichheit als Motor einer nach ökonomischen Prinzipien organisierten Gesellschaft, im Gegenzug aber fordert er die "Zivil- oder Bürgergesellschaft", an der alle teilhaben sollen.
Freilich, Robert Misik hat es leicht, die offensichtlichen Fallstricke, Verkürzungen und Paradoxien dieser engstirnigen Weltanschauung zu analysieren, zumal mit dem neuen US-Präsidenten zumindest symbolisch ein Paradigmenwechsel eingeläutet wurde: von der "Wer nicht für uns ist, ist gegen uns" - Rhetorik zur progressiv-optimistischen Formel "Yes - we can", mit der Misik sein kurzweiliges Buch denn auch beschließt und an dessen Ende er im übrigen eine interessante Erklärung dafür bereit hält, warum der Konservative hinter jeder Veränderung die Gefahr, das Böse schlechthin lauern sieht: Die Denkfigur des "strengen Vaters" stimmt jedenfalls zum Nachdenken an.
Wenn "links" sein bedeutet, ein Unbehagen gegenüber gesellschaftliche Ungleichheit und Ungerechtigkeit zu verspüren, dann ist Misiks Buch in diesem Sinne "links" zu nennen, d.h. ein Plädoyer für eine bessere, gerechtere Gesellschaft, insofern er es wagt, Gleichheit und Gerechtigkeit zusammenzudenken. (Dass Gleichheit und Gerechtigkeit dialektische Begriffe sind, erwähnt Misik leider nicht: je mehr Gerechtigkeit, desto weniger Gleichheit; je mehr Gleichheit, desto weniger Gerechtigkeit.) Allerdings ist es ja Aufgabe der Politik und der Wirtschaft diesen Unterschied so gut wie es geht auszutarieren...
Misiks Buch greift kein neues Thema auf. Der Widerstand gegen den Neo-K. fand bzw. findet auch Anklang in Rickens "Die neuen Spießer" bzw. in Pinls "Das Biedermeier-Komplott". Die Veröffentlichungen zeigen jedoch deutlich an: Das Zeitalter des Neo-K. neigt sich dem Ende zu!
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5 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
1.0 von 5 Sternen
"Gaga im Kopf" oder "Die Geschichten vom irrsinnigen Knäuel", 12. September 2009
Es gibt ein kleines, aber sehr gehaltvolles Buch zum Thema Neokonservatismus, das Helmut Dubiel - heute Professor - Ende der achtziger Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter des Institutes für Sozialforschung in Frankfurt verfaßte. Es heißt: Was ist Neokonservatismus? ( Neue Folge, 313). Auch Robert Misik meint, daß es immer noch lesenswert ist, denn er zitiert häufig daraus. Daß er diese Schrift, der seine viel verdankt, als ein "schmales Bändchen" marginaliisiert, ist nicht ganz fair, zumal sein eigenes Buch nur wegen eines breiten Randes und großen Zeilenabstandes dieser Einstufung entkommt.
Trotz seiner Anleihen bei Dubiel bleibt Misik deutlich hinter diesem zurück. Dubiel hatte die Schwierigkeiten der simplifizierten Einordnung politischer Standpunkte auf der eindimensionalen Rechts-/Links-Skala längst festgestellt. Während Dubiel differenziert, vereinfacht Misik radikal. Sein programmatisches Gegenstück zur Differenzierung ist gewissermaßen die Verwirrung oder - wie er sich ausdrückt - "das Knäuel". Er schreibt auf S.19: "Dieses Knäuel nenne ich die neuen Konservativen ...". Im unentwirrten Knäuel hat es freilich leicht den Anschein, als ob die widersprüchlichsten Meinungen aus einer einzigen Quelle stammen würden. Das verleitet Misik zur Auffassung, daß das "Knäuel" irrsinnig und paranoid sein muß. Auf S. 176 (dem Ende zu) heißt es bei ihm: "Möglicherweise sind Konservative einfach nur Gaga im Kopf ..."
Sonderbar, daß ihm gar nicht in den Sinn kommt, daß seine Grobzeichnungen der linken Sache auch schaden könnten. Misik zitiert treuherzig Nicolás Gómez Dávilas schöne Sentenz "Die Parteigänger einer Sache sind in der Regel die besten Argumente gegen sie", als ob ausgerechnet er gegen dieses Verdikt gefeit wäre. Misik neigt zur Maßlosigkeit. Für ihn ist der Philosoph Robert Nozick nicht der Vertreter der Gegenposition zu John Rawls "Theorie der Gerechtigkeit", sondern ein weltfremder Phantast (S.90). Es reicht ihm nicht, den Autoren Gómez Dávila, der politisch überhaupt nicht aktiv war, als Reaktionär oder Erzreaktionär zu bezeichnen. Er sei vielmehr ein "Ultrareaktionär". Wem hilft das, davon abgesehen, daß einem für die echten, von jeder Selbstironie freien, unsympathischen Reaktionäre nun schlicht der Superlativ fehlt?
Misiks Fiktion des irrsinnigen konservativen Knäuels gerät im Kontext seiner Kriegskritik völlig zur Farce. Er schreibt auf S. 175: "Man wird die Gewalt nicht aus der Welt schaffen, indem man sie mit Bombenteppichen überzieht. ... Die meisten Menschen verstehen das. Nur die Konservativen, die können das aus irgendwelchen Gründen nicht verstehen." Der letzte Teil ist wirres Zeug, denn kaum anhand einer Frage besser als an der des Bellizismus läßt sich zeigen, daß eine Haltung quer durch verschiedene politische Lager läuft. Unser recht konservativer Altbundeskanzler Helmut Schmidt erzählt, daß die jungen Redakteure der ZEIT, die ich der politischen Mitte zurechne, für Kriegsinterventionen aus humanitären Gründen plädieren, während Schmidt stets davor warne, da Kriege immer humanitär oder völkerrechtlich bemäntelt und diplomatische Optionen fast nie ausgeschöpft würden. Interessanterweise wird man ja feststellen, daß folgende Liste von dezidierten Kriegskritikern: Noam Chomsky, Helmut Schmidt, Peter Scholl-Latour (dem die rechte Wochenzeitung Junge Freiheit oft ein Forum bietet), Benedikt XVI, Oskar Lafontaine (der ein Papstbild im Büro aufgestellt hat), Pat Buchanan (der eine rechtskonservative und strikt nicht-interventionistische Politik vertritt), Amy Goodman und Naomi Klein, aus Persönlichkeiten besteht, die entweder dem sehr konservativen oder dem sehr linken Lager zuzuordnen sind. Im Hinblick auf die USA ist Noam Chomsky übrigens der Meinung, daß es in der Frage der Kriegseinsätze keinen essentiellen Unterschied zwischen demokratischen und republikanischen Präsidenten gibt. Hierzulande sind bellizistische Positionen ein Phänomen der Parteien der politischen Mitte und werden folglich vor allem in Zeitungen wie der FAZ, der WELT und der ZEIT vertreten, aber eher nicht in ausgeprägt rechten oder linken.
Wenn es sich bei Misiks Schrift um ein politisches Pamphlet handelt, ist es dann ein gutes? Das muß verneint werden, denn hinsichtlich politischer Alternativvorschläge, die er leicht hätte plazieren können, bleibt Misik sonderbar brav. Während Dubiel im Kontext seiner Kritik der Meritokratie die Frage der Eigentumsverhältnisse touchiert, hat Misik nicht den Mut, diesen heiklen Punkt explizit aufzugreifen.
Vorbildlich sind Misiks Literaturangaben mit Seitenzahlen, weniger vorbildlich ist die leicht verwirrte amtliche Rechtschreibung (z.B. Großschreibungen von Superlativen auf S. 85). Ein Personenregister fehlt leider.
Kurzweilig ist übrigens der Abschnitt über Ann Coulter (S.66-69), dem atemberaubend provozierenden, eloquenten, langbeinigen, langmähnigen, blonden Gift der amerikanischen Rechten. Coulters Positionen sind meist so überzogen, daß man immer erst eine Satire, aber keine ernsthafte Stellungnahme vermutet. Diesen Verdacht hat man bei Misik leider nicht.
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