Ja, wir können Robert Misik schickt mit einem leidenschaftlichen Plädoyer die neokonservative Ideologie ins Museum der großen Irrlehren. Zugleich zeigt er, warum Gleichheit und soziale Gerechtigkeit die Voraussetzung für eine gesunde Gesellschaft ist. Mehr Gleichheit ist nicht nur möglich – sie ist auch wirtschaftlich notwendig. Die neuen Konservativen verlangen seit langem "weniger Staat", zumindest in der Wirtschaft; wenn es um die Bespitzelung der Bürger geht, sehen sie das nicht so eng. Sie haben die Finanzströme dereguliert und warnen auch nach dem Totalcrash vor "zu viel Intervention". Die Sozialsysteme betrachten sie als unmoralisch, weil die Faulen dadurch belohnt werden. Ihr Herz gehört den Tüchtigen. Sie haben das Privatfernsehen eingeführt, jetzt monieren sie den Kulturverfall. Sie halten die Familie hoch, doch durch türkische Großfamilien droht angeblich der Untergang des Abendlandes. Misiks Plädoyer für linke Werte zeigt, dass eine moderne Politik der sozialen Gerechtigkeit den konservativen Konzepten überlegen ist.
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Produktbeschreibungen
Über den Autor
ROBERT MISIK, geboren 1966, ist ständiger Autor der tageszeitung (Berlin), von profil und Falter (Wien) und einer der streitbarsten linken Publizisten seiner Generation. Autor zahlloser Kritiken, Essays, Kommentare und Reportagen. Zuletzt erschien "Marx für Eilige" (AtV 2003). Weitere Bücher: Mythos Weltmarkt (AtV 1997), Die Suche nach dem Blair-Effekt (AtV 1998), Republik der Courage. Wider die Verhaiderung (AtV 2000, Hrsg. Gemeinsam mit Doron Rabinovici). 1999 und 2000 erhielt Robert Misik den "Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch".
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Robert Misik nimmt sich in seinem jüngsten Buch viel vor, nichts weniger als die "neokonservative Ideologie ins Museum der großen Irrlehren" zu schicken. Der Zeitpunkt für so einen Versuch könnte nicht besser gewählt sein. Wobei der Zusammenbruch des neoliberalen Kartenhauses für Misiks Abrechnung nicht einmal notwendig ist - er setzt sich mit dem Neokonservativismus an seinem Höhepunkt auseinander. Vielmehr macht der Zusammenbruch so ein Plädoyer notwendig. Damit tatsächlich eine neue Ära eintritt, müsse "auf jedem Politikfeld deutlich werden, dass die progressiven Konzepte und Ideen die besseren, realitätstauglicheren, gerechteren und menschenfreundlicheren Konzepte sind", und dazu will Misik einen Beitrag leisten.
Sein bevorzugtes Werkzeug ist es, die Widersprüche und damit Unzulänglichkeiten des Neo-Konservativismus aufzuzeigen. Diesen begreift er als heterogenes "weltanschauliches Knäuel" von neoliberalen Marktradikalen bis zu neu-bürgerlichen Spießern, von islamophoben Rechtspopulisten bis zu jenen, die die Dekadenz der Moderne beklagen. Sie lieben die kapitalistische Konsumkultur, aber jammern über die Auswüchse des Hedonismus. Sie verstehen sich selbst als einzig-fähige Elite, entdecken aber den "kleinen Mann" für sich. Wettbewerb und Egoismus als Tugend sind ihnen heilig, aber dass im Bus niemand mehr für Oma aufsteht, steht für den moralischen Verfall. Sie lobpreisen die Familie - außer es ist eine türkische Großfamilie...
Misik bleibt seinem spitzen Stil treu und begnügt sich nicht damit, Widersprüche einer "krausen, grotesk unlogischen politischen Philosophie" zu zeigen.... Er setzt neben gut verständlichen philosophischen Giftpfeilen auch auf kurzlebige Ausflüge in Geschichte, Soziologie, Ökonomie, Kunst- und Medientheorie. Angenehm ist auch, dass Misik auch die Progressiven immer wieder an denselben Maßstäben misst. Misiks Plädoyer gegen den Neo-Konservatismus ist gleichzeitig ein überzeugendes Plädoyer für Gleichheit, Freiheit und Gerechtigkeit im 21. Jahrhundert. Zum Schluss wendet sich Misik an die progressiven Parteien: Sie brauchen neuen Elan, es hängt an ihnen denn "die gesellschaftliche Basis - also Menschen, die bereit wären, sich zu engagieren - gibt es und ebenso die Ideen, die nötig sind um eine neue Ära zu prägen. Yes, we can." Wer die Weltwirtschaftskrise (nur) wirtschaftspolitisch verstehen will, ist bei Misik falsch. Wer über die gesellschaftlichen Ursachen, Folgen und Alternativen lesen will, findet am Vorabend der Ära Obama eine spannende Interpretation der Welt, wie wir sie kannten und wie sie werden könnte.Lesen Sie weiter... ›
Ab und zu muß das sein: Ein politisches Buch lesen, nur zum Zwecke der Selbstbestätigung, nur zur Vergewisserung darüber, daß man die Weltanschauung mit anderen Menschen teilt und also nicht ganz falsch liegen kann.
"Politik der Paranoia" ist ein Buch, das man so lesen kann. Es malt einem die politische Heimat schön, unter Verweis auf die öde Wüste, aus welcher der politische Gegner stammt. Bestimmt wird es derlei Literatur auch für Konservative geben.
Konservative haben Werte, Progressive leben sie.Das ist eine der Intentionen, die Herr Misik aus dem Satz vom Privaten, das politisch sei, herausspürt (54). Konservative, das sind jene seltsamen Zeitgenossen, die zwar die Familie als Keimzelle der Gesellschaft hochhalten, aber nur dann, wenn es sich dabei nicht um eine (Ex-)türkische Großfamilie handelt. Sie loben das Christentum in höchsten Tönen und halten dessen Werte für so staatstragend, daß man sis noch dem letzten Moslem, Juden, Hindu, Buddhisten oder Atheisten überstülpen will, aber nur so lange, bis ein Pazifist sich für seine Überzeugung auf das fünfte der zehn Gebote Gottes beruft. Sie haben kein Problem mit der Todesstrafe - fordern sie schon einmal, auch wenn ihre Abschaffung in Artikel 102 GG fixiert ist - und setzen sich für das ungeborene Leben ein. Sie propagieren kinderreiche Familien, denn "die Deutschen sterben aus," trotzdem sind alleinerziehende Mütter irgendwie asozial, denn Frauen gehören zwar an den Herd, aber wenn sie dafür von Hartz IV leben müssen, dito. Sie erklären ganze Länder, Gesellschaften und Lebensformen für "böse" und wundern sich dann, daß sie dort nicht geliebt werden......
Und sowieso sind die 68er an allem schuld. Die, die immer alles laufen ließen, denen schon Erziehung ein Gräuel war. Härte ist stattdessen angezeigt, aber am besten im Leben der jeweils Anderen. Freiheit ist etwas, das dem Starken, Selbstädigen und Risikobereiten gebührt (7), nicht jedoch - horrible dictu - allen Menschen, um der Menschenwürde oder Gottebenbildlichkeit willen.
Es gibt ein kleines, aber sehr gehaltvolles Buch zum Thema Neokonservatismus, das Helmut Dubiel - heute Professor - Ende der achtziger Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter des Institutes für Sozialforschung in Frankfurt verfaßte. Es heißt: Was ist Neokonservatismus? ( Neue Folge, 313). Auch Robert Misik meint, daß es immer noch lesenswert ist, denn er zitiert häufig daraus. Daß er diese Schrift, der seine viel verdankt, als ein "schmales Bändchen" marginalisiert, ist nicht ganz fair, zumal sein eigenes Buch nur wegen eines breiten Randes und großen Zeilenabstandes dieser Einstufung entkommt.
Trotz seiner Anleihen bei Dubiel bleibt Misik deutlich hinter diesem zurück. Dubiel hatte die Schwierigkeiten der simplifizierten Einordnung politischer Standpunkte auf der eindimensionalen Rechts-/Links-Skala längst festgestellt. Während Dubiel differenziert, vereinfacht Misik radikal. Sein programmatisches Gegenstück zur Differenzierung ist gewissermaßen die Verwirrung oder - wie er sich ausdrückt - "das Knäuel". Er schreibt auf S.19: "Dieses Knäuel nenne ich die neuen Konservativen ...". Im unentwirrten Knäuel hat es freilich leicht den Anschein, als ob die widersprüchlichsten Meinungen aus einer einzigen Quelle stammen würden. Das verleitet Misik zur Auffassung, daß das "Knäuel" irrsinnig und paranoid sein muß. Auf S. 176 (dem Ende zu) heißt es bei ihm: "Möglicherweise sind Konservative einfach nur Gaga im Kopf ..."
Sonderbar, daß ihm gar nicht in den Sinn kommt, daß seine Grobzeichnungen der linken Sache auch schaden könnten.... Misik zitiert treuherzig Nicolás Gómez Dávilas schöne Sentenz "Die Parteigänger einer Sache sind in der Regel die besten Argumente gegen sie", als ob ausgerechnet er gegen dieses Verdikt gefeit wäre. Misik neigt zur Maßlosigkeit. Für ihn ist der Philosoph Robert Nozick nicht der Vertreter der Gegenposition zu John Rawls "Theorie der Gerechtigkeit", sondern ein weltfremder Phantast (S.90). Es reicht ihm nicht, den Autoren Gómez Dávila, der politisch überhaupt nicht aktiv war, als Reaktionär oder Erzreaktionär zu bezeichnen. Er sei vielmehr ein "Ultrareaktionär". Wem hilft das, davon abgesehen, daß einem für die echten, von jeder Selbstironie freien, unsympathischen Reaktionäre nun schlicht der Superlativ fehlt?
Misiks Fiktion des irrsinnigen konservativen Knäuels gerät im Kontext seiner Kriegskritik völlig zur Farce. Er schreibt auf S. 175: "Man wird die Gewalt nicht aus der Welt schaffen, indem man sie mit Bombenteppichen überzieht. ... Die meisten Menschen verstehen das. Nur die Konservativen, die können das aus irgendwelchen Gründen nicht verstehen." Der letzte Teil ist wirres Zeug, denn kaum anhand einer Frage besser als an der des Bellizismus läßt sich zeigen, daß eine Haltung quer durch verschiedene politische Lager läuft. Unser recht konservativer Altbundeskanzler Helmut Schmidt erzählt, daß die jungen Redakteure der ZEIT, die ich der politischen Mitte zurechne, für Kriegsinterventionen aus humanitären Gründen plädieren, während Schmidt stets davor warne, da Kriege immer humanitär oder völkerrechtlich bemäntelt und diplomatische Optionen fast nie ausgeschöpft würden. Interessanterweise wird man ja feststellen, daß folgende Liste von dezidierten Kriegskritikern: Noam Chomsky, Helmut Schmidt, Peter Scholl-Latour (dem die rechte Wochenzeitung Junge Freiheit oft ein Forum bietet), Benedikt XVI, Oskar Lafontaine (der ein Papstbild im Büro aufgestellt hat), Pat Buchanan (der eine rechtskonservative und strikt nicht-interventionistische Politik vertritt), Amy Goodman und Naomi Klein, aus Persönlichkeiten besteht, die entweder dem sehr konservativen oder dem sehr linken Lager zuzuordnen sind. Im Hinblick auf die USA ist Noam Chomsky übrigens der Meinung, daß es in der Frage der Kriegseinsätze keinen essentiellen Unterschied zwischen demokratischen und republikanischen Präsidenten gibt. Hierzulande sind bellizistische Positionen ein Phänomen der Parteien der politischen Mitte und werden folglich vor allem in Zeitungen wie der FAZ, der WELT und der ZEIT vertreten, aber eher nicht in ausgeprägt rechten oder linken.
Wenn es sich bei Misiks Schrift um ein politisches Pamphlet handelt, ist es dann ein gutes? Das muß verneint werden, denn hinsichtlich politischer Alternativvorschläge, die er leicht hätte plazieren können, bleibt Misik sonderbar brav. Während Dubiel im Kontext seiner Kritik der Meritokratie die Frage der Eigentumsverhältnisse touchiert, hat Misik nicht den Mut, diesen heiklen Punkt explizit aufzugreifen.
Vorbildlich sind Misiks Literaturangaben mit Seitenzahlen, weniger vorbildlich ist die leicht verwirrte amtliche Rechtschreibung (z.B. Großschreibungen von Superlativen auf S. 85). Ein Personenregister fehlt leider.
Kurzweilig ist übrigens der Abschnitt über Ann Coulter (S.66-69), dem atemberaubend provozierenden, eloquenten, langbeinigen, langmähnigen, blonden Gift der amerikanischen Rechten. Coulters Positionen sind meist so überzogen, daß man immer erst eine Satire, aber keine ernsthafte Stellungnahme vermutet. Diesen Verdacht hat man bei Misik leider nicht.Lesen Sie weiter... ›