Es gibt ein kleines, aber sehr gehaltvolles Buch zum Thema Neokonservatismus, das Helmut Dubiel - heute Professor - Ende der achtziger Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter des Institutes für Sozialforschung in Frankfurt verfaßte. Es heißt:
Was ist Neokonservatismus? ( Neue Folge, 313). Auch Robert Misik meint, daß es immer noch lesenswert ist, denn er zitiert häufig daraus. Daß er diese Schrift, der seine viel verdankt, als ein "schmales Bändchen" marginalisiert, ist nicht ganz fair, zumal sein eigenes Buch nur wegen eines breiten Randes und großen Zeilenabstandes dieser Einstufung entkommt.
Trotz seiner Anleihen bei Dubiel bleibt Misik deutlich hinter diesem zurück. Dubiel hatte die Schwierigkeiten der simplifizierten Einordnung politischer Standpunkte auf der eindimensionalen Rechts-/Links-Skala längst festgestellt. Während Dubiel differenziert, vereinfacht Misik radikal. Sein programmatisches Gegenstück zur Differenzierung ist gewissermaßen die Verwirrung oder - wie er sich ausdrückt - "das Knäuel". Er schreibt auf S.19: "Dieses Knäuel nenne ich die neuen Konservativen ...". Im unentwirrten Knäuel hat es freilich leicht den Anschein, als ob die widersprüchlichsten Meinungen aus einer einzigen Quelle stammen würden. Das verleitet Misik zur Auffassung, daß das "Knäuel" irrsinnig und paranoid sein muß. Auf S. 176 (dem Ende zu) heißt es bei ihm: "Möglicherweise sind Konservative einfach nur Gaga im Kopf ..."
Sonderbar, daß ihm gar nicht in den Sinn kommt, daß seine Grobzeichnungen der linken Sache auch schaden könnten. Misik zitiert treuherzig Nicolás Gómez Dávilas schöne Sentenz "Die Parteigänger einer Sache sind in der Regel die besten Argumente gegen sie", als ob ausgerechnet er gegen dieses Verdikt gefeit wäre. Misik neigt zur Maßlosigkeit. Für ihn ist der Philosoph Robert Nozick nicht der Vertreter der Gegenposition zu John Rawls "Theorie der Gerechtigkeit", sondern ein weltfremder Phantast (S.90). Es reicht ihm nicht, den Autoren Gómez Dávila, der politisch überhaupt nicht aktiv war, als Reaktionär oder Erzreaktionär zu bezeichnen. Er sei vielmehr ein "Ultrareaktionär". Wem hilft das, davon abgesehen, daß einem für die echten, von jeder Selbstironie freien, unsympathischen Reaktionäre nun schlicht der Superlativ fehlt?
Misiks Fiktion des irrsinnigen konservativen Knäuels gerät im Kontext seiner Kriegskritik völlig zur Farce. Er schreibt auf S. 175: "Man wird die Gewalt nicht aus der Welt schaffen, indem man sie mit Bombenteppichen überzieht. ... Die meisten Menschen verstehen das. Nur die Konservativen, die können das aus irgendwelchen Gründen nicht verstehen." Der letzte Teil ist wirres Zeug, denn kaum anhand einer Frage besser als an der des Bellizismus läßt sich zeigen, daß eine Haltung quer durch verschiedene politische Lager läuft. Unser recht konservativer Altbundeskanzler Helmut Schmidt erzählt, daß die jungen Redakteure der ZEIT, die ich der politischen Mitte zurechne, für Kriegsinterventionen aus humanitären Gründen plädieren, während Schmidt stets davor warne, da Kriege immer humanitär oder völkerrechtlich bemäntelt und diplomatische Optionen fast nie ausgeschöpft würden. Interessanterweise wird man ja feststellen, daß folgende Liste von dezidierten Kriegskritikern: Noam Chomsky, Helmut Schmidt, Peter Scholl-Latour (dem die rechte Wochenzeitung Junge Freiheit oft ein Forum bietet), Benedikt XVI, Oskar Lafontaine (der ein Papstbild im Büro aufgestellt hat), Pat Buchanan (der eine rechtskonservative und strikt nicht-interventionistische Politik vertritt), Amy Goodman und Naomi Klein, aus Persönlichkeiten besteht, die entweder dem sehr konservativen oder dem sehr linken Lager zuzuordnen sind. Im Hinblick auf die USA ist Noam Chomsky übrigens der Meinung, daß es in der Frage der Kriegseinsätze keinen essentiellen Unterschied zwischen demokratischen und republikanischen Präsidenten gibt. Hierzulande sind bellizistische Positionen ein Phänomen der Parteien der politischen Mitte und werden folglich vor allem in Zeitungen wie der FAZ, der WELT und der ZEIT vertreten, aber eher nicht in ausgeprägt rechten oder linken.
Wenn es sich bei Misiks Schrift um ein politisches Pamphlet handelt, ist es dann ein gutes? Das muß verneint werden, denn hinsichtlich politischer Alternativvorschläge, die er leicht hätte plazieren können, bleibt Misik sonderbar brav. Während Dubiel im Kontext seiner Kritik der Meritokratie die Frage der Eigentumsverhältnisse touchiert, hat Misik nicht den Mut, diesen heiklen Punkt explizit aufzugreifen.
Vorbildlich sind Misiks Literaturangaben mit Seitenzahlen, weniger vorbildlich ist die leicht verwirrte amtliche Rechtschreibung (z.B. Großschreibungen von Superlativen auf S. 85). Ein Personenregister fehlt leider.
Kurzweilig ist übrigens der Abschnitt über Ann Coulter (S.66-69), dem atemberaubend provozierenden, eloquenten, langbeinigen, langmähnigen, blonden Gift der amerikanischen Rechten. Coulters Positionen sind meist so überzogen, daß man immer erst eine Satire, aber keine ernsthafte Stellungnahme vermutet. Diesen Verdacht hat man bei Misik leider nicht.