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Politik des Lebens, Politik des Sterbens
 
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Politik des Lebens, Politik des Sterbens [Gebundene Ausgabe]

Andreas Kuhlmann
5.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (1 Kundenrezension)

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Produktinformation

  • Gebundene Ausgabe
  • Verlag: Fest; Auflage: 1 (2001)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3828601200
  • ISBN-13: 978-3828601208
  • Größe und/oder Gewicht: 20,8 x 13,6 x 2,8 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 5.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (1 Kundenrezension)
  • Amazon Bestseller-Rang: Nr. 1.000.405 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)

Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.de-Redaktion

Das neue Buch von Andreas Kuhlmann, der schon 1995 ("Sterbehilfe") und 1996 ("Abtreibung und Selbstbestimmung") zwei Bücher zu bioethischen Themen vorgelegt hat, hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Wer spannendes und notwendiges Hintergrundwissen zur Entwicklung der Biomedizin und zur bioethischen Debatte sucht, dem kann die Lektüre dieses Buches nur nachdrücklich empfohlen werden.

Der politische und gesellschaftliche Hintergrund der biomedizinischen Herausforderung, wird kenntnisreich ausgeleuchtet: Wie ist es zum Beispiel zum deutschen Embryonenschutzgesetz gekommen? Was waren damals die entscheidenden Argumente in den politischen Lagern und bei den Wissenschaftsorganisationen? Dabei zieht sich eine Problemstellung wie ein roter Faden durch das Werk: Wie lässt sich die politische Herausforderung der Biomedizin in einer liberalen Demokratie bewältigen, die auch insofern plural ist, als ihre Bürger von höchst unterschiedlichen moralischen und weltanschaulichen Einstellungen geprägt sind. Kuhlmann bemüht sich um Differenzierung, er wägt ab, lässt ein breites Spektrum von Positionen zu Wort kommen. Dabei bleibt er aber keinesfalls in der Position des neutralen Beobachters, sondern bezieht politisch und ethisch Stellung.

Hier fangen nun auch die Fragen an. Die argumentative Genese von Kuhlmanns Optionen bleiben oft sehr unklar, er appelliert an Selbstverständlichkeiten, die es keinesfalls sind. Ganz merkwürdig zum Beispiel ist seine Skrupulanz beim Hirntodkriterium -- die ohne Zweifel bedenkenswerte Gründe hat -- gegenüber seiner Großzügigkeit bei der Embryonenforschung, die damit auskommt, Scheinplausibilitäten anzuführen -- wie das "Zellhaufenargument", von dem er zudem weiß, dass es in der englischen Debatte bewusst als Propagandaformel lanciert worden ist. Ganz konkret: Hier hätte humanembryologisches Grundlagenwissen aus einem durchgearbeiteten jüngeren Lehrbuch arg zur Entmythologisierung beigetragen. Dennoch bleibt es dabei: Ein Buch, das die Lektüre wirklich lohnt. Martin Brüske

Perlentaucher.de

Buchnotiz zu : Neue Zürcher Zeitung, 26.04.2001
Biomedizin lässt sich nicht unter reinen Nutzaspekten bewerten, sondern betrifft das kulturelle und moralische Selbstverständnis von liberalen Gesellschaften, die den Glauben an individuelle Freiheit verinnerlicht haben, schreibt Ludger Heidbrink. Andreas Kuhlmanns Buch hält er für einen wichtigen Beitrag zu dieser Debatte. Einfache Antworten auf eine Vielzahl von relevanten Fragen gebe der Autor nicht, informiert der Rezensent. Weder würde hier ein weltanschauliches noch ein philosophisches Programm vorgestellt. Kuhlmann erörtere mit klaren Blick die vielfältigen sozialen, rechtlichen, medizinischen, historischen und moralischen Widersprüche, die mit der Biomedizin verbunden sind. Und damit trifft er für Heidbrink ins Nervenzentrum der biopolitischen Diskussion. Nicht parteiergreifend, sondern, so der Rezensent, umsichtig und mit jeder Menge Diskussionsstoff.

© Perlentaucher Medien GmbH

Buchnotiz zu : Die Tageszeitung, 15.05.2001
Insgesamt ein aufschlussreiches Buch zu Fragen, bei denen man sich nicht in aller Schnelle eine Meinung bilden könne, fasst Werner Bartens die Eindrücke seiner Lektüre zusammen. Damit erklärt er sich auch, dass Kuhlmann, der ausgesprochen sachlich und verständlich die meisten Fragen und Positionen zur Biomedizin darstelle und gründlich abwäge, an zwei Punkten gewissermaßen aus dem Wort und aus der Rolle fällt. So polemisiere er vehement gegen den Umgang mit Teil- und Ganzhirntoten zum Zweck der Organtransplantation, wohingegen er offensiv für die Forschung mit embryonalen Stammzellen eintrete. Das Embryonenschutzgesetz sieht der Autor als restriktiv an, berichtet Bartens. Der Rezensent zeigt sich zwar überrascht von der plötzlichen Heftigkeit der Worte und Argumente, schreibt dies aber dem allgemeinen Meinungskollaps in Sachen Biomedizin zu. Ansonsten bringe der Autor viele strittige Positionen auf den Punkt, lobt Bartens.

© Perlentaucher Medien GmbH


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Am Anfang und ganz am Ende des Lebens sind Patientenautonomie und "Informed Consent" noch nicht oder nicht mehr zu verwirklichen. Stattdessen entscheiden ethische oder religiöse Vorstellungen anderer Menschen über das Individuum.

Die experimentelle Medizin hält für beide Bereiche Ergebnisse und Angebote bereit. Die Sache mit dem Klon-Schaf Dolly passierte 1996: Ein Lebewesen wurde aus dem Erbgut eines erwachsenen Spendertieres mittels Zellkern-Transplantation aus einer Körperzelle hergestellt. Beim Menschen ist die Klonierung strafrechtlich verboten. Die Probleme am Ende des Lebens haben eine vergleichbare ethische Wertigkeit, wie Kuhlmann zeigt und deshalb Sterbehilfe, Hirntoddiagnose und Organtransplantation in eigenen Kapiteln darstellt: "Die totale Therapie", "Der Mensch als Ressource", "Behandlungsverzicht und Sterbehilfe".

Kuhlmann zufolge wurden "Künstliche Befruchtung und Transplantationsmedizin, Gendiagnostik und Gentherapie ... von der Medizin weitgehend unbefragt auf den Weg gebracht." Es gibt nur eine Handvoll Politiker, die sich auf diesem brisanten Feld auskennen. Unterstützt werden sie von ein paar Dutzend Spezialisten aus der Wissenschaft und den wichtigen religiösen, philosophischen und juristischen Lagern, die sich mit vielen Zungen und ebenso unversöhnlich wie medial wirksam streiten. Längst kennen sie alle Argumente der Gegenseite. Neue Fakten aus der Biowissenschaft werden jeweils in einer vertrauten Rang- und Hackordnung weltanschaulicher Positionen und Loyalitäten verortet und entschärft, indem man sie in gängige Begriffsschemata einpasst, beispielsweise die des Embryonenschutzgesetzes von 1991. Neue Lösungen werden vermieden, weil die Fundamentalismen das nicht erlauben. So kommen statt Zukunftsprojekten eher Verbote heraus. Kuhlmann warnt, "dass sie ganze therapeutische Entwicklungsstränge durch staatliche Order einfach kappen."

Wir alle ahnen, dass etwas geschieht, das uns Angst machen muss. Patienten wie Politiker befinden sich in dem gleichen bioethischen Wissensnotstand. Warum kommt kein vernünftiger Diskurs zustande? Weil - so formuliert Jürgen Habermas - der unvermittelte Wissenstransfer aus Wissenschaft, Recht und politischer Ethik in die privaten und öffentlichen Sphären des Alltags schiefgeht. Als unterkomplexer Eingriff führt er nur zur Moralisierung und ruft expressivistische Gegenkulturen, technokratisch durchgesetzte Reformen oder fundamentalistische Bewegungen hervor. Sogar Gewalt ist nicht mehr auszuschließen, wie wir inzwischen erfahren mussten.

Präimplantationsdiagnostik und Stammzellenforschung sind die Schlüsselwörter, bei denen sich die Lager unversöhnlich gegenüberstehen. Will man weiterkommen, sollte man nach den dahinterstehenden Interessen fragen. Warum beispielsweise wird so heftig um die genetische Untersuchung von im Reagenzglas befruchteten Eizellen gestritten, um die Präimplantationsdiagnostik. Praktisch geht es doch lediglich um jene 50 bis 100 Paare pro Jahr, die ohne eine so genannte In-Vitro-Fertilisation keine Kinder bekommen könnten. Ein Nebenergebnis der Präimplantationsdiagnostik ist der eigentliche Punkt. Kuhlmann erläutert: "Die Sterilitätsbehandlung mittels Laborbefruchtung hat frei verfügbare Embryonen entstehen lassen ...". Mit Hilfe der aus solchen überzähligen Embryonen gewonnenen embryonalen Stammzellen lassen sich menschliche Gewebe und vielleicht einmal ganze Organe herstellen. Das könne in Zukunft eine Lösung des Problems der Organspenden ermöglichen und dadurch die medizinethische Diskussion um das Ende des Lebens grundlegend verändern.

Man hoffte, dass mit einer gesetzlichen Grundlage für die Präimplantationsdiagnostik auch die Vorbehalte gegen die Stammzellenforschung und das therapeutische Klonen entfallen könnten - im Interesse der forschenden Industrie und damit später der Heilung von Krankheiten. Kuhlmann weist auf mörderische Praxis der Nationalsozialisten hin und fährt fort: "Menschliches Leben wird in »entwicklungsfähiges« und »überzähliges«, in »wertvolles« und »unwertes« eingeteilt. Der »Ausschuß« wird ohne Hemmungen wissenschaftlichen und therapeutischen Zielen nutzbar gemacht." Im Umkehrschluss werde gefordert: "Allem biologischen Menschenleben soll Menschenwürde zukommen ...".
Der Streit um den Begriff der Menschenwürde wird im Buch ausführlich dargestellt. Schon im Kapitel über die Geschichte von Eugenik und Euthanasie machte Kuhlmann deutlich, wie gut eine Politik auf der Basis moralischer Überlegungen unserem Land ansteht. Dennoch kommt er letztlich zu der Empfehlung, das Embryonenschutzgesetzes von 1991 mit dem Ziel zu ändern, die Forschung an embryonalen Stammzellen zu ermöglichen. Allerdings unter konsequenter staatlicher Kontrolle, wie er an dem funktionierenden Beispiel Großbritanniens darlegt. Kuhlmann selbst glaubt nicht, dass Embryonen um ihrer selbst willen unbedingten moralischen Schutz verdienen. Hier dürfte die Mehrheit der Bevölkerung seine Meinung teilen.

Der Wunsch nach mehr Gesundheit ist legitim. Dagegen wird das Forschungsziel eines fehlerfreien Designer-Babys und erst recht die Suche des modernen Ego nach einer perfekt geklonten Kopie seiner selbst bisher abgelehnt. Man stelle sich die Probleme eines solchen Wesens vor, das die Differenz von genetischer Identität und tatsächlich entwickelter Persönlichkeit gegenüber den Wünschen seiner Erzeuger als Versagen erleben dürfte - schlechte Bedingungen für eine autonome Lebensführung. Kuhlmann entlarvt auch das Heilsversprechen der Hypermedizin: "All das wird dazu führen, dass Abweichungen vom Normalbefund und Normalbefinden auffälliger und aufdringlicher werden - von Makellosigkeit also keine Spur!"

Man kann allen Beteiligten (auch 2009!) die Lektüre des Buches von Andreas Kuhlmann wünschen - vor alllem den Spezialisten, die sich ihre im Hinblick auf Medien und Wähler gestutzten Argumente aufsagen und kaum noch zuhören. Bei Kuhlmann könnten sie das nachholen, denn angesichts einer aufgeheizten Atmosphäre ist ihm etwas Seltenes gelungen: Die ebenso neutrale wie spannende Darstellung einer höchst komplexen Thematik.
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