Wenn wir uns in der Wahlkampfzeit befinden, hören wir von Politikern ständig Ideen und Programme, wie sie die Arbeitslosigkeit verringern, die Konjunktur der Wirtschaft ankurbeln, oder Terrorismus erfolgreich bekämpfen wollen. Natürlich können sie die Versprechen nicht halten. Und die Gesellschaft reagiert darauf dann mit Politikverdrossenheit und Vertrauensverlust. Aber wenn neue Probleme entstehen, wendet sie sich trotzdem wieder an die Politik. In Luhmanns Theorie spielt Politik die Rolle eines Funktionssystems, und ein Funktionssystem kann nicht beanspruchen, für die Gesellschaft zu sprechen. Die Politik ist daher auch nicht das Zentrum der Gesellschaft. Man sollte von ihr keine Wunderdinge erwarten. Politische Steuerung ist eben vor allem Selbststeuerung der Politik.
Nicht, dass man sich das als Laie nicht auch hätte denken können. Aber mit der systemtheoretischen Analyse bekommt man die Möglichkeit, die Politik mit jenem abstrakten Vokabular zu beobachten und zu beschreiben, mit dem auch die anderen Teilsysteme der Gesellschaft analysiert und miteinander verglichen werden können.
Wichtig halte ich die Luhmanns Unterscheidung von Selbst- und Fremdbeschreibungen des politischen Systems. Sein Buch ist zweifellos eine Fremdbeschreibung aus der Perspektive der Wissenschaft (speziell natürlich: Soziologie). Und gerade deshalb werden sich Praktiker und Theoretiker des politischen Systems nicht ohne weiteres zurecht finden. Denn was sollen sie mit einem Satz wie diesem anfangen: „[...] Demokratie wird zum Parasiten [...], der an der Differenz von Herrschenden und Beherrschten ansetzt, sich hier in das System hineinfrisst und sich schließlich zum herrenlosen Herrn erklärt." (S.357)
Ohne Zweifel sind die Analysen Luhmanns scharfsinnig, aber mir scheint, Sprachwitz und Zynismus sind in seinen früheren Texten zur politischen Soziologie besser zur Geltung gekommen, z.B. im leider nicht mehr erhältlichen Buch „Politische Theorie im Wohlfahrtsstaat" aus den frühen 80er Jahren oder auch in den Texten aus „Politische Planung".
In der „Politik der Gesellschaft" findet man nicht viel Neues. Man trifft in dem Buch auf viele alte Bekannte, die nicht unbedingt mit politischer Soziologie, sehr wohl aber mit Luhmanns Gesellschaftstheorie zu tun haben: das symbolisch generalisierte Kommunikationsmedium Macht, Entscheidungstheorie, Differenzierungstheorie, Evolutionstheorie. Das Buch setzt entsprechend kein Vorwissen voraus, aber wie immer gilt: geübte Systemtheoretiker sind im Vorteil. Die Experten werden wahrscheinlich einige der früheren Luhmann-Texte zur Politik kennen. Aber auch für sie könnte es interessant sein zu sehen, wie Luhmann seine alten Ideen in das (mittlerweile auch nicht mehr so neue) Autopoiesiskonzept umgearbeitet hat. Das spricht für das Buch, denn man hat hier alles Wichtige zur politischen Soziologie Luhmanns in einem Band, und zwar „upgedated" auf den neuesten Stand der Theorie, und damit kompatibel zu anderen den Bänden über Funktionssysteme der Gesellschaft.
Oft genug hat man den Eindruck, dass das Buch etwas zu lange geraten ist. Vor allem die zahlreichen (wenngleich lehrreichen) Ausflüge in die Geschichte hätten etwas knapper sicher auch ihren Zweck erfüllt. Halten wir fest: Für Fans gehört „Die Politik der Gesellschaft" in die Sammlung. Andere sollten mal hineinschauen. Gegner der Systemtheorie, die bekehrt werden wollen, sollten lieber andere Bücher von Luhmann lesen: „Die Gesellschaft der Gesellschaft" oder „Ökologische Kommunikation".