Kurzbeschreibung
Über das Buch Als Kurt Waldheim 1986 für das Amt des österreichischen Bundespräsidenten kandidierte, wurde bekannt, daß er Mitglied des SA-Reitersturms war. Keineswegs sanken daraufhin seine Chancen für die Wahl. Im Gegenteil: Unter den Wählern stieg die Zustimmung für seine Person rapide an.
Diese Tatsache macht Josef Haslinger zum Ausgangspunkt seines
Essays über Österreich. Er versucht zu verstehen, welches Verhältnis der Österreicher zur Vergangenheit hat, aber auch welches Verhältnis zur demokratischen Gegenwart durch diese Wahl zum Ausdruck kam. Dabei interessiert ihn Waldheim letztlich nur als politischer Repräsentant einer politischen Stimmungslage, als markantes Ergebnis eines weithin vorherrschenden gesellschaftlichen Klimas. Haslingers Analyse versucht gleichsam das psychosoziale Unterfutter zu sondieren, das Wahlentscheidungen wie die für Waldheim möglich macht. Der Essay wird damit auch zu einer Abrechnung mit der Sozialdemokratie, die, schon bevor Waldheim triumphierte, den Entschluß faßte, von der Vergangenheit dieses Kandidaten (und also auch von der Vergangenheit Österreichs) zu schweigen - eine Kapitulation vor dem Wunsch nach politischem Vergessen und Verdrängen.
Nicht zuletzt ist Haslingers Buch ein wortmächtiges Plädoyer für eine andere Politik, die sich frei macht von dem alten, längst überlebten Lagerdenken, von den längst unfruchtbar gewordenen Gegenüberstellungen von Ost und West, Rechts und Links.
Über den Autor
Josef Haslinger wurde am 5. Juli 1955 im niederösterreichischen Zwettl geboren. Er war Sängerknabe im Zisterzienserkloster des dortigen Stifts und besuchte ab 1969 das Gymnasium in Horn. Nach der Matura 1973 studierte Haslinger Philosophie, Theaterwissenschaft und Germanistik in Wien. 1973 wurde er Mitherausgeber der Literaturzeitschrift »Wespennest« - und blieb es bis 1992. Mit einer Arbeit über
Die Ästhetik des Novalis (in überarbeiteter Fassung 1981 im Hain-Verlag, Königstein, erschienen) promovierte Haslinger 1980 zum Dr. phil. Haslinger arbeitete in den Folgejahren als Wissenschaftler (mit Lehraufträgen und Gastprofessuren in Deutschland, Österreich und in den Vereinigten Staaten), war Mitherausgeber der Gedichte von Hugo Sonnenschein (»Sonka«), veranstaltete internationale Symposien, war von 1986 bis 1989 Generalsekretär der Grazer Autorenversammlung und von 1986 bis 1995 gemeinsam mit Kurt Neumann Organisator der »Wiener Vorlesungen zur Literatur«. Seit 1996 lehrt Haslinger als Professor für literarische Ästhetik am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Im Jahr seiner Promotion und dem Beginn seiner akademischen Laufbahn trat Haslinger mit seiner ersten literarischen Publikation an die Öffentlichkeit: Der Erzählband
Der Konviktskaktus (Autorenedition, München) erschien 1980, fünf Jahre später die Novelle
Der Tod des Kleinhäuslers Ignaz Hajek (bei Luchterhand, später wurde das Werk gemeinsam mit einer weiteren Novelle,
Die mittleren Jahre, als Fischer Taschenbuch veröffentlicht). Ob mit der Streitschrift
Politik der Gefühle. Ein Essay über Österreich (zunächst im Luchterhand Verlag, dann auch als Fischer Taschenbuch) oder mit dem Essayband
Das Elend Amerikas. 11 Versuche über ein gelobtes Land (mit diesem Buch wurde Haslinger 1992 Autor des S. Fischer Verlages) - Haslinger mischte sich ein, war und ist immer auch ein eminent politischer Autor. Auch jenseits des Literarischen wurde dies deutlich: 1992 war er Mitbegründer der antirassistischen Plattform »SOS-Mitmensch«. Haslingers kritische Auseinandersetzung mit sozialer und politischer Wirklichkeit kulminierte dann in einem Roman, der 1995 im S. Fischer Verlag erschien:
Opernball, literarischer Thriller, politische Provokation und Mediensatire, zielte und traf mit der Wahl des Ausgangspunkts (ein Attentat auf den Wiener Opernball) mitten ins Herz der konservativ-rückwärtsgewandten österreichischen Teilöffentlichkeit. Der Roman wurde ein spektakulärer Erfolg bei Kritik und Lesepublikum und 1998 in einer aufwendigen TV-Inszenierung verfilmt. 1996 veröffentlichte Haslinger den Essay
Hausdurchsuchung im Elfenbeinturm (Collection S. Fischer). Josef Haslingers neuester Roman trägt den Titel
Das Vaterspiel - , im August 2000 ist der Band bei S. Fischer erschienen. Im Frühjahr 2001 folgte der Essayband
Klasse Burschen.