Österreich ist keine Insel der Seligen, war es nie oder ist es nicht mehr, wie man das sieht hängt rein vom persönlichen Standpunkt ab. Doch Versprechen die Lage zu verbessern sind es mit denen man sich bei den Wählern Gehör verschaffen kann, weniger durch konkrete Konzepte sondern mehr durch das Gefühl "Unter mir wird's besser". Auch das ist eine Politik der Gefühle, ebenso wie das gerne Heraufbeschworene Trotzverhalten der österreichischen Wähler, die angeblich am Beispiel Kurt Waldheim genau jenen Kandidaten ihre Gunst schenken, welche in der Öffentlichkeit schlecht gemacht und "vernadert" werden. Der österreichischen Politik der Gefühle, besonders anhand des Beispiels Kurt Waldheim ist dieses Essay Josef Haslingers gewidmet und umfasst in Grundzügen eine sehr umfangreiche und tiefschürfende Kritik an meist hingenommen oder verdrängten Missständen in der Zweiten Republik.
Mangelnde Vergangenheitsbewältigung, Erschwernisse für Restitutionsantragsteller, die Verteilung von Doppelstaatsbürgerschaften nur an Prominente mit Verdiensten um die Republik Österreich und das Fortbestehen rechter Verhaltensmuster sind jene Kernthemen die Politik der Gefühle umfasst und anhand des Beispiels Kurt Waldheim analysiert. Dabei zeichnet er scharfes und sehr kontrastreiches Bild der zweiten Republik und fordert grundsätzlich zu kritischen Denken und eingehender Selbstbetrachtungen auf, denn nur anhand der eigenen Fehler kann man lernen diese zu vermeiden (ansonsten bestünde die Gefahr der Ignoranz per "Das würde ich nie machen"). Jene Theorien die Haslinger dabei lanciert sind vielleicht nicht von jedermann erwünscht und stellen auch so manche in diesem Sinne heuchlerische Selbstdarstellung Österreichs in Frage, wie eben die Behauptung Österreich sei Hitlers erstes Opfer gewesen. Das Waldheim-Beispiel zeigt hierbei sehr deutlich wie es möglich ist bei potentiellen Wählern und Unterstützern eine persönliche Betroffenheit zu erzeugen, gewissermaßen den Kritiker als böse und die gegenteilige Botschaft als persönlichen Angriff auf einen selbst darzustellen.
Durch sein Essay liefert Josef Haslinger allerdings auch einen Abriss der politischen Geschichte Österreichs seit 1945 und den Aufstieg der rechtspopulistischen FPÖ, die als Verband der Unabhängigen gegründet auch Zulauf unter ehemaligen Amtsträger der Deutschnationalen gefunden hat. Auch existieren nach wie vor Ehrengräber für ehemalige NS-Granden und sogar Kriegsverbrecher, welche öffentlich allem Anschein nach effektiv totgeschwiegen werden, ebenso wie Antisemitismus, der tabuisiert unentwegt nicht aus der Welt geschafft wurde. Ein sehr eindringliches Beispiel, das unter Verharmlosung zu leiden hat ist bereits das Lied "Lustig ist das Zigeunerleben", welches in unübertroffener Klischeehaftigkeit seinen Anteil an der Vernichtung dieser Volksgruppen hatte und im Zusammenhang mit heutigen Angriffen noch hat, wobei es als "Volkslied" durchaus noch im Musikunterricht gelehrt wird.
Fazit:
Ohne Zweifel, Josef Haslingers Buch ist eindeutig von linken Tendenzen geprägt, doch es ist zugleich ein Augenöffner für all die hässlichen Seite an der zweiten Republik, all der Probleme die verdrängt und trotzdem nicht gelöst werden.