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Politik mit der Erinnerung. Gedächtnisorte im Streit um die nationalsozialistische Vergangenheit
 
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Politik mit der Erinnerung. Gedächtnisorte im Streit um die nationalsozialistische Vergangenheit [Taschenbuch]

Peter Reichel
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Produktinformation

  • Taschenbuch
  • Verlag: Fischer (Tb.), Frankfurt; Auflage: Überarb. Ausg. (1999)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3596141443
  • ISBN-13: 978-3596141449
  • Größe und/oder Gewicht: 18,8 x 12,4 x 2,2 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 4.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (1 Kundenrezension)
  • Amazon Bestseller-Rang: Nr. 351.253 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)

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Peter Reichel
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Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.de-Redaktion

Macht hat mindestens drei Gesichter. Neben der Durchsetzungsmacht und der Macht, etwas zu verhindern, zeigt sich ihr drittes darin, Themen zu "besetzen" und Interpretationen vorzugeben. Letzteres spielt bei der Politik mit der Erinnerung die Hauptrolle.

Der Politikwissenschaftler Peter Reichel, unter anderem bekannt geworden mit seiner Untersuchung Der schöne Schein des Dritten Reiches. Faszination und Gewalt des Faschismus, deckt am Beispiel des Nationalsozialismus die Zerrissenheit und tiefen Klüfte der deutschen Erinnerungslandschaft auf. Erinnerung, so weiß man nach der Lektüre des Buches, ist auf ebenso vielerlei Weise möglich wie es "Erinnerungsvirtuosen" gibt. Wissenschaftler, Pädagogen, Psychologen, Künstler und Politiker sind dabei mehr oder weniger verwoben in ein Netz aus Kommerzialisierung, Trivialisierung und Fiktionalisierung der Vergangenheit. Über den Nutzen kollektiver Erinnerung für die demokratische Kultur herrscht jedoch kein Konsens. Wie umstritten diese Fragen sind, belegen immer wieder aufs neue Auseinandersetzungen um den richtigen Weg der Erinnerung. Der Streit um die adäquate Einbeziehung der stalinistischen Verbrechen im "Speziallager 2" als Fortsetzung des nationalsozialistischen Konzentrationslagers Buchenwald steht hierfür genauso wie die Kontroverse um die nationale Holocaust-Gedenkstätte in Berlin.

Immer wieder streift Reichel das schwierige Zusammenwachsen der heterogenen westdeutschen mit der ostdeutschen Erinnerungskultur. Denn dort, wo die nationalsozialistische Vergangenheit kategorisch negiert wurde und Gedenkstätten verbindlich als antifaschistische Widerstands- und Befreiungsdenkmäler interpretiert und instrumentalisiert wurden, vollzog sich nach der Wiedervereinigung im Zeitraffer dieselbe Entwicklung, für die die Altbundesrepublik 40 Jahre Zeit hatte.

Peter Reichel gelingt es, dem Leser die verschiedenen Facetten des Themas scharfsinnig im Inhalt und ausgefeilt im Stil nahezubringen und damit eine verworrene aktuelle Diskussion nachhaltig aufzuhellen. --Manfred Schwarzmeier

Neue Zürcher Zeitung

Selektives Erinnern

Peter Reichels Streifzug durch die deutsche Erinnerungskultur

Von Urs Strässle

Wolle man die Menschen kennenlernen – schreibt Jean-Jacques Rousseau in seinem pädagogischen Roman «Emile» –, müsse man sie handeln sehen. Daher er seinem Zögling die Beschäftigung mit der Geschichte besonders ans empfindsame Herz legte. Denn in ihr – so der Feind jeglichen papiernen Wissens – präsentiere sich das Menschenwerk ganz unverhüllt.

Dabei war für Rousseau zweierlei undenkbar: Dass der Blick in die Geschichte 200 Jahre später den Nachlebenden zur kollektiven Last werden könnte und dass dieser stets auch verhüllt. Beides gilt in besonderem Mass für die jüngste deutsche Geschichte, deren historischer Fokus unausweichlich die nationalsozialistische Vergangenheit bildet. Wie präsent der Schatten des NS-Erbes in Deutschland ist, lässt sich an den besonderen Schwierigkeiten deutscher Aussenpolitik ebenso ermessen wie an den zahlreichen historischen Debatten um den angemessenen Umgang mit der NS-Vergangenheit; Debatten, welche in Deutschland seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges stets mit besonderer Verve geführt wurden. Die deutsche Vereinigung von 1989 liess diese Diskussionen zudem in einem neuen Licht erscheinen: in jenem des innerdeutschen Systemkonflikts, mithin im Licht zweier konkurrierender Weisen einer «Politik mit der Erinnerung».

Dies ist auch der Titel eines auf zwei Bände angelegten kritischen Rückblicks auf die deutsch-deutsche Erinnerungskultur, welche der Historiker Peter Reichel vorgelegt hat. Den Begriff Erinnerungskultur grenzt der Autor dabei ein auf «die zum Zwecke öffentlichen Erinnerns eingerichteten Gedächtnisorte» wie Bibliotheken, Museen, Baudenkmäler, Mahnmale und Gedenkstätten, aber auch Gedenktage.

Reichels Streifzug durch die deutsche Erinnerungslandschaft führt zunächst nach München und Nürnberg, den einstigen Zentren der nazistischen Bewegung, wo die architektonischen Spuren des Dritten Reiches, von Berlin abgesehen, noch am häufigsten anzutreffen sind; nach Frankfurt und Hamburg, wo Gedächtniskirchen die Erinnerung an Krieg und Zerstörung aufbewahren, zu zahlreichen Denkmälern für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft, in ehemalige Konzentrationslager in Ost und West und schliesslich nach Berlin, der einstigen und zukünftigen deutschen Hauptstadt. Historische Spurensuche nach den verstreuten steinernen Zeugen des NS-Terrors, Exkurse über denkmalarchitektonische Fragen nach der Darstellbarkeit des Grauens und nach der Versinnbildlichung der Nation sowie ein geschichtlicher Abriss über das in Ost- und Westdeutschland gleichermassen selektive Erinnern an die NS-Vergangenheit verbinden sich so in Reichels Buch zu einem grossen Panorama deutsch-deutscher Geschichtspolitik, welches lobenswerterweise bis ins Jahr 1994 reicht.

Sein Vorzug und Mangel zugleich ist vielleicht die darin präsentierte Materialfülle, lässt diese doch zuweilen fast vergessen, was den Wert von Reichels Arbeit ausmacht. Dieser liegt zuallererst in der zwar nicht neuen, doch gewiss immer wieder denkwürdigen Erinnerung daran, dass die Formen des Eingedenkens selbst immer «Amnesie und Anamnese» zugleich sind. Inwiefern die Form der Präsentation von Gedächtnisorten mehr über «die Motive und Geschichtsbilder der Denkmalsetzer als über das zu vergegenwärtigende Ereignis» verraten, inwiefern sich in der solcherart versinnbildlichten «mémoire volontaire» gerade die «mémoire involontaire» als das Verdrängte ausspricht, dokumentiert Reichel u. a. am Beispiel von KZ-Gedenkstätten.

Das Andenken an die Opfer des NS- Terrors in den Konzentrationslagern ist zweifellos die schwierigste Aufgabe, die sich den Deutschen bei der Aneignung ihrer Geschichte stellt. Dass in der BRD die Einrichtung von KZ-Gedenkstätten weit zögerlicher verlief als in der DDR, begründet Reichel damit, dass die BRD als Rechtsnachfolgerin des untergegangenen Deutschen Reiches auch das historische Erbe Nazideutschlands nolens volens übernehmen musste. Während die DDR sich politisch gerade in Abgrenzung zum NS-Staat aus der Tradition des revolutionären Sozialismus und damit zugleich des Antifaschismus legitimierte, sah sich die BRD genötigt, sich mit der Vergangenheit als eigener auseinanderzusetzen. Mit den Opfern der NS-Gewaltherrschaft beschäftigte sich die kollektive Erinnerung in der BRD intensiver erst seit den siebziger Jahren, und selbst dann noch bezeugen die Erinnerungsgesten oft vor allem das Bemühen, die schmerzhafte Geschichte zu neutralisieren: durch eine auffällige Anonymisierung der Opfer wie der Täter oder durch Dokumentationen, welche die Geschichte der Konzentrationslager gleichsam aus der Geschichte des nazistischen Deutschlands herausschneidet.

Demgegenüber verfolgte die DDR bis in die achtziger Jahre hinein eine andere Erinnerungsstrategie: Das Andenken an die KZ-Opfer galt weit weniger den Juden als dem kommunistischen Widerstand. So wird mit den Opfern staatlich sanktionierter Gewalt Politik mit der Erinnerung gemacht, wird Geschichte zu einem «hoch bedeutsamen politischen Kapital»: hüben selektionierte man die Opfer, und drüber weitete man den Opferbegriff auf das ganze deutsche Volk aus.

Für eine verantwortliche Pflege der aktuellen Erinnerungskultur, die Reichel ganz unpolemisch als «säkular, bürokratisch und kommerziell organisiert sowie politisch instrumentalisiert» bezeichnet, bedeutet dies, dass Gedächtnisorte nicht nur Ereignisse in Erinnerung zu rufen haben, sondern dass in ihnen auch noch ihre (Nach-)Geschichte als Orte des Gedenkens aufzubewahren ist. Solches Erinnern an die Geschichte der Erinnerung soll daran mahnen, dass jegliches Erinnern, da selektiv, auch ein Vergessen ist. Damit entgeht man nicht dem Verdikt Kosellecks, welches dieser in bezug auf das im November 1993 in Berlin eingeweihte Nationale Mahnmal «Neue Wache» kritisch geäussert hatte. Für den Historiker – so Koselleck – sei bei der Konzeption von Gedenkstätten das Verschwiegene mindestens ebenso entscheidend wie das Ausgesagte. Das Vergessen lässt sich kaum vermeiden, wohl aber ein geschichtsblindes «Gedenken ohne Gedächtnis». -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.



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2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
50 Jahre Erinnerungskultur 28. August 1999
Von Ein Kunde
Format:Taschenbuch
27. Januar, 8. Mai, 20. Juli und 9. November. Diese Daten stehen stellvertretend für den bundesdeutschen Kalender des Gedenkens an die nationalsozialistische Vergangenheit und an die unsäglichen Verbrechen, die sich im deutschen Namen ereignet haben. In den vergangenen 50 Jahren Bundesrepublik wurden diese Gedenktage in den unterschiedlichsten Dimensionen und Formen wahrgenommen, je nachdem, ob es sich um "einfache" oder "runde" Jahrestage handelte. Sie wurden stets begleitet von einer interessierten Öffentlichkeit, wenn auch mit unterschiedlichen Bewertungen im In- und Ausland. Nicht selten entwickelten sich daraus jedoch heftige politische Komplikationen, manchmal sogar mit weitreichenden Folgen. Und genau die Untersuchung der öffentlichen Diskussionen, die sich im Vorfeld oder im Anschluß an diese Gedenktage ereigneten, hat sich Peter Reichel in seinem Buch zur Aufgabe gemacht. Der Besuch Ronald Reagans auf dem Soldatenfriedhof in Bitburg, die Rede Richard von Weizsäckers zum vierzigsten Jahrestag des Kriegsendes, die Nicht-Einladung deutscher Veteranen zum D-Day-Gedenken oder auch die Jenninger-Rede - alle diese Versuche, sich von politischer Seite der jüngsten deutschen Vergangenheit zu stellen, beleuchtet der Autor in ihren deutschen und ausländischen Facetten. Aber nicht nur die Gedenktage und ihre Gedenkkultur werden von Reichel untersucht, sondern er wendet sich auch den (an)faßbaren Hinterlassenschaften der NS-Zeit zu. Da sind es zunächst einmal die architektonischen Relikte, die mehr oder weniger erkennbar in deutschen Städten an die braune Vergangenheit erinnern und der Umgang der kommunalen Verwaltungen damit. Daneben haben aber auch die sichtbarsten Denkmale für den Terror, die ehemaligen Konzentrationslager,wie Reichel nachweist, eine wechselvolle Nachkriegsgeschichte erfahren müssen, die einen Blick auf 50 Jahre Vergangenheitsbewältigung in Deutschland werfen läßt. Peter Reichel bietet in diesem Werk einen kompakten Einblick in das politische Selbstverständnis des Nachkriegsdeutschlands und stellt sich - Stichwort: Holocaust-Mahnmal - den Diskussionen, welche die jüngste Vergangenheit präg(t)en. Deshalb: Sehr empfehlenswert ! (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)
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