Ich habe Polina Semionova bisher viel zu selten auf der Bühne erleben dürfen. Die wenigen Male aber haben sich in mein Gedächtnis und in mein Herz eingebrannt: sie ist in ihrer unvergleichlichen Leichtigkeit, ihrer technischen Präzision, ihrem Witz und ihrer Präsenz eine ganz besondere Primaballerina. Andere vergleichbare Größen der Ballettbranche bewundert man, in Polina verliebt man sich.
Wer hier (meist in Berlin beim Staatsballett) so anmutig und souverän auf der Bühne agiert und dabei optisch auch noch einem Top-Model gleicht, ist jedoch keine vom Leben verwöhnte Prinzessin, sondern eine toughe, sehr viele Widerstände überwindende, mit größtmöglicher Disziplin und enormen Durchhaltevermögen agierende Hochleistungssportlerin, die das Glück hatte, mit ihrer Großmutter, den Eltern und dem einen und anderen "hellsichtigen" Mentor, Menschen um sich zu haben, die an sie glaubten - gegen alle (massiven oder verdeckten) Vorbehalte der Moskauer Bolschoi-Akademie-Ballett-Lehrer/innen.
Der Autor Gerhard Haase-Hindenburg schildert auf eine sehr angenehme, leise Weise den Weg der Polina vom Stadtrandplattenbau auf *die* Bühnen der Welt. Kindheit und umjubelte Gegenwart werden geschickt miteinander verzahnt und wir erfahren viel über Polina als Kind und Jugendliche, ihre liebe- wie aufopferungsvolle Familie, den ebenfalls hochbegabten Tänzer-Bruder (der übrigens wie sie bei Malakhov in Berlin tanzt), die fiesen Intrigen in der Bolschoi-Akademie, bekommen interessante Informationen über heutige Kollegen und die von Polina bewunderten Lehrer und Legenden der Ballettkunst.
Ein kurzweiliges, erhellendes Buch, das völlig uneitel daherkommt: zum einen, weil Polina selbst die Bescheidenheit in Person sein muss, und zum anderen, weil der Autor es hier bei diesem biografischen Werk ihr gleich tut.
Nicht nur für Ballettfans eine Empfehlung - auch für all' diejenigen, die wissen wollen, wie man seine großen Zielen erreicht: mit konsequenter Arbeit und Glaube an sich selbst.
Ein wirklich schönes Buch.