"Meine Helden stemmen sich gegen die Welt - und scheitern."
So hat sich Regisseur Leos Carax einmal geäußert.
"Pola X" stellt da keine Ausnahme dar, sondern vereint sogar auf verschiedenen Ebenen gleich mehrere Gescheiterte, denn ebenso wie den Hauptprotagonisten Pierre könnte man auch Herman Melville, Autor der desaströs erfolglosen Romanvorlage, den viel zu jung verstorbenen Hauptdarsteller Guillaume Depardieu, den Film selber und seinen zumindest mit ihm gescheiterten Regisseur Carax, der sich selbst als "Bruder im Geiste" und Seelenverwandten Melvilles bezeichnet, als an der Welt gescheiterte rebellierende Helden sehen.
Von eher sperrigen Filmen, die ziemlich schwere Kost und daher nicht jedermanns Sache sind, sagt man oft, daß sie polarisieren.
Von "Pola X" kann man dies nicht unbedingt sagen, da der Film bei seinem Erscheinen 1999 sowohl von den Kritikern als auch vom Publikum größtenteils verhalten aufgenommen wurde und sogar im doch recht kunstkinobeflissenen Frankreich eher sang- und klanglos untergegangen ist - was bei Namen wie Leos Carax, Guillaume Depardieu und Catherine Deneuve, einer Romanvorlage von Herman Melville (die ich nicht kenne, Vergleiche hierzu können von mir also nicht gezogen werden) sowie bei Schauwerten wie der mit damals 56 Jahren immer noch schönen Catherine Deneuve in der Badewanne und einer bestätigt unsimulierten Sexszene schon erstaunlich ist.
Muss es sich darum um einen schlechten Film handeln?
Ich meine nein - im Gegenteil.
Im übrigen weiß man bei Carax ja eigentlich auch von vornherein, daß Massenkompatibilität nie sein primäres Ziel war und im direkten Vergleich finde ich "Pola X" nicht unbedingt sperriger als Carax' deutlich erfolgreicheren "Die Liebenden vom Pont Neuf".
Dennoch sollte man schon ein gewisses Faible für ungewöhnliche Filme fernab vom üblichen Hollywood-Mainstream haben, um sich an "Pola X" heranzuwagen.
Ungewöhnlich bereits der Titel "Pola X", wobei "Pola" ein Akronym für die adaptierte Romanvorlage "Pierre ou Les ambiguités" ist und das X für "aus-x-en" steht, also einen Text so ausstreichen, daß er darunter noch erkennbar bleibt, was sich auf die Verlegung der Vorlage von 1852 in die Gegenwart beziehen dürfte - wobei sich der Film, obwohl vom Setting und Requisiten wie modernen Motorrädern, Mobiltelefonen und Computern eindeutig in der Gegenwart spielend, einer inhaltlichen Zuordnung in eine bestimmte Zeit auf eigenartige Weise entzieht.
Aber dazu später.
Der Diplomatensohn Pierre (Guillaume Depardieu) lebt mit seiner verwitweten Mutter Marie (Catherine Deneuve) in einem schlossartigen Anwesen in der Normandie, nicht weit von Paris.
Die beiden haben eigentlich allen Grund, glücklich und zufrieden zu sein, sind sie doch ebenso schön wie reich und sorglos.
Motorradfahren, Reiten und Golfspielen gehören ebenso zu ihrem Alltag wie die täglichen Besuche Pierres, der gerade seinen ersten Roman überaus erfolgreich veröffentlicht hat, bei seiner hübschen Cousine Lucie, die er bald zu heiraten gedenkt.
Die Beziehungen zwischen Pierre, Marie, Lucie und ihrem Bruder Thibault scheinen jedoch von diffusen Eifersüchten und Besitzansprüchen der drei Letztgenannten auf Pierre überschattet zu sein, wobei die extrem enge Beziehung zwischen Pierre und Marie, die sich gegenseitig mit "Bruder" und "Schwester" anreden, nahezu inzestuöse Züge zu tragen scheint, und auch von außen scheint etwas auf diese verschworene und gefährlich enge Familiengemeinschaft zuzukommen:
Als Pierre und Marie eines Tages spät nach Hause kommen, treffen sie eine ihnen unbekannte, verwahrloste junge Frau dabei an, ihren Müll zu durchwühlen.
Dieselbe junge Frau beginnt daraufhin, Pierre sowohl in seinen Träumen als auch in der Realität zu verfolgen.
Als er sie eines Tages "stellt" und auf einer Erklärung beharrt, erzählt sie ihm eine verworrene Geschichte:
Seine ältere Halbschwester Isabelle sei sie, das Ergebnis einer Liaison seiner Mutter mit einem Russen.
Sie wolle nichts von ihm und seiner Familie und habe ihn lediglich sehen wollen, so beteuert sie.
Pierre ist verwirrt, weiß auch nicht, ob er der seltsamen Fremden Glauben schenken soll, aber eines spürt er instinktiv, nämlich, daß er sein Leben lang auf irgendetwas gewartet hat, was ihn sein privilegiertes Leben hinterfragen und zu neuen Ufern aufbrechen ließe.
Und so beschließt er spontan, sich fortan um Isabelle zu kümmern, bricht alle Brücken hinter sich ab und zieht mit ihr nach Paris.
Ein unaufhaltsamer Abstieg beginnt, ein düsterer Selbstfindungs- oder vielmehr -zerstörungstrip, der letztlich nur in einer Katastrophe enden kann...
Subtilität war nie Carax' hervorstechendstes Stilmittel, und so präsentiert er uns auch hier die ganz große Oper.
Ob er Umberto Ecos Abhandlung über "Casablanca" kannte, in der dieser feststellte, dieser Film sei gerade deshalb DER Inbegriff von Kino, weil er so hemmungslos in die vollen greife in dem Bewusstsein "Zwei Klischees sind lächerlich, hundert Klischees sind ergreifend und erreichen zusammen geradezu homerisches Format"?
Genau nach diesem Prinzip funktioniert jedenfalls auch "Pola X", und so sehen wir in den Anfangsszenen, in denen Pierre, Marie und Lucie sowie ihr sorgloses Luxusleben vorgestellt werden, eine schöne heile Welt, wie sie schöner und heiler nicht sein könnte:
Ein traumhaftes Schloss in der Normandie, saftig grüne Wiesen, romantische Brücken über idyllische Bäche, leuchtend weiße Schwäne, edle Rösser - und mitten darin schöne, erfolgreiche und -vermeintlich- glückliche Menschen, die sich bevorzugt weiß kleiden.
Einmal wird Lucie vor dem Spiegel einen hellsandfarbenen Pulli an- und sogleich wieder ausziehen mit der Feststellung, diese dunkle(!) Farbe sei so deprimierend.
Passenderweise heißt auch Pierres gerade veröffentlichter Bestseller "A la lumière" - "Im Licht".
Beginnend mit Pierres erster Begegnung mit Isabelle ist es dann vorbei mit der schneeweißen heilen Welt im Licht.
Fast wie eine Geistererscheinung mutet diese seltsame bleiche, natürlich dunkel gekleidete Gestalt mit wirrem Haar, schweren Akzent und ihrer tranceartigen Stimme an.
Obwohl Pierre sich zunächst nicht sicher ist, ob er der Unbekannten und ihrer Geschichte Glauben schenken soll, beginnt er, im Haus nach eventuellen Spuren der Vergangenheit zu suchen und schlägt dabei wie ein Wilder eine zugemauerte Tür ein - um festzustellen, daß sich dahinter nichts weiter als ein baufälliger leerer Raum befindet.
Die Antwort auf Maries Frage, was er denn erwartet habe, wird er ihr schuldig bleiben, aber uns Zuschauern bietet sich jetzt zum ersten Mal ein weniger schöner Blick auf das Anwesen und wir sehen baufällige Flure, Treppenhäuser und die ruinenartige Rückseite des Schlosses, von dem uns Carax zuvor nur die blendend schöne Vorderfassade gezeigt hatte.
Die schöne heile Welt - nichts als Fassade, ein potemkinsches Dorf?
Von dem Moment an, in dem Pierre sich entschließt, alle Brücken hinter sich abzubrechen und mit Isabelle nach Paris zu gehen, macht der Film es einem als Zuschauer zunehmend schwerer, ihn zu mögen, denn je mehr Pierres unaufhaltsamer Abstieg voranschreitet, desto mehr schwelgt Carax in dessen extremer Überzeichnung:
Bereits aus einem Taxi wird die ungepflegte Gesellschaft (Isabelle hat noch ein Kind und eine Frau im Schlepptau) hinauskomplimentiert, ein Mittelklassehotel verweigert ihre Aufnahme und so landen sie zunächst in einer schmuddeligen Absteige und später in einer heruntergekommenen Fabrikhalle.
Pierres weniges mitgenommenes Geld neigt sich dem Ende, seine Verlegerin verweigert ihm einen Vorschuss auf sein neues Buch, in dem er über die "Wahrheit" schreiben will und die literarische Welt, die nach seinem erfolgreichen Erstling ein weiteres Meisterwerk erwartet, ist fassungslos ob des wirren Geschreibsels, welches Pierre, inzwischen offenbar krank und mit zunehmend verwirrtem Blick frierend zu Papier bringt.
Auch in puncto Schauspielerführung und -ausstattung illustriert Carax sein Bild eines selbstzerstörerischen Niederganges so plakativ, daß es manchmal schon nerven kann:
Zunehmend dunkle Kleidung, rudernde Arme und Wahnsinn im Blick bei Pierre, statt der unauffälligen Brille auf einmal ein grauenvolles Kassengestell, bei Marie über fast die ganzen Wangen verschmiertes Make-Up, Lucie trägt auf einmal eine braune Wollstola (wo kommt die her, so ein Teil hätte man in ihrem Besitz nie erwartet?) - nein, "weniger ist mehr" ist eindeutig nicht Carax' Motto...
Schwere Kost also, die zumindest mich vordergründig teilweise zum Kopfschütteln gebracht hat, das gebe ich zu.
Formal ist der Film jedoch perfekt durchkomponiert und entwickelt schnell eine sogartige Faszination, die noch dadurch verstärkt wird, daß er sich Zeit nimmt und dadurch auch dem Zuschauer Zeit lässt, das Geschehen bereits während des Sehens zu verarbeiten und sich seine eigenen Gedanken dazu zu machen.
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