Um es kurz zu machen: "Poker!" ist das mit Abstand schlechteste Pokerbuch, das ich jemals gelesen habe. Beim Lesen fällt sofort die holprige und teilweise sehr hölzerne Sprache auf, die der Autor verwendet. Zunächst war ich der Meinung, dass es sich hierbei um eine Übersetzung handelt - doch da der Autor Alex Lauzon in Wien geboren ist liegt der Verdacht nahe, dass das tatsächlich sein Werk in Muttersprache ist. Auch findet sich im Impressum kein Hinweis auf einen Übersetzer - allerdings einen Hinweis auf einen Lektor, was bei der minderwertigen Sprachqualität tatsächlich verblüffend ist.
Zunächst einmal: Der Autor benutzt gerne Ausrufezeichen! Und zwar hinter jedem zweiten Satz! Manchmal auch drei hintereinander!!! Das ist ausgesprochen nervig! Vorallem dann, wenn das Ausrufezeichen als Satzzeichen völlig fehl am Platz ist! Kann es wirklich sein, dass teilweise auch an Stellen, an die ein Fragezeichen gehört, ein Ausrufezeichen gesetzt wurde! Ja, es kann!
Beispiele (zufällige Stelle des Buches aufgeschlagen, gleich ein Volltreffer): "Nur kein Ass! Bitte, allerliebster Dealer! Nur kein Ass!" oder "Chips, die jetzt alle Ihnen geören! Alle! Sie haben es geschafft! Sie haben gewonnen!" (Seite 192) Das Buch wimmelt von fehlplatzierten Ausrufezeichen, schon der Titel ("Poker!") deutet es an.
Noch ein absolutes Highlight in der Ausrufezeichenwelt ist folgender Satz, der wirklich genau so in dem Buch zu finden ist: "Die geschätzte Gewinnsumme von Johnny Moss: 2 Millionen Dollar (anno 1949!!!)!" (S. 218)
Ein weiterer Grund, warum das Buch so grottig ist und teilweise schon fast wieder witzig wird: Die Übersetzung englischer Fachbegriffe. Ausnahmsweise ist Lauzon zwar einer der Autoren, die "checken" nicht mit "schieben" übersetzten - aber es geht noch viel schlimmer. Da werden aus "Pot Odds" "Pottquoten", aus einem "Pocket Pair" wird ein "Taschenpaar" oder "Bunkerkarten" (S. 73), eine "preflop" Situation wird zu "präflop", "King high" wird zu "K hoch", die "Idiot End Straight" wird zur "Narrenstraße" (S. 207), aus den "blinds" wird der "Blindeinsatz", der "final table" wird der "Finaltisch", aus "top pair" wird das "Hochpaar" (S. 73) und "overpair" das "Überpaar" (S. 97). Ich schätze mal, Lauzon meint einen "unexperienced gambler", wenn er vom "unerfahrenen Knobler" (S. 147) spricht. Der absolute Oberhammer: aus einem Straight- oder Flushdraw wird ein (sic!) "Flush- oder Straßeneingang" (S. 225). Teilweise auch ein (sic!) "Flushkauf" (S. 207) Und auch wunderschön und zum Tränen lachen ist der Satz der wirklich so in dem Buch zu finden ist, auf Seite 100: "Ihre eigene Situation hat sich durch das Vierflush und die Bauchschussmöglichkeit auf eine Narrenstraße verbessert!" Der "gutshot straight draw" wird also tatsächlich zur "Bauchschussmöglichkeit". Das obligatorische Ausrufezeichen am Satzende kann da nichts mehr rausreißen. Es ist schon wirklich ausgesprochen komisch zu lesen, wenn er andere Spieler versucht zu lesen und unter anderem folgende Möglichkeit in Betracht zieht: "Er hält ein Überpaar (A - A, K - K, Q - Q) im Bunker" (S. 97).
Lauzon scheint neue Fachbegriffe mit der Tischklassifikation "akiv/locker", "aktiv/verhalten", "passiv/locker", "passiv/verhalten" einführen zu wollen. "locker" und "verhalten" scheinen hierbei die Pendants zu "loose" und "tight" zu sein, "aktiv" und "passive" scheinen "aggressive" und "passive" zu bedeuten.
An einer Stelle zitiert er in wörtlicher Rede, wie Pokerspieler am Tisch reden würden, ich zitiere ihn hier wieder wörtlich, Seite 64: "Immer kaufst du dich gut am River! Weißt du nicht, dass du schon lange hättest passen müssen?" - also mal ehrlich, in meiner Auflage vom Duden ist "sich gut kaufen" noch nicht enthalten. Möglicherweise bringt aber Lauzon zusammen mit seinem Lektor den "Duden! Die ganz neue Rechtschreibung!!!" heraus.
An einer Stelle bezeichnet er Jo Hachem statt als "Chipleader" als "Cheapleader" (S. 224), wodurch ich tatsächlich Tränen gelacht habe. Zugegeben, das scheint ein Tippfehler gewesen zu sein - aber ein verdammt witziger!
Folgende Stelle ist leider keine Seltenheit: "Meine Überlegung: Ein riskanter Spieler, der hoffte, am River zu kaufen, was aber nicht der Fall war. Vielleicht hat er ein A und spekulierte mit einer Paarung." (S. 123) Wiebitte? Ein "riskanter Spieler"? Eher wohl ein Spieler, der riskant spielt. Er will "am River kaufen"? Er versucht eher, am River den Pot zu stehlen. Er "spekulierte mit einer Paarung"? Eher hat er darauf spekuliert, dass sich sein Ass paart!
Das Buch ist voller solcher Schnitzer, bei denen man fast glauben könnte, Autor und Lektor hätten zusammengenommen kein höheres Sprachniveau als ein durchschnittlicher Siebtkläßler. Es ist grauenhaft!
Weshalb man oft denken könnte es handelt sich um eine schlechte Übersetzung liegt daran, dass der Autor teilweise Sätze schreibt wie "Spielen sie nicht, wenn Sie müde sind, überarbeitet, in schlechter Verfassung - oder gar unter dem Einfluss von Alkohol". Auf Englisch gibt es sehrwohl die Konstruktion "to be under the influence (of alcohol)", auf Deutsch würde man eher sagen "Spielen sie nicht [...] alkoholisiert" - sonst klingt es einfach hölzern. Der Plural des Wortes "Bonus" ist laut Lauzon und dessen Lektor "Bonusse" (S. 208). Wie gerne würde ich auf ein Paar Atlassen eine Stelle finden, an der es einige Kaktusse gibt und die beiden in die Wüste schicken.
Abgesehen davon, dass man das Buch nicht lesen kann, weil es einfach von Grammatikfehlern nur so wimmelt, hat Lauzon auch spielerisch nichts neues beizutragen. Er schreibt das übliche bla-bla über Starting Hands, das jeder Amateurpokerspieler sich innerhalb von 10 Minuten im Internet anlesen kann. Immerhin ein gutes hat das Buch: Referenzen auf andere Bücher. Und da zitiert Lauzon andere Bücher, die tatsächlich empfehlenswert sind, insbesondere die ausgezeichneten Bücher von Sklansky oder Doyle Brunsons "Super System". Bücher, die man sich statt "Poker!" kaufen sollte - es sei denn man möchte die peinlichen Schnitzer von Lauzon selbst lesen, bevor man sie glaubt.