Der "Orientexpress", die "Transsibirische Eisenbahn" oder die hochgelegenen Andenbahnen sind mehr als nur Meisterleistungen der Ingenieurskunst. Ihrem vordergründigen Zweck als reines Fortbewegungsmittel spricht Patrick Poivre d'Arvor eine wahre "Poesie der Züge" zu. In seinem faszinierenden Bildband "Legendäre Eisenbahnreisen" stellt der französische Autor insgesamt elf sagenhafte Bahnstrecken vor, die in ihrer Einzigartigkeit immer wieder zu poetischen Betrachtungen anregen.
"Die Fahrt im Gebirge beträgt vierzig Meilen und dauert acht Stunden. Sie sollte eine ganze Woche in Anspruch nehmen, weil sie so interessant, aufregend, wild und entzückend ist." Kein Geringerer als Mark Twain verfasste diese Worte beim Ausblick aus den Fenstern des "Toy Train" auf die Hochebenen des Himalaya. Dieser "Spielzeugzug", der die indischen Städte New Jalpaiguri und Darjeeling verbindet, erklimmt die schwindelerregende Höhe von 2258 Metern. "Wild" kann man seine Fahrt allerdings nicht gerade nennen, bewegt er sich doch mit einer Höchstgeschwindigkeit von 15 Stundenkilometern über unzählige Serpentinen, Schleifen und Brücken hinweg - daher auch sein Name. 1999 schaffte es die "Spielzeugbahn" jedoch im Eiltempo auf die Liste des "Unesco"-Weltkulturerbes.
So gemütlich wie bei der Fahrt mit dem "Toy Train" ging es auf Eisenbahnreisen allerdings nicht immer zu. Autor Patrick Poivre d'Arvor weiß noch ganz andere Geschichten zu erzählen, die in der Tat "wild" sind. Die Streckenarbeiter der Bahnlinie von Nairobi nach Mombasa beispielsweise waren ständig den Angriffen hungriger Löwen ausgesetzt. 140 Bahnarbeiter wurden gefressen, ein Löwe drang sogar in das Zugabteil des englischen Hauptmanns Ryall ein und verschlang ihn. So wurde die "Poesie der Züge" für viele, die sie mit ihrer Hände Arbeit erst errichten mussten, zum Albtraum.
In insgesamt elf Kapiteln stellt Patrick Poivre d'Arvor die Geschichte jener oftmals unter Blut, Schweiß und Tränen errichteten Eisenbahnstrecken in dem kleinformatigen Bildband vor. Neben dem "Toy Train" und der Linie Nairobi-Mombasa schildert er den Bau der legendären "Transsibirischen Eisenbahn", des "California Zephyr", dessen Trasse durch die Rocky Mountains gesprengt wurde, des "Canadian", des "Orientexpress", des südafrikanischen "Blue Train" und des französischen "Train Bleu", des indischen "Palace on Wheels" und des südostasiatischen "Oriental Express" sowie, last but not least, der spektakulären Andenbahn - mit 4788 Metern über normal Null höchstgelegene Eisenbahntrasse der Welt.
Prägnant und anschaulich geschrieben, in einer hervorragenden Übersetzung aus dem Französischen von Marianne Glaßer, stehen die Kapitel der einzelnen Eisenbahnstrecken chronologisch nach den Jahren ihrer Eröffnung geordnet und mit einer Karte versehen auf edlem Kunstdruckpapier vor den jeweils dazugehörigen Bildteilen. Zahlreiche Zitate renommierter Literaten, wie etwa jene oben angeführte Reisebeschreibung von Mark Twain, leiten elegant zu den wunderschönen Fotographien über. Die ganzseitigen Farb- und Schwarzweißaufnahmen, teils aus jüngster Zeit, teils historisch, hinterlassen im Betrachter einen lebhaften Eindruck der Reise, gerade so als ob man selbst im Zug sitzen würde.
Wer also schon immer mal mit der Transsibirischen Eisenbahn durch die Taiga fahren, wer schon immer mal in 4.000 Metern Höhe über den Titicacasee blicken wollte, dem seien "Legendäre Eisenbahreisen" von Patrick Poivre d'Arvor ans Herz gelegt. Mit diesem wunderschönen Bildband löst man sich einen Fahrschein für die ganze Welt!